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Wirtschaft

Erst die Krise, dann die Moral

Unmoralisches Verhalten ist nach wie vor in vielen Unternehmenskulturen Europas verbreitet, haben die Unternehmensberater von Ernst&Young herausgefunden. Sie befragten 2300 Firmen in 25 europäischen Ländern.

Geldscheine wechseln den Besitzer (Foto: dpa)

Deutsche Unternehmen werden sensibler für das Thema Korruption. Nur drei Prozent der deutschen Topmanager und zwölf Prozent des übrigen Personals halten Schmiergelder für legitime Mittel der Geschäftsausweitung - 2009 war noch jeder Vierte dieser Meinung. In Europa sind es in diesem Jahr 18 Prozent der Topmanager und 17 Prozent der übrigen Mitarbeiter. Das sind Ergebnisse einer Umfrage der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young unter 2300 Beschäftigten aus 25 europäischen Ländern.

Stefan Heißner, Anti-Korruptionsexperte bei Ernst&Young (Foto: Ernst&Young)

Stefan Heißner: "Geringer Druck, höhere Moral"

Offenbar gebe es einen Zusammenhang zwischen Korruptions-Toleranz und der Intensität, mit der die Unternehmen in den verschiedenen Ländern unter der Krise gelitten haben, vermuten die Unternehmensberater von Ernst&Young. Darauf deuteten die Ergebnisse aus Deutschland hin, das die Krise besser überstanden habe als viele andere Nationen. Während in ganz Europa 27 Prozent der Befragten befürchten, dass noch mehr Firmen in finanzielle Nöte geraten, sind es in Deutschland nur vier Prozent. "Der geringere Druck schlägt sich augenscheinlich in einer höheren Moral bei deutschen Unternehmen nieder", schreibt Stefan Heißner, Leiter der Abteilung Betrugsbekämpfung bei Ernst&Young.

Führungskräfte halten besonders wenig voneinander

Eingang der Ernst&Young GmbH in Berlin (Foto: picture alliance)

Ernst & Young in Berlin: 2 300 Firmen befragt

Man kann es auch anders ausdrücken: Wer weniger finanzielle Sorgen hat, kann es sich besser leisten, über Ethik und Moral nachzudenken. Im übrigen Europa sieht das anders aus. Dort hält fast jeder fünfte Befragte Schmiergelder, Geschenke und "Unterhaltungsprogramme" für ein akzeptables Mittel, den Umsatz zu steigern. Besonders ausgeprägt sei die Bereitschaft zu Geldgeschenken in Griechenland und Russland, am ehrlichsten ginge es dagegen in Frankreich und Norwegen zu, schreiben die Unternehmensberater in ihrer Studie "European Fraud Survery 2011".

Europaweit geben zwei Drittel der Befragten an, dass Korruption in ihren Ländern nach wie vor gängige Praxis ist. Besonders hoch ist der Anteil in den schnell wachsenden Schwellenländern. In Deutschland sind 45 Prozent der Beschäftigten der Meinung, dass es im Geschäftsleben häufig zu Korruption kommt. Etwa 60 Prozent aller Befragten gehen davon aus, dass es ihre Führungskräfte in schwierigen Zeiten mit der Moral nicht so genau nehmen, um geschäftliche Ziele zu erreichen. Und unter den Führungskräften selbst teilen sogar 78 Prozent der Befragten diese Meinung.

"Es ist unübersehbar, dass sich in Deutschland einiges getan hat", urteilt Stefan Heißner. Offenbar hätten Bestechung und Korruption nicht mehr das Image von Kavaliersdelikten, sondern von eindeutig kriminellen Handlungen. Heute sind 90 Prozent der deutschen Mitarbeiter überzeugt, dass die Staatsanwaltschaften ernsthaft gewillt sind, Fehlverhalten zu verfolgen. Mit dieser Auffassung steht Deutschland gemeinsam mit Norwegen auf dem dritten Platz unter den Top Fünf der Rechtsbewussten, nach Schweden und der Schweiz und vor Großbritannien. Schlusslichter dieser Rangliste sind Russland, Tschechien, Kroatien, die Ukraine und Irland.

Autor: Rolf Wenkel
Redaktion: Henrik Böhme

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