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Asien

Erinnerungen an die Hölle

Mitte Februar 2009 begann in Kambodscha der Prozess gegen die fünf Hauptdrahtzieher des Regimes der Roten Khmer. Eine der Nebenkläger und Opfer ist Denise Affonço.

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Rote-Khmer-Opfer Denise Affonço Ende der 70er Jahre

Als die Roten Khmer im April 1975 in Phnom Penh einmarschierten, arbeitete Denise Affonço als Sekretärin in der französischen Botschaft. Sie hätte das Land mit ihren beiden Kindern verlassen können, allerdings ihren Mann zurücklassen müssen. Sie entschied sich zu bleiben. Damit begann der Weg in die Hölle. Die Roten Khmer brachten sie in ein Arbeitslager im Nordwesten des Landes. Dort mussten sie gemeinsam mit anderen Gefangenen einen kilometerlangen Deich bauen. Der sollte später "Deich der Witwen" heißen, habe der Dorfvorsteher gesagt. "Ich sah die anderen Frauen an – es waren nur Frauen, deren Männer verschwunden waren – und da haben wir begriffen, dass unsere Männer tot sind."


Tochter verhungerte vor den Augen der Mutter

Denise Affonco

Denise Affonço ist 64 Jahre alt und arbeitet heute am EU-Institut für Sicherheitsfragen

Abertausende Angehörige der Mittelschicht fielen den Säuberungen zum Opfer. Die roten Khmer knüppelten sie zu Tode, um keine Patronen zu verschwenden. In den Arbeitslagern rafften Hunger, Erschöpfung und Krankheiten die Menschen dahin. Denise Affonços Tochter verhungerte, ebenso ihre zwei Nichten. Ihren Sohn sah sie erst nach der Befreiung Kambodschas durch die vietnamesischen Truppen wieder. Die Roten Khmer hatten ihn nach der Machtübernahme in ein Erziehungslager gebracht. Denise Affonço emigrierte dann nach Frankreich. In ihr Heimatland Kambodscha ist sie seither nie wieder zurückgekehrt.


Täter und Opfer Seite an Seite

Für mich ist Kambodscha bis heute nicht sicher", erklärt Affonço . Denn die Täter würden Seite an Seite mit den Opfern leben. Viele Kambodschaner trauen sich eben auch 30 Jahre später nicht zu klagen. Sie fürchten Repressalien, meint die Autorin. "Es gibt diese Angst. Und zudem eine buddhistische Einstellung, dass es eben das Schicksal so wollte. Und nun sollte man das alles eben vergessen." Drei Jahrzehnte nach der Befreiung Kambodschas von den Roten Khmer stehen erstmals fünf der obersten Kader des Regimes vor Gericht. Das so genannte Kambodscha-Tribunal ist das Ergebnis jahrelanger Verhandlungen. Es setzt sich aus kambodschanischen und internationalen Richtern zusammen, wendet aber kambodschanisches Prozessrecht an. Vor Beginn des Prozesses wurden Entschädigungen für die Opfer ausgeschlossen und lebenslange Haft als Höchststrafe festgelegt. Denise Affonço ist eine von über 90 Nebenklägerinnen. Es sind Männer und Frauen, die die Wahrheit ans Licht bringen wollen.


Verhandlungen ziehen sich hin

Kambodscha Völkermordtribunal für Rote Khmer Führer Kaing Guek Eav

Rote-Khmer Anführer stehen jetzt vor dem Völkermordtribunal

Dem Tribunal steht sie jedoch mit gemischten Gefühlen gegenüber. Sie kann nicht begreifen, dass es so lange gedauert hat, bis juristisch gegen die Täter vorgegangen wurde. Pol Pot, der Anführer, sei 1998 als Greis friedlich im Bett gestorben, klagt sie. "So lange das Tribunal so lange hinterherhinkt, die Verantwortlichen anzuklagen, so lange wird es keine Gerechtigkeit geben." Man habe bereits sehr viel Geld und Zeit verloren. "Je mehr sich das hinzieht, umso mehr geht der Regierung das Geld aus."


Welche Verantwortung trägt der Westen?

Die Überlebende erinnert daran, dass der Westen den Guerilla-Kampf der Roten Khmer bis zum Ende des Kalten Krieges unterstützt hat, aus Angst vor einem Erstarken Vietnams. Bis 1991 hatten die Roten Khmer sogar einen Sitz bei den Vereinten Nationen. Es gibt aus ihrer Sicht jedoch noch weitere Verantwortliche: "Was ist mit der internationalen Gemeinschaft? Vor allem mit den Großmächten, die die Roten Khmer unterstützt haben wie China und die USA?" Das dürfe nicht vergessen werden, findet Affonço. Die Friedensorganisation "Youth for Peace" hat kürzlich in einer Studie gezeigt, dass der Großteil der Jugendlichen Kambodschaner kaum etwas über ihre eigene Geschichte wissen. Doch nicht nur das. Rote-Khmer-Kader besetzen heute noch hohe Ämter in Politik, Wirtschaft und Verwaltung. Nach wie vor gibt es keine einzige staatliche Vereinigung der Rote-Khmer-Opfer.


"Die Wut hält mich am Leben"

Kambodscha Rote Khmer

Über 2 Millionen Menschen starben unter dem Regime der Roten-Khmer

Denise Affonço musste nach ihrer Emigration nach Frankreich allein mit dem Trauma fertig werden. Tagsüber sei das nicht so schwierig meint sie, denn die Arbeit lenke sie ab. Aber abends "sehe ich vor meinem inneren Auge meine ausgemergelte Tochter. Wie sie verhungert ist. Und all die Menschen, die ich begraben musste, man vergisst das nie." Woher sie ihren Lebensmut nimmt? "Die Wut hält mich am Leben. Warum wollten die Roten Khmer mich töten, was habe ich Ihnen getan? Ich erwarte eine Antwort auf diese Frage."


Autorin: Claudia Hennen
Redaktion: Esther Broders

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