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Politik & Gesellschaft

Erler: "Wir stellen uns der Vergangenheit"

Ein Preis wird umbenannt: Die Südosteuropa-Gesellschaft verlieh bisher die "Rudolf-Vogel-Medaille" an Journalisten. Der fragwürdige Namensgeber war Mitglied einer SS-Propagandakompanie während des Zweiten Weltkriegs.

Der Bundestagsabgeordnete Gernot Erler (SPD) spricht am Freitag (21.01.11) in Berlin im Bundestag. Das Parlament befasst sich mit dem Aufbau in Afghanistan. Foto: Axel Schmidt/dapd

Gernot Erler

Deutsche Welle: Herr Erler, seit 1992 verleiht die Südosteuropa-Gesellschaft die "Rudolf-Vogel-Medaille" an Journalisten. Wie ist es dazu gekommen, dass man mehr als zwei Jahrzehnte lang einen Journalistenpreis vergeben hat, der nach einem NS-Propaganda-Journalisten benannt war?

Gernot Erler: Die Südosteuropa-Gesellschaft und ich persönlich auch bedauern außerordentlich, dass wir uns ein Versäumnis zu Schulden kommen haben lassen, nämlich nie genauer nachzufragen, was eigentlich in dem Lebenswerk von Rudolf Vogel alles passiert ist. Wir kannten ihn eben als einen unserer Präsidenten. Und als einen Mann, der natürlich im politischen Leben der Nachkriegszeit tief verwurzelt und integriert war. Er war zwischen 1949 und 1964 Mitglied des Deutschen Bundestages für die CDU, dann vier Jahre Botschafter bei der OECD in Paris und 1968/69 sogar kurzzeitig Staatssekretär im damaligen Bundesschatzministerium. Er ist auch mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden. Das waren alles nicht gerade Anlässe zu sagen, dass man sich mal intensiv mit seiner Arbeit während der NS-Zeit auseinandersetzen muss.

Leider haben wir das nicht gemacht. So ist es dazu gekommen, dass wir diese Rudolf-Vogel-Medaille verliehen haben, die er selber einmal vorgeschlagen hat, als er Präsident der SOG war, nämlich zwischen 1959 und 1965. Danach war er noch dreißig Jahre Vizepräsident. Er hat sehr stark die Anfangsphase der SOG mitgeprägt und hat dann eben diese Medaille gestiftet, ohne dass wir oder die damaligen Mitglieder der SOG irgendetwas gewusst haben über seine Tätigkeit während der NS-Zeit.

Erst nachdem sich der diesjährige Preisträger Andreas Ernst geweigert hatte, die Rudolf-Vogel-Medaille anzunehmen, wurde der Preis umbenannt. Wird die Situation dem Ruf der Südosteuropa-Gesellschaft schaden?

Ich würde das bedauern. Wir sind natürlich Herrn Dr. Andreas Ernst, Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung in Belgrad, sehr dankbar, dass er sofort akzeptiert hat, den "Journalistenpreis der Südosteuropa-Gesellschaft" anzunehmen, nachdem wir einen Tag vorher (Freitag, 8. Februar) auf meinen Vorschlag hin im SOG-Präsidium einstimmig beschlossen haben, künftig den Namen Rudolf Vogel in keinem Zusammenhang mehr zu nutzen und stattdessen den "Journalistenpreis der Südosteuropa-Gesellschaft" auszuloben. Wir haben heute (Montag, 11.2.2013) an alle bisherigen zwanzig Preisträger geschrieben und uns für diese Umstände entschuldigt. Und wir haben noch einmal deutlich gemacht, dass wir immer nur engagierten und professionellen Journalismus für Südosteuropa auszeichnen wollten und natürlich sehr bedauern, dass darauf jetzt mit dem Namen Rudolf Vogel nachträglich ein Schatten fällt. Außerdem haben wir uns auch öffentlich – auf unserer Website steht eine entsprechende Erklärung von mir – entschuldigt für diese Vorgänge. Es ist ein kollektives Versäumnis gewesen, nicht genauer nachzuschauen. Obwohl es seit einigen Jahren relativ leicht gewesen wäre, über Google und Website-Abfragen zu erfahren, dass es eine Zeit gab, wo Rudolf Vogel sich als NS-Propagandist betätigt hat.

Erwarten Sie jetzt Vorwürfe?

Der Vorwurf ist ja berechtigt, dass hier keiner von uns in der Südosteuropa-Gesellschaft, allerdings auch keiner von den zwanzig bisherigen Preisträgern, der Frage – meinetwegen nur aus Interesse – nachgegangen ist, wer eigentlich Rudolf Vogel ist. Der Schaden ist entstanden, weil wir dieses Versäumnis begangen haben. Aber ich verweise eben darauf, dass die Südosteuropa-Gesellschaft mit ihren Gremien sofort gehandelt hat, nachdem sie diese Erkenntnisse bekommen hat. Sie hat die Verleihung der Rudolf-Vogel-Medaille mit sofortiger Wirkung beendet. Zudem hatte sie schon zuvor beschlossen, sich mit der eigenen Geschichte intensiver auseinanderzusetzen. Wir hatten im vergangenen Jahr das 60-jährige Bestehen der Gesellschaft und haben damals bereits Aufträge vergeben, eine intensivere Beschäftigung mit unserer Geschichte vorzunehmen, ohne überhaupt zu wissen, dass das auch etwas mit Rudolf Vogel zu tun haben könnte. Am 8. Februar haben wir in Bochum bei unserer Mitgliederversammlung beschlossen, diese Geschichtsarbeit zu konkretisieren und zu beschleunigen, so dass wir im Herbst als ersten Schritt ein Kolloquium über die Geschichte der Südosteuropa-Gesellschaft eröffnen werden. Insofern haben wir das getan, was wir in dieser schwierigen Situation tun konnten. Wir haben es sofort getan und wir haben es einstimmig getan. Und wir haben uns jetzt bei allen Beteiligten auch erklärt und entschuldigt für das Versäumnis, das wir nicht aus der Welt reden können.

Wird diese Expertengruppe zur Aufarbeitung der Geschichte der Südosteuropa-Gesellschaft nach dem Beispiel des Auswärtigen Amtes  gebildet, die eine unabhängigen Historikerkommission zur Aufarbeitung ihrer Geschichte eingesetzt hatte?

Wir stellen uns unserer Vergangenheit. Wir werden dafür sorgen, dass eine schriftliche Vorlage für das Kolloquium vorhanden ist, die den Stand der Erkenntnisse wiedergibt und auch Fragen formuliert, die wir beantworten müssen. Aber wie gesagt, dieser Auftrag ist vorher erteilt worden und er ist jetzt nur beschleunigt worden. Wir waren also entschlossen, uns mit der eigenen Geschichte näher zu beschäftigen, die natürlich mit der Geschichte vor 1945, mit dem Südosteuropa-Institut und der Südosteuropa-Gesellschaft in Wien, zu tun hat.

Wir haben einige Historiker in unseren eigenen Reihen und haben eine fünfköpfige Gruppe gebeten, sich damit zu beschäftigen. Aber wir werden auch Historiker außerhalb der Südosteuropa-Gesellschaft, die in irgendeiner Weise zu diesem Thema publiziert haben, mit einbeziehen. So einer ist zum Beispiel Dr. Mathias Beer, der sich schon wissenschaftlich zu vergleichbaren Themen geäußert hat. Insofern versuchen wir auch Expertise von außen heranzuziehen.

Wann kann man mit Ergebnissen von der Untersuchung rechnen?

Im Herbst wird die erste Veranstaltung, ein Symposium, stattfinden. Umfangreichere Archivarbeiten, die auch notwendig sind, kann man nicht übers Knie brechen, die müssen gründlich vorbereitet werden. Wir wollen auf dieser Herbstveranstaltung beraten, wie die nächsten Schritte aussehen können, ob wir hier vielleicht auch bestimmte Forschungsaufgaben verteilen können. Das wird dann passieren. Das Symposium soll auf jeden Fall schon mal einen Überblick über das geben, was wir wissen und was wir nicht wissen, beziehungsweise aufzeigen, wo offene Fragen sind.

Werden die Experten die Vergangenheit der Südosteuropa-Gesellschaft mit der dafür notwendigen Neutralität analysieren?

Die externen Experten ohnehin. Aber ich glaube, die eigenen Experten haben auch ein großes Interesse, hierzu mehr zu erfahren. Es gibt da verschiedene Abschnitte: Es gibt die Zeit bis 1945, und natürlich wissen wir, dass unsere Vorgängergesellschaften eine Rolle im "Dritten Reich" gespielt haben, besonders bei der "Feindanalyse". Wir wissen auch, dass es im Umfeld und auch im Gründerkreis der 1952 gegründeten Südosteuropa-Gesellschaft personelle Kontinuitäten gegeben hat. Es tauchen Personen auf, die eine entsprechende Vergangenheit mit diesen Vorgängerorganisationen hatten. Über diese personellen Kontinuitäten, aber eben auch über die Vorgeschichte und dann natürlich auch die Entwicklung nach 1945 hin bis zur Gründung der Gesellschaft, gibt es nicht so viele Publikationen. Da wird man wissenschaftlich arbeiten müssen, um zu konkreten und belastbaren Erkenntnissen zu kommen. Aber wir fangen jetzt erstmal damit an, dass wir alles versuchen zusammenzustellen, was schon bekannt ist, um dann zu entscheiden, wo Schwerpunkte unserer eigenen Arbeit beziehungsweise der Arbeit der externen Spezialisten gesetzt werden müssen.

Gernot Erler ist Präsident  der Südosteuropa-Gesellschaft und SPD-Bundestagsabgeordneter.

Das Interview hat Yordanka Yordanova geführt