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Politik

Erst lesen, dann chatten

Weltweit können mehr als 770 Millionen Erwachsene nicht richtig lesen und schreiben - allein in Deutschland sind es rund vier Millionen. Zum Alphabetisierungstag am 8. September ein Beispiel aus Köln.

Das Archivbild zeigt den Lehrer Dieter Herbst, der beim Projekt Alphabetisierung der Gesellschaft für Berufsbildung in Hamburg an der Tafel erwachsenen Schülern einige Regeln der deutschen Rechtschreibung erklärt. (Foto: Soeren Stache/dpa)

Alphabetisierungskurse für Erwachsene

Analphabetin Sonja H. in der Volkshochschule Köln-Chorweiler am 07.09.2009 (Foto: Tobias Oelmaier)

Sonja H. kann inzwischen schon ein paar Worte schreiben

Ich treffe Sonja in einem Büroraum der Volkshochschule in Köln-Chorweiler. Sonja hat diesen Ort für unser Treffen gewählt, denn hier fühlt sie sich sicher. Fast wie in einem zweiten Zuhause. Es war gar nicht so einfach, einen Analphabeten für ein Interview zu finden. Nicht Lesen und Schreiben zu können ist den meisten peinlich - sie meiden die Öffentlichkeit.

Sonja ist eine gepflegte Frau von Anfang vierzig, groß, schlank, freundlich. Sie sei Sinti, erzählt sie, "eine Zigeunerin. Wir sind früher mit Wohnwagen durch die Länder gereist. Meine Mutter kann auch nicht lesen." Wie auch die beiden Geschwister. Die Schule kannten sie nur von außen. Aber es lag nicht nur an der Familiengeschichte, sondern auch - das gibt sie heute zu - an der eigenen Bequemlichkeit: "Ich hab kein Interesse gezeigt, denn ich hatte die Einstellung: Ich heirate mit 18 oder 20, kriege Kinder. Ich brauche das nicht, Lesen und Schreiben. Es reicht, wenn mein Mann lesen kann." Das sei damals ihre Einstellung gewesen, betont sie, heute sei das ganz anders.

Irgendwie ging´s immer

Bei Behördengängen, bei wichtigen Briefwechseln half früher eine gute Freundin. Später, als die Kinder eingeschult wurden, wählte Sonja die offene Variante: Auch wenn es schwer fiel, offenbarte sie sich den Lehrern, sagte ihnen, dass sie Sohn und Tochter nicht würde helfen können. Es tat ihr weh. Aber sie bekam Unterstützung vom Jugendamt. Sogar Nachhilfestunden wurden den Kindern zugestanden. Mit Erfolg, denn heute steht der Nachwuchs auf eigenen Beinen. Der Sohn als Automechatroniker, die Tochter in der Ausbildung zur Friseurin. Darauf ist Sonja stolz. Und auch darauf, dass sie bald Oma wird. Dieses Ereignis war dann auch der Auslöser, doch noch selbst Lesen und Schreiben zu lernen: "Wenn der mal sieben oder acht ist und fragt: 'Oma, warum kannst du nicht lesen?' Da dachte ich mir: Das tue ich mir nicht mehr an. Jetzt möchte ich Lesen und Schreiben lernen."

"Pages" ist mehr als nur ein Schreib- und Lesekurs

Alphabetisierungskurs in Köln: Volkshochschule Köln-Chorweiler am 07.09.2009 (Foto: Tobias Oelmaier)

Eingang zur VHS - Zugang zum Lesen und Schreiben

Rund eineinhalb Jahre lernt Sonja jetzt im Rahmen des Projektes "Pages", einer Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, der Universitäten Köln und Siegen und der Volkshochule Köln. Dabei werden deutsche Muttersprachler und Menschen mit Zuwanderunshintergrund ohne Deutschkenntnisse nicht nur in den Klassenräumen geschult. Sozialarbeiterinnen helfen auch bei Behördengängen, beim Ausfüllen von Formularen, geben auch mal Tipps für die Lebensführung. Und wenn jemand mal nicht mehr in den Unterricht kommt, dann haken sie nach: Läuft zu Hause etwas schief? Ist jemand krank geworden? Wächst die Arbeit über den Kopf? Insgesamt fünf Kurse gibt es momentan in Köln, alle an sozialen Brennpunkten. Die Menschen sollen nicht zur Schule kommen, sondern die Schule zu den Menschen. Denn viele könnten sich nicht einmal die Karte für die Straßenbahn leisten.

Sonja kann inzwischen schon einige Worte aufschreiben, das wichtigste lesen, findet sich auf der Straße zurecht. Es dauert halt alles ein wenig länger, wenn man erst im Erwachsenenalter anfängt. Aber davon lässt sie sich nicht entmutigen: "Ich hab schon viel gelernt. Ich schätze mal, noch ein Jahr oder zwei wird es dauern. Und dann darf ich mich endlich auch mal an den PC setzen und chatten."

Traumberuf Kassiererin

Lesen und Schreiben sind wichtig, wenn es darum geht, einen Arbeitsplatz zu finden. Bislang waren es Putzjobs, Auffüllen von Regalen. Momentan lebt sie von Hartz IV. Aber sie hat ein Ziel: Verkäuferin, an der Kasse sitzen, das wär´s. Die ersten Schritte in dieses neue Leben hat sie bereits gemacht. Zweimal wöchentlich je zwei Stunden Kurs an der VHS. Inzwischen ist es ihr auch nicht mehr peinlich, über ihre Schwäche zu sprechen. Sie hat Selbstbewusstsein getankt durch die Erfolgserlebnisse: "Ich schäme mich nicht mehr dafür. Die Welt soll ruhig wissen, dass es für Analphabeten eine Schule gibt. Man kann nur daraus lernen!"

Autor: Tobias Oelmaier
Redaktion: Hartmut Lüning

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