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Kultur

Erinnerungen an den geteilten Bahnhof

Die Grenze zwischen Ost und West verlief mitten durch ihn hindurch. Eine Stahlwand trennte die Reisenden am Bahnhof Berlin-Friedrichstraße von einander. Er wurde zum Umschlagplatz der Gefühle, Spione und Fluchtversuche.

Der Bahnhof Friedrichstraße in Berlin 1990 (Foto:dpa)

Am 13. August 1961, exakt um 00:21, ist auf dem Bahnhof Berlin-Friedrichstrasse Schluss mit dem freien Reiseverkehr zwischen Ost- und Westdeutschland. Die DDR hat begonnen sich einzumauern, keine S-Bahn fährt jetzt mehr in Richtung Westen. Lautsprecherdurchsagen verkünden, eine Weiterfahrt sei nicht mehr möglich. Zwar wurden bereits 1952 das Telefonnetz und die Stromversorgung zwischen West- und Ost-Berlin von der DDR unterbrochen, doch die S-Bahn fuhr weiter beinahe im 5-Minutentakt über alle Sektorengrenzen hinweg und beförderte täglich mehr als eine Million Fahrgäste. Dass das irgendwann nicht mehr möglich sein sollte, hatte keiner für möglich gehalten. Genauso undenkbar wie der Bau der Mauer.

Für 20 Pfennig in die Freiheit

Der Fernbahnhof Berlin-Friedrichstrasse ist ein verglaster Wilhelminischer Prunkbau, der Ende des 19. Jahrhunderts über der pulsierenden Friedrichstrasse als Symbol der aufsteigenden Weltmetropole Berlin errichtet wurde. In den goldenen 1920er Jahren tobte genau hier das Leben, rund um den Bahnhof scharten sich Varietés, Kneipen, Restaurants und Hotels. Nach Kriegsende 1945 fiel er in die sowjetische Besatzungszone und entwickelte sich in den 1950er Jahren zu einem einzigartigen Schlupfloch in den Westen: für 20 Pfennig eine Fahrkarte kaufen, in die S-Bahn setzen und wenige Minuten später – völlig problemlos, von wenigen Taschenkontrollen mal abgesehen - im Westen ankommen.

Passanten vor dem Bahnhof Friedrichstraße in Berlin 1966 (Foto: Wilfried Glienke)

Passanten vor dem Bahnhof Friedrichstraße in Berlin 1966

Tausende von Ostdeutschen nutzten diese Möglichkeit bis die DDR mit dem Mauerbau begann. Der Bahnhof Friedrichstrasse wurde innerhalb kürzester Zeit umgebaut und zu einem der größten und meist frequentierten Grenzübergänge zwischen West- und Ost-Berlin. Eine Art Hochsicherheitstrakt, der von bewaffneten DDR-Grenzsoldaten streng überwacht wurde. Zwischen den Bahnsteigen, von denen die Züge nach Hamburg oder Paris und die S-Bahnen zum West-Berliner Bahnhof Zoo fuhren, und dem Bahnsteig für die S-Bahn in Richtung Osten, wurde eine graue, zentimeterdicke Stahlwand bis unter die Decke gezogen.

Hochsicherheitstrakt mit 140 Kameras

In den Katakomben des Bahnhofs entstand ein Labyrinth von Gängen, verschlossenen Türen, Absperrungen, Pass –und Kontrollstellen, niemand sollte wissen, wo man sich gerade befand. Mit dem absurden Nebeneffekt, dass sich zunehmend selbst der allmächtige DDR-Geheimdienst im Bahnhof verirrte, sagt Wolf Kühnelt, einer der Ideengeber der Ausstellung "Der Geteilte Bahnhof", die zum 50. Jahrestag des Mauerbaus dessen Auswirkungen auf den Bahnhof in Erinnerung ruft. "Hier waren mehr als 140 Kameras eingebaut. Sogar auf den Klos", sagt er.

Manfred Migdal erinnert sich noch heute mit Grauen an den geteilten Bahnhof. "Schrecklich, ein Albtraum war das, der einem heute noch Gänsehaut beschert." Weil er am 12. August 1961 seine Mutter in Ost-Berlin besuchte, wurde er durch den Mauerbau über Nacht Bewohner von Ost-Berlin. Am 15. Mai 1962 versucht er mit zwei Freunden über den Bahnhof Friedrichstrasse in den Westen zu fliehen. Im Betriebsbahnhof Rummelsburg, mitten im tiefsten Osten Berlins, dort wo die Züge, die in den Westen fahren sollten, gereinigt wurden, schleichen sie sich in einem unbewachten Moment in einen Zug nach Hamburg, und verstecken sich in der Zwischendecke.

Blick auf den Berliner Bahnhof Friedrichstraße von der Ostseite 1971 (Foto: Klaus Morgenstern)

Blick auf den Berliner Bahnhof Friedrichstraße von der Ostseite 1971

"Wir hatten aber die Rechnung ohne die Grenzer gemacht, die die Züge völlig umgekrempelt haben", erzählt Manfred Migdal. 68 Jahre alt ist er heute und kann sich noch gut an den Moment erinnern, als ihn die Grenzer entdeckten, aus dem Zug zerrten und unter Schlägen durch das Labyrinth des Bahnhofs prügelten. Eineinhalb Jahre Gefängnis bekam er für seinen Fluchtversuch. Trotzdem versuchte er nach seiner Entlassung immer wieder zu flüchten, wurde aber immer wieder geschnappt und zu insgesamt vier Jahren Zuchthaus verurteilt. 1971 kaufte die Bundesrepublik Manfred Migdal frei. "Immer wenn ich hier am Bahnhof ankomme geht mein Blick dahin, zu dem Gleis, an dem ich verhaftet worden bin…diese Absperrungen, diese vielen, vielen Augen, die vergisst man niemals. Furchtbar."

Spione und Abschiedstränen, Stahlwand und braune Kacheln

Manfred Migdals Schicksal ist eines von Vielen, an das jetzt im Bahnhof Berlin-Friedrichstrasse in der Installation "Der Geteilte Bahnhof" erinnert wird. Zu sehen sind Fotos, Schautafeln, Dokumente, Exponate und Schulungs-Filme der DDR-Staatssicherheit für Grenzkontrolleure. Um die bedrohliche Architektur des geteilten Bahnhofs wieder lebendig zu machen, wurde auf dem Boden die frühere Grenze mit einem weißen Strich markiert. Kurator Frank Ebert betont, wie belastend die Situation am Bahnhof Friedrichstrasse gerade für Ostdeutsche war. Sie konnten die Ansagen von den anderen, den unsichtbaren Bahnsteigen hören, von denen die Züge in den Westen fuhren, hätten sich aber hätten niemals in diese Züge setzen dürfen und können.

Westberliner nach der Grenzabfertigung am S-Bahnhof Friedrichstrasse 1964 (Foto: Ullstein)

Westberliner nach der Grenzabfertigung am S-Bahnhof Friedrichstrasse 1964

Abschiedstränen und Wiedersehensfreude, Angst und Sehnsucht, Wut und Verzweiflung, das sind die Gefühle, die viele Berliner immer noch mit dem Grenzbahnhof Friedrichstrasse verbinden. Er war aber auch der Ort, an dem durch Geheimtüren die Spione und Informellen Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit in den Westen geschleust wurden. Ein Ort durch den Agenten ein- und ausgingen. Heute sieht man davon nichts mehr. Nichts erinnert mehr an das bange Warten oder die schmerzlichen Abschiede, die hier einst Familien oder Liebespaare erleben mussten.

Die tristen braunen Wandkacheln sind genauso verschwunden wie die hohe Stahlwand, der Bahnhof Friedrichstraße ist heute ein hochmoderner Verkehrsknotenpunkt mit Shoppingmeile. Das alles lässt im Alltag vergessen, dass er während der deutschen Teilung mehr als eine Bahnstation war. Er war ein Brennpunkt des Kalten Kriegs, ein Umschlagplatz der Gefühle. Und ist heute ein authentischer Geschichts-Ort.

Autor: Christoph Richter

Redaktion: Marlis Schaum

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