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Europa

Erinnerungen an die Anschläge von Madrid

Nicht Hass, sondern immer noch tiefe Trauer überwiegt bei den Menschen in Madrid ein Jahr nach den verheerenden Bombenanschlägen der Terror-Organisation El Kaida. DW-WORLD hat mit einigen gesprochen.

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Trauer und Gedenken ein Jahr danach

Am Morgen des 11. März 2004 explodierten insgesamt zehn Bomben in Vorortzügen, die zum Madrider Bahnhof Atocha fuhren. Das Attentat, das im Namen des Terrornetzwerks El Kaida ausgeführt wurde, erschütterte die politische Landschaft Spaniens. DW-WORLD hat Menschen in Madrid nach ihren Gefühlen ein Jahr nach dem Anschlag befragt.

Manuela, 30, arbeitet in der Auskunft des Bahnhofs Atocha:

Galerie Anschläge in Madrid Zug Rettungsmannschaft

Nach den Anschlägen (11. März 2004)

"Hier am Bahnhof ist nichts mehr von Angst zu spüren. Die Menschen reisen wie eh und je mit der Bahn. Für Ostern sind die meisten Züge jetzt bereits ausgebucht. Ich selber habe am Tag des Unglücks gearbeitet. Es war ein tragisches Ereignis, aber das Leben geht weiter. Da man das Geschehene nicht rückgängig machen kann, muss man weitermachen, aber man darf nicht vergessen. Wir werden das nie vergessen. Das Gefühl der Anteilnahme mit Opfern und Angehörigen bleibt. Ich empfinde auch keinen Hass auf die Täter. Es ist vielmehr das Gefühl, durch den Schmerz mit den Menschen enger verbunden zu sein. Aus diesem Zusammenhalt ist eine Stärke entstanden und daraus der Wille, gemeinsam weiterzumachen. Am Jahrestag des 11. März muss ich arbeiten, aber ich werde in jedem Fall der Opfer gedenken."

Santiago Gomez, 47, Besitzer eines Restaurants gegenüber des Bahnhofs Atocha:

"Eigentlich möchte ich keinen Kommentar dazu abgeben. Es handelt sich schließlich um ein sehr trauriges Ereignis. Da mein Restaurant direkt gegenüber des Bahnhofs liegt, habe ich die Ausmaße quasi direkt mitbekommen. Das einzige, was ich sagen kann ist, dass eine Angst vorm Zug fahren geblieben ist. Ansonsten empfinde ich Traurigkeit anstatt Hass. Überall auf der Welt gibt es Gewalt, damit müssen wir leben."

Carmen, 41, arbeitet in der Stadtverwaltung:

Protest in Madrid

Hunderttausende Menschen demonstrierten am Freitag (12.3.2004) in Madrid gegen die Bombenanschläge vom Vortag.

"Den 11. März kann ich nicht vergessen. Es laufen bereits die ganze Zeit Berichte in Radio und Fernsehen, so dass man ständig an dieses schreckliche Ereignis erinnert wird und alle Gefühle erneut hervorgerufen werden. Die Angehörigen der Opfer haben sich an die höheren Stellen gewandt und darum gebeten, die Sache nicht noch einmal durch Fotos etc. bis ins kleinste Detail auszuschlachten. Der Schmerz ist einfach zu groß. Und ständig erwartet man erneute Anschläge. Neulich brannte in der Stadt ein sehr wichtiges Gebäude. Jeder dachte, es handele sich erneut um einen Anschlag. Der 11. März hat ein Unbehagen hinterlassen. Ich gebe nicht jedem Araber die Schuld an der Tat, aber man ist ihnen gegenüber teilweise misstrauisch geworden. Wir sind zwar durch die ETA an derartige Anschläge 'gewöhnt', aber dies war das größte Attentat, das wir erlebt haben und das kann man nicht vergessen. Der Schmerz bleibt immer."

Antonia, 48, arbeitet im spanischen Nationalmuseum "Museo del Prado", in direkter Nähe zum Bahnhof Atocha gelegen:

"Dieser Tag ist in meiner Erinnerung ein sehr trauriger. Oft fürchte ich, dass so etwas erneut geschehen könnte. Es ist ein Zustand der Angst, aber jeder muss sein Leben weiterleben. Ich habe an diesem Tag viele Tränen gesehen, die ich nicht vergessen kann. Außer der Traurigkeit ist eine Ermüdung gegenüber der Politik geblieben. Der Eintritt in den Golfkrieg ist schließlich Schuld an dem tragischen Attentat. Zum Gedenken an dieses Grauen werden alle Mitarbeiter des 'Prado' am 11. März das Museum verlassen und die fünf Schweigeminuten für die Opfer einlegen."

Maria, 39, arbeitet im "Colegio Nuestra Senora de Atocha":

Bombenanschläge in Madrid Miniquiz März 2004

Ein Bild der Verwüstung

"Wir haben hier eine Schule und ein Kloster mit 24 Mönchen. Es sind höchstens fünf Minuten bis zur Station Atocha. Ich hatte total viel Glück. Ich nehme jeden Tag den Zug der Linie 3. Das war die, die betroffen war. Am 11. März vor einem Jahr hatte ich keine Lust aufzustehen. Ich nahm einen Zug später. Wäre ich zehn Minuten früher gefahren, wäre ich vielleicht im Unglückszug gewesen. An dem Tag fuhr ich schließlich mit dem Taxi zur Arbeit. Erst auf dem Weg dorthin erfuhr ich allmählich, was passiert war. Die Tage danach waren so komisch, kein Mensch saß in den Zügen. Ich fuhr trotzdem, man muss sich dem doch stellen. Auch jetzt so kurz vor dem Jahrestag habe ich wieder so ein seltsames Gefühl. Irgendwie schwingt bei mir schon ein bisschen Angst mit. Den ganzen Tag haben bei uns Fernsehsender angerufen, weil sie von unserem Glockenturm aus filmen wollen. Da kann man ganz Madrid überblicken. Morgen gibt es in unserer Kirche ein Konzert zum Gedenken an die Opfer."

Pepa, 47 arbeitet am Empfang des botanischen Gartens:

"Ich war zum Glück am 11. März nicht in Madrid. Es gab auch niemanden in meiner Bekanntschaft, den es getroffen hat. Vor dem Jahrestag ist es hier richtig betriebsam geworden. Überall sind die Medien angerückt, bauen Scheinwerfer auf, laufen mit Kameras herum, in der Luft fliegen Hubschrauber herum. So richtig Angst habe ich nicht mehr. Trotzdem schaut man sich die Leute unbewusst doch irgendwie näher an. Ich hoffe jedenfalls, dass die Terroristen uns einfach vergessen haben und weg sind."

Anna, 20, Rezeptionistin im "Hotel Nacion":

"Unser Hotel ist etwa 200 Meter von Atocha weg. Um es klar zu sagen: Was passiert ist, werden wir nie vergessen. Aus unserem Hotel war zum Glück niemand betroffen, Trotzdem herrscht schon seit Tagen in der Stadt so eine traurige Stimmung. Und natürlich schaut man in der Metro schon etwas misstrauisch auf Menschen mit Plastiktüten. Aber, auch wenn wir das nicht vergessen dürfen, muss das Leben weitergehen."

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