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Afrika

Erinnerungen an den Senegal

Sie kommt aus einem kleinen Fischerdorf im Senegal. Erst mit neun Jahren spricht Fatou Diome zum ersten Mal Französisch. Sie lernt schnell, die Sprache kreativ zu nutzen. Ihre Romane finden heute weltweit Beachtung.

Fatou Diome (Bild: Buchmesse Frankfurt)

Erfolgreiche Autorin: Fatou Diome

Fatou Diome kommt als uneheliches Kind zur Welt. Sie verbringt ihre Kindheit und Jugend bei ihrer Großmutter in einem kleinen Fischerdorf im Westen von Senegal. Mit neun Jahren schleicht sich Fatou in die Dorfschule und begegnet zum ersten Mal der französischen Sprache. Aus der Schülerin wird später eine Schriftstellerin. Der erste Roman von Fatou Diome - "Der Bauch des Ozeans" – erscheint 2003 und wird ein internationaler Bestseller, übersetzt in ein Dutzend Sprachen. Inzwischen hat sie ihren dritten Roman veröffentlicht und lebt in Straßburg. Ihre Heimat hat sie dabei nie aus dem Blick verloren. Erst vor wenigen Wochen, am 4. April, feierte der Senegal groß seine Unabhängigkeit. Darüber kann Fatou Diome nur lachen: "50 Jahre Unabhängigkeit, das inspiriert mich zu rein gar nichts", sagt sie. Afrika brauche kein punktuelles Interesse, sondern Hilfe in Form von langfristiger Unterstützung.

Fortschritt für alle

Studenten arbeiten an PCs (Bild: dpa)

Diome fordert Fortschritt für Afrika

Ihrer Meinung nach müssten die Europäer eines verstehen: "Wenn man an der Entwicklung Afrikas arbeitet, bedeutet das nicht nur die Entwicklung eines Kontinents – es bedeutet vielmehr einen Fortschritt für die ganze Welt. Wir sind heute alle miteinander verbunden!" Wenn es einem Teil der Welt schlecht gehe, habe das Auswirkungen auf den ganzen Planeten, sagt Diome. "Hilfe für Afrika muss heißen: dem Kontinent zur Autonomie verhelfen. Das heutige Afrika ist zu einem Satelliten Europas degradiert worden. Die Afrikaner müssen sich aber in Freiheit entwickeln können."

Armut und mieser Bildungsstand

50 Jahre Unabhängigkeit, betont Fatou Diome, das bedeute immer noch, dass fast zwei Drittel der Senegalesen über kaum mehr als einen US-Dollar pro Tag verfügen. Und dass über 60 Prozent der Bevölkerung weder lesen noch schreiben können. Die senegalesische Autorin wünscht sich das, was Europa am Ende des Zweiten Weltkrieges bekommen hat: einen Marschall-Plan für Afrika.

Marshallplan für Bildung

Schulkinder in Ruanda (Bild: Christine Harjes)

Bildung als Weg zur Entwicklung Afrikas

Ein Marshall-Plan für Afrika müsse zuerst im Bildungsbereich greifen, sagt Diome. "Afrikaner sind nicht dümmer als Europäer. Sie haben nur keinen Zugang zu Bildung. Der Unterschied zwischen mir und meiner Mutter, die Analphabetin war, ist nur die Schule. Ansonsten sind wir beide in Armut aufgewachsen. Aber wenn sie – so wie ich - zur Schule gegangen wäre, dann hätte auch sie aufsteigen können", sagt die Schriftstellerin. Es gehe um den Zugang zu aller Art von Ausbildung. Dabei müsse es nicht immer die Uni sein. "Ein guter Bäcker trägt genau so viel zur Entwicklung seines Landes bei wie ein Akademiker. Mich nerven diese Superstars, die nach Afrika kommen und einen Brunnen bohren lassen. Das Fernsehen berichtet darüber. Und einige Zeit später stellt sich heraus, dass der Brunnen trocken bleibt. Hilfe, um richtige Ausbildungschancen auf die Beine zu stellen und junge Unternehmen gründen zu können, darauf kommt es an! Sonst hören die jungen Menschen nicht auf, ihr Leben zu riskieren, um nach Europa auszuwandern, wo sie nur ein miserables Leben führen können."

Autobiographische Spuren

Flüchtlinge auf einem Boot (Bild: AP)

Gefährliche Flucht: Mit dem Boot nach Europa

Genau darüber schreibt Fatou Diome in ihrem Bestseller "Der Bauch des Ozeans". Das Buch über den "europäischen Traum" basiert auf ihrem eigenen Leben. Im Gegensatz zu vielen Migranten hat Fatou Diome aber nicht ihr Leben riskiert, indem sie ein Boot über den Atlantik nahm. Vielmehr hat sie während ihres Studiums in Dakar einen französischen Entwicklungshelfer kennen und lieben gelernt. Die beiden heiraten, das Ehepaar zieht nach Frankreich. Doch eine Schwarze in der Familie, das war wohl zu viel für die Schwiegereltern. "Als ich in diese französische Familie kam, musste ich erkennen, dass sie sich eine Art Schneewittchen gewünscht hatten", erzählt die Senegalesin. "Ich war ein Schock für die Familie. Eine Schoko-Frau in der Familie…nein! Das war auch ein Schock für mich. Ich hatte noch nie Rassismus am eigenen Leibe erfahren." Diome musste allein überleben. Sie hat geputzt, auf ältere Menschen aufgepasst, war Babysitter und hat so ihr Studium selbst finanziert. Genau das erzähle sie immer den jungen Senegalesen, die gern auswandern möchten, sagt sie. "Vorsicht - wenn Akademiker es schon schwer haben, wie sieht es erst mit Analphabeten aus, mit Leuten ohne Ausbildung? Wenn man es im Senegal nicht schafft, nach vorne zu kommen, dann wird man es auch in Europa nicht schaffen."

Eine Erfolgsgeschichte

Straßenszene Straßburg (Bild: dpa)

Neue Heimat: Straßburg

Fatou Diome hat es geschafft. Sie lebt seit sechzehn Jahren in Straßburg, wo sie an der Universität Literatur unterrichtet. Im französischen Fernsehen moderiert sie eine eigene Literatur-Talkshow. Nach langjährigem Kampf mit den Behörden bekam sie auch die französische Staatsangehörigkeit. Aber mit leichter Wehmut muss sie weiterhin erkennen: In Straßburg ist sie die Afrikanerin. Im Senegal ist sie die Französin. Hat sie ein Problem damit, dass die Sprache, in der sie schreibt, die Sprache der ehemaligen Kolonialmacht ist? "Nein, überhaupt nicht! Denn ich gehöre nicht zur Generation der Kolonisierten." Fatou Diome wurde acht Jahre nach der Unabhängigkeit des Senegal geboren. Die älteren Leute hätten mit der französischen Sprache zu kämpfen, sagt sie. "Aber ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der Frieden mit der Vergangenheit herrschte. Die Begegnung mit der Kolonialsprache ist wie eine Liebesgeschichte verlaufen." Im Senegal werden rund 20 Sprachen gesprochen und Diome ist pragmatisch: "Wenn jeder Schriftsteller in seiner Sprache schreiben würde, hätte er ein Problem damit, sein Publikum zu finden. Schreibt ein Schriftsteller nur für sein Dorf oder seine Gegend? Nein! Ich denke, dass die französische Sprache zur Brücke zwischen Afrikanern geworden ist – und auch zur Brücke zwischen Afrika und dem Rest der Welt. Denn wenn ich auf Serer oder Wolof geschrieben hätte, dann wären meine Bücher vermutlich nicht ins Japanische übersetzt worden."

Afrika habe sehr viel aufzuholen, gerade wirtschaftlich, sagt Fatou Diome zum Schluss. Aber es gäbe dieses eine Gebiet, wo der Kontinent viel weiter sei als der Rest der Welt: die Vielfalt der Sprachen. Selbst im abgelegensten Dorf lebt immer jemand, der viele Sprachen beherrscht, darunter auch eine internationale Sprache. Und das ist für Fatou Diome die Chance für Afrika.

Autorin: Carine Debrabandère

Redaktion: Christine Harjes

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