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Kultur

Ernest statt Embargo

Aus Feinden werden noch keine Freunde. Aber zumindest auf dem Gebiet der Literatur arbeiten die USA und Kuba jetzt erstmals zusammen. "Ernest Hemingway“-Experten beider Länder kümmern sich gemeinsam um den Nachlass.

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Castro und Hemingway: eine amerikanisch-kubanische Freundschaft

Manchmal regnet es – sogar in Havanna. Kurze heftige Regengüsse peitschen dann über die Tropeninsel Kuba. Und die Fenster der "Finca La Vigia" bleiben geschlossen. Besonders ärgerlich ist das für Leseratten, Bücherfreunde und Fans von Ernest Hemingway. In Scharen wandeln diese nämlich auf den Spuren des Kriegsreporters, Großwildjägers und Literaturnobelpreisträgers zum "Museo Ernest Hemingway". Schlappe 5 US-Dollar bezahlen sie für einen Blick durch die geöffneten Fenster der Finca – dem langjährigen Wohnsitz des Literaten. Betreten darf man das Landhaus eigentlich nicht.

Kisten im feuchten Keller

Hemingways Haus La Vigia

Die Casa La Vigia desk, Cuba

Mitte November 2002 allerdings finden sich eine ganze Reihe Personen im Herrenhaus mit Blick auf Havanna ein. Der kubanische Staatschef Fidel Castro höchstpersönlich ist gekommen und der amerikanische Abgeordnete James McGovern (Demokraten, Massachusetts) ist mit einer Delegation Wissenschaftler angereist. Auch Hemingways Familienangehörige sind vor Ort. Nach knapp einjährigen zähen Verhandlungen unterzeichnen Castro und McGowan ein spektakuläres Abkommen: Finanziell unterstützt von der Rockefeller-Stiftung, werden sich Amerikaner und Kubaner in Zukunft gemeinsam um die Konservierung und Pflege des Hemingway-Nachlasses kümmern.

Vorangegangen war den Verhandlungen die erstmalige Sichtung von Hemingways Nachlass. In den feuchten Kellerräumen, die zwei amerikanische Hemingway-Experten im März 2002 betreten durften, finden sich rund 2000 Briefe, 3000 persönliche Fotografien und handschriftliche Romanentwürfe. "Es waren Kisten voll Originaldokumente – insgesamt 15.000 Dokumente, die vier Jahrzehnte hier lagen", erzählt Hemingway-Experte A. Scott Berg. Erst die amerikanische Zusicherung von McGowan, dass die Originale in Kuba bleiben können, hatte die Reise der Experten ermöglicht.

Neue Roman-Manuskripte?

Fidel Castro mit James McGovern

Fidel Castro mit US-Abgeordneten James McGovern

"Die neuen Dokumente zeigen einen viel komplexeren, viel interessanteren Charakter, als man bisher dachte", erklärt Sandra Spanier von der wissenschaftlichen Delegation. Von unschätzbarem Wert für die Forschung erweisen sich dabei insbesondere persönliche Briefe Hemingways an seine vierte Frau Mary Welsch. Die Briefe geben Aufschluss über die bisher kaum erforschte Ehe der beiden. Eine Beziehung geprägt von gewalttätigen Ausbrüchen Hemingways. Unwahrscheinlich erscheint allerdings der Fund von bisher unentdeckten Roman-Manuskripten. Hemingways Witwe hatte bereits kurz nach dem Tod ihres Mannes zwei fertige Romane posthum veröffentlichen lassen ("Inseln im Strom", "Paris – ein Fest fürs Leben"). Die jetzt entdeckten Dokumente werden – auf Mikrofilm kopiert – der John F. Kennedy-Bibliothek in Boston zu Forschungszwecken zur Verfügung gestellt. Und nicht nur die Hemingway-Forscher freuen sich über den Fund.

Politischer Präzedenzfall

"Mit diesem Projekt, dass wir Kuba bei der Konservierung und Auswertung des Nachlasses unterstützen, ist ein Präzedenzfall geschaffen, wie wir trotz des US-Embargos gegen Kuba zusammenarbeiten können", sagt James McGowan. Und vielleicht zeigen sich nach der bereits vor zwei Jahren erstmals gelockerten Embargosituation weitere Möglichkeiten der Entspannung zwischen Kuba und den USA.

Zumindest der Kongressabgeordnete William Delahunt rechnet mit einer baldigen Aufhebung des für US-Bürger bestehenden Reiseverbots nach Kuba. Dann können auch amerikanische Hemingway-Liebhaber zur "Finca La Vigia" pilgern. Ausgenommen natürlich an Regentagen, da bleiben die Fenster zu. Vielleicht tut es aber auch ein Daiquiri in Hemingways Lieblingsbar "El Floridita". Der kostet "nur" einen Dollar mehr als ein Blick in die Finca.

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