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Kultur

Erinnerungskultur im Web 2.0

Ein junges Holocaust-Opfer wird im Internet wieder lebendig: Als virtuelle Figur schreibt ein jüdischer Junge aus Polen über sein kurzes Leben im Zweiten Weltkrieg - und findet täglich neue Freunde auf Facebook.

Kleiner Junge im kurzärmeligen weißen Hemd und kurzen Hosen / Copyright: Kulturzentrum Lublin 'Brama Grodzka'. Freigabe: Kulturzentrum Lublin

Holocaust-Opfer Henio 1939

Ein kleiner Junge in kurzen Hosen und schneeweißem Shirt, schwarze Haare, dunkle Augen, verschmitzter Blick: So schaut Henio seine Freunde auf seinem Facebook-Profil an. "Ich heiße Henio Żytomirski. Ich bin sieben Jahre alt. Ich wohne in der Szewskastraße 3 in Lublin", schreibt er auf seinem Profil. Henios Geburtsdatum ist der 25. März 1933. Älter als sieben oder acht Jahre ist er nicht geworden. Er wurde von den Nationalsozialisten in einem Konzentrationslager getötet, weil er Jude war.

Virtueller Zeitzeuge

Henio ist seit dem 18. August 2009 bei Facebook. "An diesem Tag habe ich seinen ersten Eintrag geschrieben", sagt Piotr Buzek. Der 22-Jährige arbeitet im Lubliner Kulturzentrum "Brama Grodzka". Er hat Henio virtuell wieder zum Leben erweckt, denkt sich in seine Gefühlswelt hinein und schreibt, wie Henio es hätte tun können. "Wir haben hier im Zentrum viele Informationen über Henios Leben gesammelt. Und ich habe mir dann versucht vorzustellen, wie dieser kleine Junge die Welt um sich herum erlebt."

So schreibt Henio am 29. September 2009: "Der Winter ist gekommen. Jeder Jude muss seinen Nachnamen auf einem Davidsstern tragen. Viel hat sich geändert. Auf der Straße laufen deutsche Truppen. Mama sagt, dass ich mich nicht fürchten soll, dass alles immer gut wird. Immer?"

s/w-Foto vom Kindergeburtstag - Henio wird 2. / Copyright: Kulturzentrum Lublin 'Brama Grodzka'. Freigabe: Kulturzentrum Lublin

Kindergeburtstag 1935: Henio wird zwei

Mehr als 1700 Freunde hat Henio mittlerweile auf Facebook. Und täglich kommen mehr hinzu. Henio chattet nicht mit ihnen – er schreibt nur kurze Sätze über sein Leben. Was er schreibt, kommentieren seine Freunde – einfühlsam und ehrlich. Sie erklären ihm, was Krieg bedeutet. Und manchmal müssen sie eingestehen, dass es für manche Dinge eben keine Erklärung gibt. Henio am 05. Oktober 2009: "Opa sagt, dass der Krieg bald aufhört. Er sagt, dass die Soldaten ja auch Familie haben. Wie das möglich ist? Sie haben Familie, aber töten Familien." "Solche Gemeinheiten kann man sich nicht vorstellen", antwortet ihm Olga, eine seiner Internetfreundinnen. "Sie haben kein Herz", so versucht Irena eine Erklärung zu finden.

Jüdisches Leben rekonstruieren

Erinnerungskultur im Internet. Copyright: Kulturzentrum Lublin 'Brama Grodzka'. Freigabe: Kulturzentrum Lublin

Kulturzentrum Lublin

Das Lubliner Kulturzentrum rekonstruiert seit 18 Jahren das jüdische Leben Lublins. Einst lebten in der Stadt östlich von Warschau mehr jüdische Bewohner als christliche. Tomasz Pietrasiewicz, der Leiter des Zentrums, hat es sich zur Aufgabe gemacht, an diese Zeit zu erinnern: "Henios Geschichte steht seit ein paar Jahren sinnbildlich für die Lubliner Juden. Er ist eine wahre Ikone. Wir haben von einer Verwandten von ihm ein Album bekommen mit Bildern von Henio – jedes Jahr eins. Das letzte stammt aus dem Jahr 1939, kurz vor seiner Einschulung. Und dann schlägt man das Album eine Seite um - da ist kein Bild mehr."

Familiengeschichte im Internet

Alter Herr mit Hut und Bart, an den Händen zwei kleinen Kinder, ein weiß gekleidetes Kleinkind und den fünfjährigen Henio im Matrosenanzug (s/w-Foto) / Copyright: Kulturzentrum Lublin Brama Grodzka. Freigabe: Kulturzentrum Lublin

Henio (5) mit Opa und Cousin

Henios Familiengeschichte kann man auf Polnisch, Englisch und Hebräisch auf der Seite des Kulturzentrums lesen. Das Fotoalbum mit den Bildern von Henio ist digitalisiert. Das Internet ist längst ein alltägliches Medium für das Kulturzentrum. Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg verändert sich mehr und mehr – denn die Zeitzeugen, die diese Epoche erlebt haben, werden immer weniger. Trotzdem erzählt sich die Geschichte des Krieges und des Holocausts am besten über persönliche Schicksale. Das wissen auch die Mitarbeiter des Zentrums, und so versuchen sie, diese Schicksale zu virtualisieren.

Neue Zielgruppe

"Wir wollten diese neuen Technologien nutzen für das Anliegen unseres Zentrums: Die Erinnerung wach zu halten an die jüdischen Bewohner, die einst in Lublin gelebt haben. Wir wollten auf innovative Weise Geschichte vermitteln. Und wir wollten mit Henios Geschichte eine neue Zielgruppe erreichen", sagt Piotr Buzek. Diese neue Zielgruppe – junge Menschen zwischen 15 und 25 - ist beinahe ständig online. Henios Facebook-Freunde leben vor allem in Polen, denn Henio schreibt auf Polnisch. Aber immer mehr Freunde kommen auch aus Israel. Sie übersetzen Henios Einträge in ihre Sprache. So wie diesen, vom 11. Oktober 2009: "Heute habe ich beschlossen, nie wieder aus Lublin weg zu gehen. Ich werde für immer hier bleiben an meinem Lieblingsplatz. Mit Mama und Papa. In Lublin."

Familienbild: drei Generationen, die Erwachsenen in schwarzer Winterkleidung und Hüten, Damen mit Muff, der kleine Henio in der Mitte in heller Kleidung, mit Schal und Kapuze, im Hintergrund ein Autobus (?) mit polnischem Schriftzug / Copyright: Kulturzentrum Lublin 'Brama Grodzka'. Freigabe: Kulturzentrum Lublin

Henio mit Familie 1937

Henios Stimme, Piotr Buzek, gehört selbst zu der Generation, die mit dem Internet groß geworden ist. Auf seinem Mobiltelefon hat er Internetzugang, checkt ständig, ob jemand auf Henios Eintrag geantwortet hat: "Die Menschen schreiben auf Henios Seite Dinge, über die man eben nicht täglich spricht. Vielleicht ist es naiv, aber ich habe das Gefühl, dass Henios Einträge die Welt ein bisschen besser machen können. Dass sie dazu beitragen, dass so etwas wie der Holocaust nie wieder passiert."

Autorin: Linda Vierecke

Redaktion: Aya Bach