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Bildung

Erste deutsche Uni für Russland

Im Ukraine-Konflikt hat die deutsch-russische Freundschaft enorm gelitten. Nicht so in der Forschung. Hier setzt man auf Kooperation – mit der Gründung der ersten binationalen Universität in Russland.

Ob es sich um deutsche Technik und Ingenieurskunst oder die deutsche Wissenschaftskultur handelt – den Menschen im russischen Kasan, der Hauptstadt der Autonomen Republik Tatarstan, ist all das nicht fremd. Denn zahlreiche deutsche Firmen besitzen in dieser wichtigen Wirtschaftsregion Russlands Niederlassungen. Einge der über dreißig Hochschulen der Republik pflegen einen intensiven Austausch mit Deutschland. Genau dort die erste deutsch-russische Universität zu gründen, lag also auf der Hand. Und wurde von langer Hand geplant.

Doch nun überschatten der anhaltende Konflikt um die Ukraine und die internationalen Spannungen mit Russland die Eröffnung der neuen Hochschule, die in dieser Woche (2. September) ihren Lehrbetrieb aufnahm. Der

Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD)

und die deutschen Partnerhochschulen hoffen nun, mit ihrem Projekt ein Zeichen setzen zu können. "Konflikte werden gerade durch langfristiges Zusammenwirken bewältigt", ist der Rektor der

Technischen Universität Ilmenau

, Peter Scharff, überzeugt. "Wir arbeiten für die Zukunft. Und gerade jetzt dürfen wir keinen Halt machen."

Studium auf hohem Niveau

Am "German-Russian Institute of Advanced Technologies" (GRIAT) – so die offizielle Bezeichnung der neuen Universität – können die Studierenden in vier ingenieurwissenschaftlichen Masterstudiengängen einen Abschluss nach deutschen Standards machen, darunter in Elektro- und Energietechnik. Ihr drittes Fachsemester sollen sie an den beiden deutschen Partnerhochschulen, der TU Ilmenau und der

Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg

, verbringen.

Albert Gilmutdinov Rektor der Kasaner Universität (Foto: Kazan National Research Technological University)

Leitet die russische Partneruniversität der neuen deutsch-russischen Hochschule: Albert Gilmutdinov

Partnerin auf russischer Seite ist die Tupolew-Universität, die mit ihrem Zentrum für Innovative Technologien, Lehre und Forschung als eine der besten technischen Hochschulen Russlands gilt. Sie hat für die neue Uni ein Gebäude mit rund 20.000 Quadratkilometern zur Verfügung gestellt. "Unser Ziel ist klar", betont Rektor Albert Gilmutdinow. "Es ist eine deutsche Uni, die Doppelmasterabschlüsse und Promotionen für alle modernen technischen Studiengänge anbietet."

Gleichberechtigte Zusammenarbeit

GRIAT startet zunächst mit vier Masterstudiengängen: Kommunikations- und Signalverarbeitung, Informatik- und Systemtechnik, Elektrotechnik und Informationstechnologien sowie Chemie- und Energietechnik. 40 Studierende wurden unter fast 200 Bewerbern ausgewählt. Unterrichtsprache ist Englisch, aber in Deutschkursen können sich die Studierenden auf ihren Studienaufenthalt in Deutschland vorbereiten. Zumindest ein Auslandssemester an den Partneruniversitäten gehöre dazu, erklärt Albert Gilmutdinow.

Bei der neuen deutsch-russischen Hochschule handele es sich nicht um ein Hilfsprogramm, betont der Rektor, sondern um eine gleichberechtigte Zusammenarbeit. Daher wird die Uni auch gemeinsam finanziert. Die russische Seite übernahm die gesamten Baukosten. Der DAAD trägt die Personalkosten, die an den Universitäten entstehen und das Bundesministerium für Bildung bezahlt die Studienplätze, die in den ersten zwei bis drei Jahren kostenlos sind. Längerfristig sollen aber Studiengebühren eingeführt werden. Von russischer Seite werde es Stipendien geben, kündigt Gisela Zimmermann vom DAAD an.

Kurz vor der Eröffnung der neuen deutsch-russischen Universität sind noch Bauarbeiten zu erledigen. (Foto: Kazan National Research Technological University)

Zentral auf dem Campus der Tupolew-Universität gelegen: Die neue deutsch-russische Hochschule kurz vor der Eröffnung

Großes Interesse bei russischen Studenten, wenig bei deutschen

Der DAAD rechnet damit, dass das Interesse der russischen Studierenden an dem neuen Studienangebot in den kommenden Jahren noch steigen wird. Daher sei geplant, das Angebot innerhalb der nächsten fünf Jahre auf 14 Studiengänge zu erweitern, erklärt Gisela Zimmermann. "Wenn sich die politische Situation weiter verschärft, kann es aber schwierig werden, deutsche Partneruniversitäten zu finden", schränkt sie ein.

Auch das erklärte Ziel des DAAD, deutsche Studierende nach Kasan zu locken, könnte sich dann wohl kaum realisieren lassen. "Unter den Studierenden haben wir schon heute eine klare Westorientierung", bedauert Gisela Zimmermann. "Dabei könnte vielen ein Studium an einer Uni wie in Kasan ganz neue Jobchancen eröffnen." Und Studiennachteile in Deutschland müssten sie gar nicht fürchten. "Es gibt keinen Zeitverlust, denn alle Scheine werden anerkannt." Außerdem schließen die Absolventen ihr Studium mit einem deutschen und russischen Diplom ab.

Frieden schaffen mit Austausch

Neben dem studentischen Austausch ist auch ein intensiver wissenschaftlicher Austausch geplant. Deutsche Professoren sollen nach Kasan kommen, russische Kollegen nach Deutschland. Schließlich wolle man in Kasan von den deutschen Wissenschaftsmethoden profitieren, erklärt Gisela Zimmer. Dazu gehört eine engere Verzahnung von Forschung und Lehre und eine stärkere projektbezogene Zusammenarbeit mit der Wirtschaft.

"Gerade, wenn sich die Fronten verhärten, ist es ganz wichtig, einen intensiven Austausch zu pflegen", betont die DAAD-Expertin. "Wer in einem anderen Land studiert, forscht und lehrt, gewinnt einen neuen Blick und kann zum Brückenbauer zwischen den Kulturen werden."

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