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Sprachbar

Error 404: Lernen bis zum Umfallen

Sport und Sprachen lernen in Kursen: Völlig out. Lieber alles auf einmal, mit einem bunten E-Learning-Programm. Zeit und Geld gespart. Nur nicht ungefährlich, wenn sich der niedliche digitale Trainer als Sadist entpuppt.

Ein Mann spielt virtuell Golf

Golfspielen und Mathelernen gleichzeitig kann böse Folgen haben

Ich lerne digital. Wozu noch Volkshochschulkurse im Stricken, Abendschule für den späten Hauptschulabschluss oder Schnuppersport mit tätowierten Muskelpaketen? Auch den Rentner-Volkshochschulsprachkurs "Yes we can – Französisch für Anfänger" habe ich endgültig zum letzen Mal besucht. Ich habe ja meinen Computer.

Der neuste digitale Schrei ist die Kombination von mehreren Lernprogrammen. Für gestresste Schüler, die sonst den ganzen Lernstoff nicht an einem Schultag schaffen. Digitale Fächerzusammenlegung nennt sich das: Statt Musik- und Kunstunterricht Singen beim Malen, statt Mathe- und Sportunterricht Rechnen beim Rennen. Und das alles vor dem PC.

Späte Rache

Ich beginne mit Level 1 – eine leichte Sprache lernen und Sport machen. Bei mir zu Hause im Wohnzimmer. Französisch für Anfänger und Joggen. Während ich mich auf dem digital gesteuerten Fließband warm laufe, ohne mich von der Stelle zu bewegen, und dabei "Ein Milchkaffee bitte" auf Französisch brabbele, denke ich mit Wonne an die gescheiterten Erklärungsversuche von Roswitha Fäcking-Knetterheide, meiner verhassten Französischlehrerin in der 8. Klasse.

Der kleine Sadist

Mein "Personal Trainer" hier heißt Toshi und ist ein neonbunter digitaler Wellensittich mit fies-freundlichem Grinsen und großen Kulleraugen. Toshi hopst permanent am unteren Bildschirmrand und animiert mich mit seiner digitalen Blechsprache zu Höchstleistungen. Grad lobt er meine französische Aussprache bei Bonjour Monsieur: "Bitte nochmal wiederholen. Gut gemacht. Du bist sehr stabil. Du erreichst das zweite Level. Bitte weitermachen".

Ich habe jetzt achtzehn Mal “Bonjour Monsieur" gesagt und bin 1,5 Kilometer getrabt, ohne mich auf meinem Wohnzimmerteppich von der Stelle zu bewegen. Die wahren Herausforderungen liegen im Detail ... schwitzen tu ich trotzdem.

Mathe und ein zerschmettertes Service

Toshi startet für mich Level 2. Wir wechseln auf Mathematik. Wurzel ziehen bei Aerobic geht noch. Toshi flattert und plustert sich. Beim Golfspielen mit Integralrechnung hole ich zu weit aus. Der Steuerungsknüppel meiner Spielekonsole zerschmettert das Kaffeeservice von Oma Friedchen. Toshi freut sich. "Die Antwort lautet Wurzel aus 47 hoch 5. Das war richtig. Du bist sehr stabil".

Auch beim Badminton bin ich stabil. Während ich noch über die n’te Ableitung von Pi grübele, gelingt mir ein Schmetterball, der Toshi fünf digitale Federn kostet – und meinen Goldfisch das Leben. Dafür schaffe ich es beim Hulahoop-Reifen-Schwingen nicht fehlerfrei, den Erlkönig von Goethe zu zitieren: Ich stehe bis zu den Knöcheln in den Resten aus dem ausgelaufenen Aquarium. Toshi, der militante Wellensittich, treibt mich weiter an: " Dein IQ-Gewinn beträgt plus 5,26 Punkte. Du musst weitermachen. Du bist sehr stabil".

Alltagsjapanisch auf der Sprungschanze

Wir erreichen gemeinsam Level 3: schwierige Sprache und anspruchsvoller Sport: Skispringen. Dazu wählt Toshi für mich seine Heimatsprache: Alltagsjapanisch. Die Kulleraugen des grellbunt-digitalen Federviechs formen sich zu Schlitzen. "Beuge dich vor. Beuge dich ganz weit vor", sagt er blechern. "Geh leicht in die Knie. Strecke deinen Po heraus". Ich hänge in einer Mischung aus Sumo-Ringer und Bandscheibenvorfall vor dem Bildschirm. Mein Oberkörper ist so weit nach vorn gebeugt, dass ich mit der Nase den Computerbildschirm plattdrücke.

Ein Absprung mit Folgen

Toshi steht mir Aug’ in Schnabel gegenüber und bewertet fachmännisch: "Du bist sehr stabil". Die Computeranimation zeigt eine Sprungschanze in Lebensgröße – und mich obendrauf. Ich bekomme Angst. Toshi beginnt, mir die wichtigsten Alltagssätze auf Japanisch einzutrichtern. Ich spreche eifrig nach: "Wo ist der Bus? Was kostet das Bier? Wo ist die Damentoilette?"

Auf digitalen Skiern sause ich in meinem Wohnzimmer die Sprungschanze herunter. Toshi schreit: "Jetzt!" Ich hebe ab. Meine Skier erheben sich in den Schanzenhimmel nahe der Wohnzimmerdecke – mitten in der dritten japanischen Wiederholung von "Hilfe, ich habe Durchfall".

Totalabsturz

Der darauffolgende Absturz ist alles andere als digital. Im Fallen reiße ich die Spielekonsole mit mir. "Error 404" blinkt über Toshis entgeistert aufgerissenem Schnabel. Dass er mich anschließend mit digitalen Schneebällen bombardiert, dabei den Satz des Pythagoras zwitschert und Auszüge aus Mozarts Kochbuch auf Französisch rezitiert, bekomme ich schon nicht mehr mit. "Totalabsturz" diagnostiziert man später im Krankenhaus.

Als ich nach drei Tagen wieder zu mir komme, begrüße ich den Arzt versehentlich auf Japanisch mit: "Wo ist die Damentoilette?" Der grinst mich an und zwitschert: "Sie sind wieder sehr stabil".

Autorin: Anna Kuhn-Osius

Redaktion: Beatrice Warken/Raphaela Häuser

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