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Deutschland

Ermittler im Darknet

Darknet, Ransomware, Kryptowährungen - die Beschäftigung mit dem digitalem Untergrund erfordert ein neues Vokabular. Das BKA hat einen Bericht zur Cyberkriminalität vorgelegt. Das Darknet will man nicht schließen.

"Das Internet ist kein strafverfolgungsfreier Raum". Diesen Satz sagt Holger Münch öfter an diesem Mittwoch in Wiesbaden. Er ist halb Zustandsbeschreibung, halb hoffnungsvolle Beschwörung. Der Chef des Bundeskriminalamts (BKA) stellt den

"Lagebericht Cybercrime 2015"

vor. Das Medieninteresse ist enorm. Auch weil es einen aktuellen Bezug gibt: Der Amokläufer von München hatte die Waffe, mit der er am Wochenende neun Menschen ermordete, über eine

illegale Handelsplattform im sogenannten Darknet beschafft.

Das ist der verborgene Teil des Internets, in dem sich Eingeweihte mit speziellen Suchmaschinen nahezu vollkommen anonym bewegen können.

Pistole Glock 9mm, in der Hand eines BKA Beamten (Foto: DW/M. von Hein)

Mit so einer Waffe, beschafft im Darknet, tötete der Amokläufer von München neun Menschen

Rund 140 Beamte kümmern sich beim BKA um den Bereich Cyber-Kriminalität. Das Darknet ist laut BKA-Chef Münch einer der Schwerpunkte ihrer Arbeit. Derzeit gebe es 85 Ermittlungsverfahren wegen Waffen- und Sprengstoffhandels im Darknet, so Münch. Gegenüber der DW schätzte Münch den Anteil des Waffenhandels im Darknet im Vergleich zum herkömmlichen Schwarzmarkt derzeit zwar noch als gering ein. Aber dieser Teil wachse. Und: "Es werden dort Waffen von großer Gefährlichkeit gehandelt".

Riesiges "Dunkelfeld"

Cyberkriminalität insgesamt, resümiert der BKA-Chef, sei nach wie vor ein "wachsendes Phänomen, hier und da sogar eine Industrie". In den BKA-Zahlen selbst spiegelt sich das noch nicht. Die sogenannte "Polizeiliche Kriminalstatistik" verzeichnet für das Jahr 2015 zwar immerhin 45.000 Fälle mit einem Gesamtschaden von etwa 40 Millionen Euro. Aber: Erfasst werden hier nur Taten, bei denen die Tathandlung auf Deutschland eingegrenzt werden kann. Angesichts der globalisierten Cyberkriminalität lässt das die Zahlen schrumpfen. Außerdem gibt es ein riesiges Dunkelfeld: Taten werden zum Teil von den Opfern gar nicht bemerkt, oft werden sie auch nicht angezeigt.

Deshalb zitiert Münch später eine Studie des deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) aus dem Jahr 2015. Auf Basis einer breit angelegten Befragung bezifferten die DIW-Experten den Schaden durch die vier wichtigsten Bereiche der Internetkriminalität - Phishing, Identitätsbetrug, Waren- und Dienstleistungsbetrug und Schadsoftware - auf 3, 4 Milliarden Euro.

BKA-Chef Holger Münch (FOto: picture-alliance/dpa/M. Kappeler)

BKA-Präsident Holger Münch stellte den "Lagebericht Cybercrime 2015" vor.

Vor allem Drogenhandel im Darknet

Dieser Bedrohung begegnen die Ermittler mit einer, wie Münch sagt, "Kombination aus Ermittlungsansätzen aus der analogen und der digitalen Welt". Praktisch heißt das: Im BKA arbeiten IT-Experten und klassische Ermittler Hand in Hand. Verdeckte Ermittler bewegen sich in der virtuellen Welt. Und in der realen Welt wird versucht Informanten und Vertrauensleute zu gewinnen oder Leute aus der Szene "umzudrehen". Zu den von Münch verkündeten Ermittlungserfolgen gehört denn auch die Schließung von fünf illegalen Darknet-Handelsplattformen in Deutschland im letzten Jahr. International wurden in Kooperation mit dem BKA sogar 30 Darknet-Marktplätze geschlossen und Verfahren gegen Betreiber sowie die bedeutendsten Händler und Kunden eröffnet.

Gehandelt wird dort vor allem mit Drogen - nach einer Untersuchung des britischen Magazins "Economist" übrigens zu höheren Preisen als auf der Straße, dafür mit höherer Qualität. Bezahlt wird anonym mit der Krypto-Währung Bitcoin und dann per Versand nach Hause geliefert. Aber auch Falschgeld, Kreditkartendaten, gefälschte Markenartikel oder eben auch Waffen, wie der Amoklauf von München gezeigt hat, werden dort gehandelt.

Dream Market Screenshot (Copyright: Dream Market)

Drogen kaufen wie bei Amazon - Illegaler Marktplatz im Darknet

Lösegeld für verschlüsselte Daten

Neben den Darknet-Marktplätzen macht eine weitere Form der Cyberkriminalität den Sicherheitsbehörden Kopfzerbrechen: Die wachsende Zahl von Erpressungen durch spezielle Schadsoftware, sogenannte Ransomware. Die kann von Kriminellen auch ohne große technische Kenntnisse in Foren des digitalen Untergrunds gekauft und verbreitet werden. Lädt man sich zum Beispiel durch Öffnen eines infizierten Anhangs diese Ransomware auf den Rechner, werden alle Daten auf dem Rechner verschlüsselt und erst gegen Zahlung eines Lösegeldes per Bitcoin wieder entschlüsselt.

Je stärker digitale Welt und Realwelt sich gegenseitig durchdringen, etwa durch Industrie 4.0 oder das Internet der Dinge, desto mehr digitale Angriffsmöglichkeiten werden auch Kriminelle finden. Holger Münch illustrierte das mit dem Hinweis, man habe schon gesehen, dass Spielekonsolen oder sogar Kühlschränke für sogenannte DDOS-Angriffe genutzt worden seien.

Wiesbaden BKA Vorstellung Lagebericht Cybercrime 2015 Ransomware (Foto:DW/M. von Hein)

Erpressung im Internet - Geld her oder Daten weg.

Darknet offen halten

Trotz des Missbrauchs durch Kriminelle möchte der BKA-Chef das Darknet nicht in Frage stellen. Weil es eine wichtige Funktion für Menschen in Ländern mit Unterdrückerregimen hat. Dort ermöglicht es den Austausch von Informationen und die freie Meinungsäußerung. Aber: Die Strafverfolgungsbehörden müssten Schritt halten können mit den Kriminellen. Den Anspruch an seine Behörde formuliert Holger Münch angesichts der wachsenden Cyberkriminalität so: "Wir müssen genau wie die Täter schnell und flexibel reagieren, wir müssen nationale und international zusammen arbeiten. Und wir müssen technisch und taktisch auf der Höhe der Zeit sein."

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