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Europa

Erst leuchten Kerzen, dann fliegen Steine

Die seit Jahrzehnten schwersten Unruhen in Griechenland haben auch am Wochenende angedauert. Bis zum Sonntagmorgen warfen Randalierer in Athen mit Brandflaschen und Feuerwerkskörpern auf Polizisten.

EPA/VASSIL DONEV +++(c) dpa - Bildfunk+++

Auge in Auge: Ein Demonstrant versucht, einen Polizisten zu provozieren

EPA/ORESTIS PANAGIOTOU +++(c) dpa - Bildfunk+++

Auch das gab es: ein friedfertiger Demonstrant möchte Polizisten vor anderen Demonstranten schüzen

Die achte Nacht der Gewalt in Athen beginnt mit einer friedlichen Mahnwache auf dem Syntagma-Platz. Vor dem Parlament versammeln sich am Samstagabend rund 1000 Menschen. Sie ordnen Kerzen auf dem Pflaster zum Namen "Alex" an - der 15-jährige Alexandros Grigoropoulos ist nach den tödlichen Polizeikugeln vom 6. Dezember zur Symbolfigur der Aufstandsbewegung geworden.

Dann nimmt das erwartete Geschehen seinen Lauf. Gegen 1.00 Uhr früh am Sonntagmorgen (14.12.2008) gehen Polizisten gegen die Mahnwache vor. Sie versuchen, die Menge vom Parlament abzudrängen. Die Demonstranten ziehen sich zurück, aber über dem Platz ist die drohende Konfrontation zu spüren.

Aufgebrachte Menge

An mehreren Stellen der Umgebung errichten hunderte Menschen Barrikaden und setzen sie in Brand. Die Polizei wird mit Steinen und Leuchtraketen angegriffen. Mit Laser-Pointern werden die Ziele markiert. "Mörder raus", rufen die Jugendlichen. Bereitschaftspolizisten setzen Tränengas ein und verfolgen die Aufständischen durch die Straßen.

Diese sammeln sich neu. Einige sind mit Motorrädern unterwegs und werfen Brandsätze. Ziele sind eine Polizeiwache im Stadtzentrum sowie mindestens drei Banken, mehrere Geschäfte und ein Behördengebäude. Eine Gruppe von Randalierern dringt in die Technische Universität ein und greift von dort aus die Polizei mit Steinen und Leuchtraketen an.

EPA/VASSIL DONEV +++(c) dpa - Bildfunk+++

Mehr als 400 Menschen wurden bislang festgenommen - die Regierung geht von einem Schaden von 200 Millionen Euro aus

Drängende Fragen

In der Öffentlichkeit wird indes immer deutlicher die Frage laut, warum das mit Spannung erwartete offizielle Ergebnis der ballistischen Untersuchung im Falle der Tötung des 15-Jährigen immer noch nicht vorliegt. Nach unbestätigten Medienberichten sollen Experten zu dem Schluss gelangt sein, dass der Junge von einem Querschläger getötet worden sei. Am tödlichen Geschoss seien Rückstände von Außenverputz gefunden worden, berichtete die Athener Zeitung "Kathimerini" unter Berufung auf gut informierte Kreise in der Staatsanwaltschaft.

Augenzeugen hatten dem 37 Jahre alten Polizisten, der die Schüsse abgefeuert hatte, Mord vorgeworfen. Der Beamte hatte dagegen ausgesagt, er habe lediglich Warnschüsse abgegeben. Sollte die Kugel an einer Mauer abgeprallt und so zum Querschläger geworden sein, ginge es nach griechischem Recht lediglich um fahrlässige Tötung. Der 37-jährige Polizist sitzt derzeit in Untersuchungshaft und ist wegen Mordes angeklagt. Einem ebenfalls inhaftierten Kollegen wird Beihilfe vorgeworfen.

Aus Polizeikreisen verlautete, die Veröffentlichung des Untersuchungsergebnisses werde möglicherweise wegen der Befürchtung hinausgezögert, dass dadurch die Krawalle wieder angefacht werden könnten. Viele Demonstranten seien davon überzeugt, dass der Polizist gezielt geschossen habe, und würden dann womöglich glauben, dass die Untersuchung manipuliert worden sei.

Zwei Krisen auf einmal

Einige Demonstranten auf dem Syntagma-Platz kündigten an, solange auf den Straßen zu bleiben, bis sie mit ihren Forderungen gehört werden - darunter ein Rücktritt der konservativen Regierung und eine neue Wirtschaftspolitik. "Als Anarchisten wollen wir soziale Bedingungen schaffen, die mehr Aufstände erzeugen und mehr Leute auf die Straße bringen", sagte der 32-jährige Paris Kyriakides. "Letztlich ist die Gewalt, die wir einsetzen, minimal im Vergleich zur Gewalt des Systems, wie sie etwa von den Banken eingesetzt wird."

Die gewaltsamen Proteste seien Ausdruck einer weit verbreiteten Unzufriedenheit in der Öffentlichkeit, erklärte der konservative Zeitungsverleger Giorgos Kyrtsos. "Wir treten jetzt in eine lange Periode der Wirtschaftskrise ein", sagt Kyrtsos. "Aber es gibt auch eine sich vertiefende soziale Krise, in Verbindung mit einem schwachen Staat. Wir befinden uns wirklich an einem Kreuzweg." (mas)

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