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Filme

Erinnerungen an "Heimat"

Vor 25 Jahren hatte die Filmserie von Edgar Reitz Premiere. Ein denkwürdiges Ereignis. Nicht nur für Cineasten. Die Feuilletons diskutierten über einen verdrängten Begriff. Eine persönliche Erinnerung.

Filmszene aus 'Heimat' (Foto: WDR)

Deutsche Geschichte: "Heimat"

"Heimat" hat mich damals mit dem deutschen Film versöhnt. Als ich 1977 begann, regelmäßig ins Kino zu gehen, in einem Filmtheater jobbte und mir die Filmgeschichte erschloss, da genoss der deutsche Film keinen besonders großen Stellenwert. Das mag heute unverständlich sein, stand das Ende der Dekade doch für die Blütezeit des damals Neuen Deutschen Films. Rainer Werner Fassbinder lebte noch, Regisseure wie Herzog, Wenders und Schlöndorff hatten ihre große Zeit.

"Filmgötter" aus dem Ausland

Claude Chabrol, Jean-Luc Godard, Francois Truffaut, (Fotos: AP)

Liebe zu den Franzosen ...

Aber: Als junger Mensch begeisterte man sich damals für ein anderes Kino. Aus Frankreich waren die Nachwehen der Nouvelle Vague noch deutlich zu spüren, Regisseure wie Truffaut, Chabrol und Godard öffneten mir die Augen. Das italienische Kino begeisterte mich mit den sozialkritischen Filmen eines Francesco Rosi oder den elegischen Historiendramen der Gebrüder Taviani.

In Russland zauberte Andrej Tarkowskij seine atemberaubend geheimnisvollen Filmepen auf die Leinwand. Ich entdeckte das moderne Hollywoodkino mit Regisseuren wie Martin Scorsese und Francis Ford Coppola. Und in Japan meißelte Altmeister Kurosawa an seinen eindringlichen Alterswerken. Also keine schlechte Zeit damals. In den Programmkinos war das Angebot an sehenswerten Streifen wesentlich größer als heute und sogar das Fernsehen sendete künstlerisch anspruchsvolle Filme noch weit vor Mitternacht. Man konnte sich also einen guten Überblick verschaffen.

Deutsches Kopfkino

Den deutschen Film achtete ich zwar, respektierte die ungeheure Arbeitswut eines Rainer Werner Fassbinder, die exotischen Bildtableaus Werner Herzogs oder die sehnsuchtsvollen Road-Movies des Wim Wenders. Doch mit Ausnahme des Letzteren kamen mir diese Filme doch sperrig, kühl und kopflastig vor, zwar originell und engagiert - aber ich liebte dieses Kino nicht wirklich, fand keinen emotionalen Zugang zu den aufgeregten Exaltiertheiten Fassbinders oder dem Gedankenkino eines Alexander Kluge.

Erlebnis "Heimat"

Fimszene aus 'Heimat' (Foto: WDR)

Blick in die Zukunft: Heimat

Doch dann kam Edgar Reitz mit seiner "Heimat". Bei den Festivals in München und Venedig im Sommer 1984 lief "Heimat" auf großer Leinwand, die Fernsehausstrahlung war für den Herbst des Jahres angekündigt. Ich sah erste Teile der 11 Folgen in diesen Wochen auch auf großer Leinwand - in der Kölner Cinemathek. Und war überwältigt. Hier gab es doch tatsächlich einen deutschen Regisseur, der mit Empathie und Wärme Menschen auf der Leinwand zeigte, für die man sich mit Haut und Haaren interessierte.

Formale Meisterschaft

Und vor allem: Reitz erzählte - immerhin nichts weniger als die Geschichte Deutschlands und der Bundesrepublik am Beispiel eines Dorfes und seiner Menschen im Hunsrück - visuell aufregend, filmisch eben, gemacht fürs Kino - auch wenn "Heimat" später eher als Fernsehereignis in die Medienhistorie einging. Hier war einer - zumindest empfand ich das damals so -, der es verstand, Herz und Verstand gleichermaßen anzusprechen, der mir keine verkopfte deutsche Geschichtslektion erteilte, sondern Geschichten und Menschen aus dem wahren Leben vorstellte. Und das eben mit dem Handwerkszeug und der Könnerschaft eines großen Cineasten und Filmemachers.

Marita Breuer knetet einen Teig in der Küche (Foto: Kinowelt)

Das Herz der ersten "Heimat": Marita Breuer

Breite gesellschaftliche Debatte

Die deutschen Feuilletons begannen rasch, über die "Heimat" zu diskutieren, über den ganz speziellen Klang des Wortes, über die Tradition des (berüchtigten) deutschen Heimatfilms, über das Verhältnis der Deutschen zur eigenen Nation, zur Herkunft, zur Geschichte. Das las ich mit Interesse, aber dieser Subtext war nicht der Grund für meine plötzlich erwachte Liebe zum deutschen Kino. Es war etwas anderes. Es war die Neugier, die Freude, die kaum zu bändigende Erwartung, die ich plötzlich vor dem Kinobesuch hatte - bei einem deutschen Film, einem einheimischen Regisseur.

Freude über den "nächsten Reitz"

Das deutsche Kino hatte plötzlich etwas zu bieten, wofür ich viele anderen Filmnationen immer beneidete: Regisseure, deren nächstes Werk man kaum erwarten konnte. Mit "Heimat" und später dann mit "Die zweite Heimat - Chronik einer Jugend" hat Reitz Film- und Fernsehgeschichte geschrieben. Er hat damals eine wichtige Diskussion im In- und Ausland angestoßen. Er hat aber auch das deutsche Kino mit - Teilen - seines Publikums versöhnt. Mir hat er damals das Gefühl gegeben, dass auch aus diesem Land Regisseure kommen, dessen Filme man nicht nur achtet und respektiert, sondern auch liebt.

Autor: Jochen Kürten
Redaktion: Sabine Oelze

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