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Deutschland

Erinnerungskultur im Fußball

Im Vorfeld der Fußball-EM hat eine DFB-Delegation das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz in Polen besucht. Wie viel Geschichte verträgt das Sportereignis?

Als "wichtigen und richtigen Schritt" bezeichnete Dieter Graumann, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, diesen Entschluss des Deutschen Fußball-Bundes. Graumann selbst hatte im März 2012 den Besuch öffentlich angeregt: Es sei "unvorstellbar, dass die Deutschen während der EM nicht eine der Holocaust-Gedenkstätten in Auschwitz oder Babyn Jar besuchen".

Auschwitz als Symbol des Holocaust

Ankunft von Juden im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau im Jahr 1944 (Foto: ddp images/AP Photo/Yad Vashem Photo Archives, HO)

Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau 1944

Die Gedenkstätte Auschwitz erinnert an den industriell durchgeführten Massenmord an den europäischen Juden während des Zweiten Weltkriegs. Die deutschen Nationalsozialisten errichteten in den eroberten polnischen Gebieten mehrere große Konzentrations- und Vernichtungslager. In Auschwitz wurden in der Zeit von 1940 und 1945 mehr als eine Million Menschen ermordet: die meisten von ihnen Juden. Jährlich wird die Gedenkstätte, die 1947 errichtet wurde, von rund einer Million Menschen besucht.

"Ein würdiger Rahmen"

DFB-Präsident Wolfgang Niersbach mit Wappen des Deutschen Fußball-Bundes. (Foto: Uwe Zucchi dpa/lhe)

DFB-Präsident Wolfgang Niersbach

DFB-Präsident Wolfgang Niersbach kündigte Ende März an, einige Nationalspieler und Vertreter des Deutschen Fußball-Bundes würden die Gedenkstätte besuchen. Wer genau dieser Delegation angehören soll und an welchem Datum der Besuch stattfinden soll, ist noch offen. Wichtig ist dem DFB-Präsidenten, dass "dieser Besuch in einem würdigen Rahmen ablaufen muss und kein öffentliches Spektakel werden darf".

"Die Ambivalenz bleibt"

In diesem Spannungsfeld sieht auch der Erziehungswissenschaftler und Historiker Klaus Ahlheim den Besuch der deutschen Delegation. "Auf der Ebene der symbolischen Politik ist das ein wichtiges Zeichen. Es ist nötig, dass wir immer wieder daran erinnern und erinnert werden, auch die nachfolgenden Generationen, weil der Mensch gern vergisst, schnell vergisst und gründlich."

Teamfoto der deutschen Nationalmannschaft 2011 (Foto:Frank Augstein/AP/dapd)

Wer vom DFB-Team Auschwitz besuchen wird, ist noch offen

Andererseits seien die jungen Fußballer Vertreter der "Enkelgeneration", die also persönlich kaum noch betroffen seien. Wenn man mit Schülern oder jungen Erwachsenen einen Ort, wie die Gedenkstätte Auschwitz, besuche, müsse dies gut vorbereitet sein. "Wenn Jugendliche da nur hingekarrt werden oder pflichtgemäß hingehen, weil sie müssen, dann kann das auch einen gegenteiligen Effekt haben", sagt Klaus Ahlheim.

Noch wichtiger als diese Art von ritueller Erinnerung sei deshalb die Auseinandersetzung mit aktuellen antisemitischen, rassistischen oder ausländerfeindlichen Tendenzen im deutschen Fußball. "Die brüllen ja inzwischen auf dem Platz 'Du Jude!'. Rechtsradikale und ausländerfeindliche Parolen haben Konjunktur. Damit muss man sich auseinandersetzen."

"Jede Form von Diskriminierung bekämpfen"

Dem stimmt auch der Schweizer Sportredakteur Alexander Kühn zu. Er findet die Vorstellung einer "von den Medien eskortierten Klassenfahrt nach Auschwitz" geschmacklos. In der Basler Zeitung schreibt er: "Im Fokus des DFB sollte nicht der verkrampfte Versuch stehen, Vergangenes medienträchtig zu betrauern, sondern im Fall der Fälle angemessen auf das Gegenwärtige zu reagieren."

Auch andere europäische Fußballmannschaften, wie die Teams aus England, den Niederlanden oder Italien, haben einen Besuch der Gedenkstätte Auschwitz angekündigt. Der niederländische Coach Bert van Marwijk will mit seiner gesamten Mannschaft vom Trainingslager in Krakau in das rund 70 Kilometer entfernte Auschwitz fahren.

Teamfoto der italienischen Nationalmannschaft 2011 (Foto:Michael Sohn/AP/dapd)

Das italienische Nationalteam

Auch die italienische Fußball-Nationalmannschaft wird das ehemalige Konzentrationslager besuchen. Giancarlo Abete, der Präsident des italienischen Fußballverbandes, sagte: "Wir müssen dafür sorgen, dass Tragödien der Vergangenheit nicht wieder vorkommen. Der Besuch in Auschwitz soll eine Anregung sein, jede Form von Diskriminierung zu bekämpfen."

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