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Geschichte

Ernst Reuter: Ein Deutscher an der Wolga

Während der Berlin-Blockade 1948 wurde Ernst Reuter als Bürgermeister West-Berlins berühmt. Was weniger bekannt ist: Stalin persönlich schickte ihn 1918 zu den Wolgadeutschen - um dort kommunistische Ideen zu verbreiten.

Im April 1918 erreichte ein junger Deutscher namens Ernst Reuter die russische Stadt Saratow. Der begeisterte Kommunist war gekleidet wie ein russischer Bauer. Joseph Stalin persönlich, zu dieser Zeit Volkskommissar für Nationalitätenfragen, hatte Reuter hierher entsandt. Der Deutsche sollte für die kommunistischen Bolschewiki, die sich für den Bürgerkrieg gegen ihre antikommunistischen Gegner rüsteten, die sprichwörtlichen Kastanien aus dem Feuer holen. Hier, in den Dörfern rund um die Stadt Saratow, siedelten die Wolgadeutschen, deren Getreideernten für die Versorgung der großen Städte wichtig waren. Reuter sollte als Volkskommissar für deutsche Angelegenheiten diese Nachfahren deutscher Siedler zu guten Kommunisten umerziehen.

Ein Pazifist in Kriegszeiten

Eigentlich stammte der 1889 geborene Ernst Reuter aus einem bürgerlichen Haushalt. Sein Vater war entsetzt, als sich der Sohn während seines Studiums für den Sozialismus engagierte – und strich ihm die Unterstützungszahlungen.

Der Sohn allerdings fand immer mehr Gefallen an linken und pazifistischen Ideen. 1915, ein Jahr nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, wurde Reuter dennoch zum Kriegsdienst eingezogen. Lange währte seine Soldatenzeit jedoch nicht: Schon 1916 wurde er schwer verwundet von den russischen Truppen gefangengenommen. Ein Jahr später kam es in Russland zur Revolution der Bolschewiki, und die neuen kommunistischen Machthaber entdeckten schnell das Potenzial des aus der Gefangenschaft entlassenen jungen Deutschen.

Erste Regierung der Wolgadeutschen Republik, Plakat, 1924 (Foto: picture alliance)

Auf dem Papier durften sich die Wolgadeutschen selbst verwalten - die Realität sah anders aus

Einwanderer nach dem Geschmack Katharina der Großen

Nun sollte Reuter seine Talente bei seinen deutschen Landsleuten an der Wolga einsetzen. Bereits im 18. Jahrhundert hatten sich im Gebiet östlich und westlich der Wolga deutsche Siedler niedergelassen. Die Zarin Katharina die Große unterstützte damals vehement die Einwanderung der als fleißig geltenden Deutschen. Mit Beginn des Ersten Weltkrieges verunglimpfte man die etwa 600.000 Wolgadeutschen jedoch als potenzielle Verräter. Kein Wunder, dass das Gros der Wolgadeutschen die Revolution begrüßte – auch wenn sie als konservativ gesinnte Kleinbauern eigentlich keine großen Sympathien für den Bolschewismus hegten. Sie hofften aber, dass ihre Wünsche nach einer Landreform in Moskau nun mehr Gehör finden würde.

Ernst Reuter leistete an der Wolga ganze Arbeit. Mit Feuereifer stürzte er sich auf seine Aufgaben. In den Wirren des Bürgerkriegs war die Verwaltung größtenteils zusammengebrochen. Reuter gelang es, in kurzer Zeit wieder Ordnung herzustellen. Unter seiner Leitung kehrte auch wieder ein Stück Normalität in das Leben der Wolgadeutschen zurück. Eine Seifenfabrik stellte wieder Seife her, eine Schlachterei versorgte die Bevölkerung wieder mit Fleisch. Auch die Vorgesetzten in Moskau und St. Petersburg waren zufrieden. Und dass, obwohl er sich gegen die "angesetzten Plünderungszüge der Russen in das Wolgagebiet", die dort Lebensmittel zusammenrauben wollten, wehrte, wie einer seiner Mitarbeiter später betonte.

Wolgadeutsche 1921 vor einem Zug (Foto: picture alliance)

1921 kam es im wolgadeutschen Gebiet zu einer Hungersnot

Vom Kommunisten zum Anti-Kommunisten

Reuters zweite Aufgabe war ungleich schwerer. Er sollte die Wolgadeutschen für den Bolschewismus begeistern. Hier stieß er mehrheitlich auf taube Ohren. Die Wolgadeutschen standen den kommunistischen Ideen der Bolschewiki bestenfalls neutral gegenüber. Viel Zeit blieb Reuter ohnehin nicht: Schon im November 1918 zog es ihn nach Deutschland zurück, wo die Novemberrevolution die Monarchie gestürzt hatte. Für die Wolgadeutschen brachen nach Reuters Weggang grausame Zeiten an. Unerbittlich pressten die Kommunisten Nahrungsmittel aus dem Gebiet heraus. Eine Hungersnot war die Folge – Zehntausende starben.

Ernst Reuter brach in Deutschland dagegen bald mit dem Kommunismus und wurde Sozialdemokrat. Lenin hatte es vielleicht geahnt: "Der junge Reuter ist ein brillanter und klarer Kopf, aber ein wenig zu unabhängig." Vorwürfe gegen Reuter, am Schicksal der Wolgadeutschen schuld zu sein, entkräftete später sogar ein Nationalsozialist: Erst nach Reuters Weggang "habe die Schweinerei" eingesetzt. Seinem früheren Förderer Stalin begegnete Reuter später als Gegner: Als Regierender Bürgermeister von West-Berlin verteidigte Ernst Reuter 1948 während der Berlin-Blockade seine Stadt gegen den Zugriff des sowjetischen Diktators Stalin – und damit gegen seinen einstigen Förderer. Die Wolgadeutschen haben Stalins brutale Politik überlebt – bis heute leben viele Nachfahren der deutschen Auswanderer in Russland.

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