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Bildung

Erste europäische Gebärdensprach-Universität

Freie Studienwahl – das klingt gut, gilt aber nicht für Taube. Nur wenige Fächer werden in Gebärdensprache angeboten, Dolmetscher gibt es nicht an jeder Uni. Deshalb soll jetzt eine eigene Gebärdensprach-Uni entstehen.

Die Buchstaben D, E, F, G und H (l-r) - dargestellt in Gebärdensprache - zeigen diese Handmodelle in einer Sonderausstellung des Phyletischen Museums der Friedrich-Schiller-Universität Jena (Foto: dpa)

Die weltweit einzige Universität für taube Studenten steht in Washington DC. 2000 Studierende sind dort eingeschrieben und werden in der amerikanischen Gebärdensprache unterrichtet. Nach diesem Vorbild soll jetzt auch in Europa eine Gebärdensprach-Uni gebaut werden, auf einer ehemaligen US-Militärbasis im rheinland-pfälzischen Bad Kreuznach. Noch steckt das Projekt in den Kinderschuhen. Aber schon in ein paar Jahren sollen hier 2000 Studenten studieren können. An diesem Wochenende gab es ein erstes Benefizkonzert für die neue Universität, damit nehmen die Plände konkrete Formen an. Dr. Ingo Barth gehört zum Vorstand der "Gesellschaft der Europäischen Gebärdensprach-Universität".

DW-WORLD.DE: Was sind die größten Hürden für Taube und Schwerhörige im Studium?

Ingo Barth, Vorsitzender der Gesellschaft der Europäischen Gebärdensprach-Universität Bad Kreuznach e.V. (Foto: Tanja Barth)

Dr. Ingo Barth

Dr. Ingo Barth: Für die meisten Tauben ist es schwer, auf eigene Faust alleine unter Normalhörenden zu studieren. Sie benötigen Gebärdensprachdolmetscher, um den Vorlesungen und Seminaren folgen zu können. Mit ihren normal hörenden Kommilitonen, die in der Regel ja keine Gebärdensprache sprechen, können sie sich nicht unterhalten und auch nicht gemeinsam lernen. Deshalb studieren Taube lieber an Universitäten, an denen auch andere Taube eingeschrieben sind, zum Beispiel in Hamburg, Köln, Berlin oder Aachen. Die tauben Studenten wählen häufig Studiengänge der Sprach- und Sozialwissenschaften, zum Beispiel Gebärdensprach/Gehörlosen-Pädagogik, Psychologie oder Sozialarbeit. Wirtschaftswissenschaften, Ingenieurwissenschaften und Naturwissenschaften hingegen belegen nur sehr wenige taube Studierende.

Wie funktioniert denn für Taube das Studium an einer herkömmlichen Universität?

Die Tauben benötigen Gebärdensprachdolmetscher oder Mitschreibkräfte in ihrem Studium. Sie bevorzugen Dolmetscher, da nur durch sie die beidseitige freie Kommunikation gewährleistet ist. Die Kosten für die Gebärdensprachdolmetscher im Studium übernehmen üblicherweise die Hochschulen beziehungsweise die Studentenwerke. Dabei sind die Kosten für die Dolmetscher aber nicht einheitlich geregelt und die Tarife für freiberuflichen Dolmetscher oft nicht zufriedenstellend.

Sie selbst sind taub. Welche Erfahrungen haben Sie persönlich bei Ihrer Studienwahl gemacht?

Ich habe von 1996 bis 2004 an der Technischen Universität Berlin Diplomphysik studiert und anschließend bis 2009 an der Freien Universität im Fach Theoretische Chemie promoviert. Ich hatte keine tauben Mitstudenten. Für mein Physik-Studium habe ich vor allem die Hilfe von Mitschreibkräften in Anspruch genommen – meist Studierende höherer Semester –, um die Vorlesungen schriftlich festzuhalten und zu Hause nacharbeiten zu können. Damals war die Situation der Gebärdensprachdolmetscher noch nicht gut, und die Finanzierung für die Dolmetscher war miserabel.

Und wie waren Ihre Erfahrungen während der Promotion?

Aufgrund meines persönlichen Interesses, meiner Begabung sowie hoher Motivation habe ich den Studiengang Diplomphysik gewählt und bis zum Abschluss durchgehalten. Für meine Promotion reichten aber die Mitschreibkräfte nicht mehr aus, weil ich natürlich auf hohem Niveau mit meinen Kollegen diskutieren wollte. Deshalb habe ich Gebärdensprachdolmetscher eingesetzt, auch wenn es für die Dolmetscher natürlich eine sehr große Herausforderung ist, auf Hochschulniveau vom gesprochenen Englisch in die deutsche Gebärdensprache zu übersetzen – und umgekehrt.

Um Tauben und Schwerhörigen das Studium zu erleichtern, planen Sie jetzt die erste Gebärdensprach-Uni in Europa.

Der Campus der Gallaudet University in Washington DC (Foto: AP)

Die Gallaudet University in Washington DC ist bislang die weltweit einzige Gehörlosen-Uni

Es gibt weltweit nur eine einzige Universität, an der Kurse in Gebärdensprache angeboten werden, in Washington DC in den USA. Es ist an der Zeit, eine solche Uni in Europa zu gründen, um tauben Studenten in Europa die Chance zu bieten, hier zu studieren und nicht mehr extra und auf eigene Kosten zum Studium in die USA zu reisen. Die Universität soll für alle zugänglich sein, also auch für Normalhörende. Es wird keine Universität speziell für Gehörlose sein, sondern eine Uni, in der in einer speziellen Sprache, nämlich in einer Gebärdensprache, unterrichtet wird. Unterrichtssprache soll die Deutsche Gebärdensprache sein, in dem von uns geplanten Gebärdensprachzentrum sollen aber auch andere europäische Gebärdensprachen angeboten werden. Starten wollen wir mit 300 Studierenden. Auf Dauer rechnen wir mit 2000 Studienplätzen.

Was sind denn die Vorteile einer solchen Gebärdensprach-Uni?

Einmalig in dieser Gebärdensprach-Uni ist die direkte Kommunikation zwischen tauben und hörenden Dozenten und Studenten. Dennoch sollen auch Dolmetscher eingesetzt werden, zum Beispiel für die Kontakte mit außeruniversitären Einrichtungen. Außerdem sollen dort auch taube Gebärdensprachdolmetscher für das Dolmetschen von zwei verschiedenen Gebärdensprachen eingesetzt, zum Beispiel wenn ein tauber Gastprofessor aus den USA einen Vortrag bei uns halten will. Den tauben Absolventen eröffnen sich durch einen Abschluss an der geplanten Uni bessere berufliche Möglichkeiten. Sie können beispielsweise als Gebärdensprach-Lehrer in den inklusiven Regelschulen arbeiten oder sogar als taube Professoren oder Rechtsanwälte, wie das heute in den USA schon üblich ist.

Was für Studiengänge werden Taube und Schwerhörige an der neuen Europäischen Gebärdensprach-Universität belegen können?

Geplant sind anfangs mindestens zwei Fakultäten, eine im sprach- und sozialwissenschaftlichen Bereich und eine andere im technischen Bereich. Derzeit organisieren wir eine Umfrage zu diesem Thema, und nach der Auswertung und der Wahl des Beirats der Uni-Gesellschaft wollen wir die ersten Fakultäten und Studiengänge festgelegen. Zuerst kümmern wir uns aber um die Finanzierung.

Wie viel wird die Universität denn kosten, und wer zahlt das?

Die Gesamtkosten der Uni für Bau und Renovierung schätzen wir auf 100 Millionen Euro. Derzeit sammeln wir Spenden von privaten Personen und Investoren. Wir haben auch schon Kontakte zu Politikern auf allen Ebenen, Stadt, Kreis, Land, Bund und Europa. Wir planen, zunächst eine private Uni zu gründen und diese nach etwa zwei bis drei Jahren vom Bund finanzieren zu lassen.

Wäre es nicht sinnvoller, sich für ein Studium Schwerhöriger und Tauber an herkömmlichen Hochschulen einzusetzen und das Geld zum Beispiel in Dolmetscher zu investieren?

Natürlich beabsichtigen wir nicht, dass alle Tauben in Bad Kreuznach studieren. Jeder hat eine freie Studienwahl. Die Finanzierung für die Dolmetscher sollten nach wie vor die zuständigen Hochschulen übernehmen. Hier darf auch in Zukunft nicht gekürzt werden.

Mit welchen Hürden rechnen Sie bei der Gründung der Universität?

Das Hauptproblem ist natürlich die Finanzierung. Wir brauchen schon bis Januar 2011 die ersten zwei Millionen Euro für die Reservierung des ganzen Grundstücks. Nach dieser Frist könnten andere Investoren dieses Grundstück kaufen. Daher bemühen wir uns, möglichst viele Spenden in kurzer Zeit zu sammeln, insbesondere von Firmen oder aber auch von Stiftungen weltweit.


Das Gespräch führte Svenja Üing
Redaktion: Claudia Unseld