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Bildung

Erst üben, dann studieren

Immer jünger, immer ungebildeter – so sehen viele deutsche Professoren ihre Studenten. Die Bildungsdefizite der jungen Generation versuchen einige Hochschulen nun mit einem Vorbereitungsjahr aufs Studium auszugleichen.

Eine Gruppe von Studenten lernt gemeinsam in einer Bibliothek (Foto: Fotolia / Robert Kneschke)

Erst Abitur, dann Studium – das war für Angela Osthoff ganz klar. Doch was genau sie studieren wollte, wusste sie nicht. "Mir haben alle Fächer Spaß gemacht", erzählt die 21-jährige Geschichtstudentin. Ein Jahr wollte sie sich geben, um herauszufinden, ob sie lieber Medizin, Griechisch, Geschichte oder Physik studieren sollte. Als sie sich vor zwei Jahren auf die Suche nach einem intensiven "Studium Generale" machte, gab es in Deutschland nur eine Adresse: das Leibniz-Kolleg an der Universität Tübingen.

Das Leibniz-Kolleg in Tübingen (Foto: Mison)

Leibniz-Kolleg in Tübingen

Seit 1948 bereitet das Kolleg 53 Abiturienten aus ganz Deutschland jeweils ein Jahr lang auf das Studium vor. Die Teilnehmer leben und lernen zusammen in einem Haus. "Ich habe Einblick in viele Studienfächer bekommen und die Grundlagen des wissenschaftlichen Arbeitens gelernt", erzählt Angela Osthoff. Aber auch das soziale Miteinander im Wohnheim habe sie "super selbstständig" werden lassen, schwärmt die ehemalige Leibniz-Kollegiatin.

Abitur allein reicht nicht mehr aus

Was in Tübingen schon eine lange Tradition hat, wird nun auch an anderen deutschen Universitäten angeboten: das sogenannte "Foundation Year". Das Vorbereitungsjahr aufs Studium ist in vielen anderen Ländern längst üblich, in Deutschland aber reichte bislang das Abitur als "Eintrittskarte" für die Hochschule. Doch aufgrund der verkürzten Schulzeit werden die Studenten immer jünger, die Orientierung in einem Hochschulsystem mit stark spezialisierten und durchstrukturierten Studiengängen immer schwieriger. Außerdem, so klagen viele Professoren, fehlten vielen Studenten heute grundlegende Kenntnisse, um erfolgreich ein Studium absolvieren zu können.

Ein mit Studenten gefüllter Hörsaal an der Karlsruher Universität Fridericiana (Foto: dpa)

Masse statt Klasse? Überfüllter Hörsaal

Hinzu kommt, dass in Deutschland immer mehr Studierende an die Hochschulen strömen. Mehr als 500.000 Studienanfänger gibt es in diesem Wintersemester – so viele wie nie zuvor. Viele Universitäten können den Ansturm kaum bewältigen und versuchen die Studierendenzahlen mit Eignungstest oder besonders guten Abiturnoten als Voraussetzung für bestimmte Studiengänge zu begrenzen.

Förderung statt Selektion

Statt mit Selektion auf den Andrang zu reagieren, sollten die Hochschulen den Erstsemestern mehr Unterstützung bieten, meint Christian Berthold, Geschäftsführer von CHE Consult in Gütersloh, einer Beratungsgesellschaft des Centrums für Hochschulentwicklung. "Das alte Ideal des 'erwachsenen Studierenden', der ohne jegliche Hilfe an der Hochschule zurechtkommt, passt heute nicht mehr." Grundsäztlich sollte jeder Student sollte willkommen sein und entsprechend seinen Fähigkeiten gefördert werden, meint Berthold. Dies sei angesichts des demografischen Wandels und drohenden Fachkräftemangels dringend nötig.

Eine blonde Managerin macht sich am Schreibtisch in ihrem Terminplaner Notizen (Foto: picture-alliance/chromorange)

Professorenideal: Die strebsame Studentin

Bislang allerdings hätten viele deutsche Hochschulen noch Probleme damit, die Vielfalt an den Universitäten als eine "Quelle der Bereicherung" zu sehen, beobachtet der CHE-Geschäftsführer. Sein Institut hat gerade eine Studie vorgelegt, nach der nur 13 Prozent der Studierenden dem Idealbild ihrer Professoren entsprechen. Für "studierfähig" hielten sie nur diejenigen Studenten, die hochmotiviert, strebsam und fleißig seien. Alles, was davon abweiche, werde schnell als "defizitär" wahrgenommen.

Credit Points fürs Vorstudium

"Wir brauchen aber Professoren, die ihre Studenten motivieren und sie so weit wie möglich fördern", erklärt Berthold. Hier könne Deutschland von den amerikanischen Hochschulen mit ihrer ausgeprägten Feedback-Kultur lernen. Die Einführung von "Foundation Years" hält der Studienleiter ebenfalls für sinnvoll.

TU München Audimax bei Nacht (Foto: TU München / Albert Scharger)

Will Studenten fit machen für die Technik: TU München

Dabei muss es sich nicht immer um ein "Studium Generale" handeln. Die Technische Universität München bietet naturwissenschaftlich interessierten Abiturienten seit 2010 ein "Studium Naturale" an. Ein Jahr lang werden ihnen wichtige Grundlagen fürs Studium in Physik, Biologie, Chemie und Mathematik vermittelt. Dabei können sie auch schon sogenannte "Credit Points" für das Fach sammeln, das sie später studieren.

Vermittlung sozialer Kompetenz

An der privaten Jacobs University in Bremen gibt es ebenfalls seit einem Jahr ein "Foundation Year". Hier erwerben die Teilnehmer neben Englisch und Mathematik Grundkenntnisse der Wirtschafts-, Ingenieurs- und Naturwissenschaften. Außerdem lernen sie wissenschaftliches Arbeiten und akademisches Schreiben. Dafür müssen sie tief in die Tasche greifen: Rund 23.000 Euro kostet das "Foundation Year". Zwar sind auch die Programme in Tübingen und München nicht kostenlos, aber deutlich billiger.

Angela Osthoff im Leibniz-Kolleg in Tübingen (Foto: Angela Osthoff)

Gut vorbereitet aufs Studium: Angela Osthoff

Dennoch wird das "Foundation Year" in Bremen besonders von ausländischen Studienanfängern geschätzt, die mit 16 oder 17 Jahren noch jünger als deutsche Abiturienten sind und noch mehr Orientierung brauchen. Je jünger also, desto dringender ein Vorbereitungsjahr? Nicht unbedingt, meint Angela Osthoff. Aber, so gibt sie zu, beim Studium gehe es nicht nur ums Wissen. "Man braucht auch eine gewisse persönliche Reife."

Autorin: Sabine Damaschke

Redaktion: Gaby Reucher

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