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Kultur

Ernst und direkt - wenn Kinder Theater erleben

Sie schauen nicht einfach nur zu - Kinder "leben" die Geschichte mit: Viel Fantasie und Witz sind gefragt, um Kinder zu unterhalten. Doch das Wichtigste ist, sie ernst zu nehmen.

Szene aus 'Herr Bello und das blaue Wunder', Theater für Kinder, Kindertheater, Hamburg

Bloß nicht albern werden, auch wenn ein Hund mit am Tisch sitzt

Es ist eng, sehr eng. Marc Zabinski steht am Rand der Bühne, zwischen hölzernen Trennwänden. Er wartet auf seinen nächsten Einsatz als Apotheker Sternheim in "Herr Bello und das blaue Wunder". Während die Kinder im Zuschauersaal des Hamburger "Theater für Kinder" nur Augen für die Szene auf der Bühne haben, sieht man dem Schauspieler hinter der Bühne die Konzentration auf seine Rolle an. Ganz leise spricht er den Text seiner Kollegen mit, schüttelt sich noch mal richtig aus, um dann mit vollem Elan wieder seine Rolle zu spielen. "Ich muss versuchen, ein Bild zu erstellen, das die Kinder verstehen", sagt Zabinski. Das unterscheide für ihn das Kindertheater vom Theater für Erwachsene. "Hier muss man vor allem die Gefühle ansprechen. Bei den Erwachsenen kommt es mehr auf den Wortwitz an."

Szene aus 'Herr Bello und das blaue Wunder'

Gefühle ansprechen: Das wichtigste im Kindertheater

Kindlichkeit ansprechen

So entsteht eine Theaterwelt, in die die Kinder eintauchen können - mit Geschichten, die sie verstehen und die sie interessieren. "Es müssen Themen sein, die mit der Lebenswirklichkeit der Kinder zu tun haben", sagt Björn Kruse, der Regisseur von "Herr Bello und das blaue Wunder". Bei dem sehr ironischen Stück des Herrn Bello müsse man immer beachten inwieweit Kinder Ironie verstehen. "Meine Erfahrung ist, dass Kinder sehr viel verstehen und sehr viel mitnehmen und das ist immer die beglückende Erfahrung, wenn Kinder und Erwachsene an denselben Stellen lachen", sagt Kruse.

Fantasie und Witz – aber nicht albern

So ist es auch in dieser Vorstellung, wenn der zum Mensch gewordene Hund Bello die ordentliche Welt der Erwachsenen durcheinander bringt. Doch bei all dem Chaos in Paul Maars Geschichte wirkt das Stück an keiner Stelle albern. "Man muss auf das kindliche Wesen eingehen, aber man muss auch gleichzeitig als Erwachsener authentisch bleiben", sagt Kruse. Er inszeniere Stücke für Kinder daher nicht, in dem er sich vorstelle, was ihnen gefallen könnte, auch wenn es ihm selber missfalle. "Die Geschichte muss stringent, ernsthaft, natürlich mit viel Fantasie und Witz erzählt werden und wenn man noch ein bisschen Raum für die Reaktionen der Kinder lässt, dann wird man den richtigen Ton treffen, der die Kinder auch erreicht."

Mitmach-Theater, wenn es sich anbietet

Denn die Kinder leben das Theaterstück mit. Als Frau Knapp vom Jugendamt kommt und bei den Sternheims ein heilloses Chaos in der Wohnung herrscht, sind auch die jungen Zuschauer sichtlich nervös. Als Vater Sternheim und Max panisch aufräumen, zeigt ein Junge aufgeregt auf eine leere Tüte, die noch unterm Tisch liegt. Ein Mädchen ruft "da, die Flasche muss weg".

Die Schauspieler gehen auf die Reaktionen allerdings nicht ein, das Stück lässt ein Mitmach-Theater nicht zu, findet der Regisseur: "Dieses Durcheinander ist schon so groß, dass das totale Chaos auf der Bühne entstehen würde, wenn man den Kindern jetzt auch noch mitspielen ließe." Auch die Schauspieler scheinen lieber ihre Rolle zu spielen, als Dialoge mit den Kindern führen zu müssen. "Ich finde, dass man Kinder ernst nehmen sollte und dazu gehört auch, dass sie ein klassisches Theaterstück anschauen können", sagt Benjamin Hübner, der die Hauptrolle des Herrn Bello spielt.

Szene aus 'Herr Bello und das blaue Wunder'

Ironie verstehen Kinder nur bis zu einem gewissen Grad - aber sie nehmen sehr viel mit

Schauspiel gleich Schauspiel?

Daher gebe es für ihn auch kaum einen Unterschied, ob man für Kinder oder für Erwachsene spielt. "Vielleicht ist es etwas leichter in einer Kinder-Aufführung zu spielen", meint Johanna Lehmann, die gleich drei der vier Rollen hat. Sie steht zum ersten Mal für Kinder auf der Bühne. "Dadurch, dass man eine Fantasiewelt, eine Wunschwelt spielt, ist es einfacher authentisch zu wirken." Trotzdem empfinde sie Theater für Kinder als ebenso anspruchsvoll. Ihr Schauspielkollege Zabinski, alias Apotheker Sternheim, sieht das hingegen anders. "Inszenierungen für Erwachsene bringen einen Schauspieler doch mehr an seine Grenzen, wenn Themen wie Leidenschaft, Liebe, Hass umgesetzt werden."

Feedback kommt sofort

Doch bei einem sind sich alle einig. Das Feedback der Kinder ist direkter und ehrlicher. "Die Reaktionen sind ungefiltert, das ist toll", so auch Lehmann. "Man bekommt sehr eiskalt aufs Brot geschmiert, ob man seine Arbeit gut oder schlecht gemacht hat", sagt Regisseur Kruse. Deshalb sei er vor einer Premiere im Kindertheater aufgeregter als beim Erwachsenentheater.

Autorin: Janine Albrecht
Redaktion: Elena Singer

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