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Aktuell Deutschland

Erinnerung an Solinger Brandanschlag

Vor zwanzig Jahren ging in Solingen das Wohnhaus der türkischen Familie Genç in Flammen auf. Die Täter gaben als Motiv Fremdenhass an. Aus Anlass des Jahrestages lud die Stadt zum Gedenken an die fünf Todesopfer ein.

Mevlüde Genç (l) wird von der Integrationsbeauftragten Maria Böhmer (2. v.r.) und der stellvertretenden NRW-Ministerpräsidentin Sylvia Löhrmann (r) begrüßt (Foto: dpa)

Gedenkveranstaltung Brandanschlag Solingen

Zu der zentralen Gedenkveranstaltung an den 29. Mai 1993, den Tag, an dem bei dem Brandanschlag rechter Jugendlicher auf das Wohnhaus der Familie Genç in der Unteren Wernerstraße zwei türkische Frauen und drei Mädchen starben, kamen hochrangige politische Vertreter aus Deutschland und der Türkei eigens nach Solingen.

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Staatsministerin Maria Böhmer (CDU), räumte beim offiziellen Gedenken an die Opfer des fremdenfeindlichen Anschlags ein, dass die Anstrengungen gegen eine Wiederholung rechtsradikaler Mordtaten nicht ausreichend gewesen seien. Den Terroristen des rechtsextremen Netzwerkes NSU sei es beispielsweise gelungen, über Jahre unerkannt kaltblütig Menschen zu ermorden. "Das Vertrauen in unseren Rechtsstaat ist dadurch schwer beschädigt, wir müssen alles daran setzen, es wiederherzustellen". Vom 20. Jahrestag des Solinger Anschlags müsse "ein klares Signal ausgehen, dass wir nicht nachlassen im Kampf gegen Rechtsextremismus und Rassismus".

Noch immer klafft die Lücke

Der Brand in Solingen war 1993 der traurige Höhepunkt einer Reihe rechtsextremistischer Anschläge in Deutschland. Die Schlagzeilen gingen um die Welt. Bis zum 29. Mai 1993 gab es manche, die Brandanschläge gegen Ausländer im Großen und Ganzen als ostdeutsches Problem, als Spätfolgen des SED-Regimes abtun wollten. Und selbst nach dem Anschlag in der bergischen Industriestadt versuchten sich manche damit zu trösten, dass - anders als in Rostock und Hoyerswerda - in Solingen niemand applaudiert hatte. Dafür war in Solingen das Entsetzen über die Täter umso größer. Einer der vier wohnte gegenüber von Familie Genç und beobachtete den Brand von seinem Zimmer aus, bis er sich schlafen legte. Ein anderer stammt aus einer angesehenen linksliberalen Familie. Sein Vater war Mediziner.

Die vier jungen Männer wurden 1995 vom Oberlandesgericht Düsseldorf zu langjährigen Haftstrafen verurteilt, die sie inzwischen verbüßt haben. Drei der Täter erhielten die Jugend-Höchststrafe von zehn Jahren, einer wurde zu 15 Jahren Haft verurteilt.

Wo einst das Haus war, stehen heute fünf Kastanien für die Opfer, die im Alter zwischen vier und 27 Jahren ums Leben kamen. Ihre Namen sind auf einer kleinen Metallplatte in der Wohnstraße eingraviert. Mevlüde Genç (auf dem Artikelbild bei der Begrüßung duch Maria Böhmer) verlor hier zwei Töchter, zwei Enkelinnen und eine Nichte. 14 Familienmitglieder überlebten mit teils schwersten Brandverletzungen.

Die Lücke, wo einst das Haus der Familie Genç stand (Foto. dpa)

Leerstelle: fünf Kastanien statt eines neuen Hauses - aus Pietät vor den Toten

"Eine Kultur der Anerkennung"

Mevlüde Genç, die stets ein Kopftuch trägt und ausschließlich türkisch spricht, besucht einmal im Monat den Ort. "Wenn sie nicht hinginge, würde sie sich nicht wohlfühlen", sagt ihr Dolmetscher einem Korrespondenten der Deutschen Presse-Agentur. "Es ist ein Schmerz, der noch immer sehr, sehr tief sitzt". Die Gençs sind nach dem Anschlag in Solingen geblieben, und die Stadt ist dankbar dafür.

In der aufgewühlten Stimmung nach dem Brandanschlag, als wütende türkische Jugendliche durch die Stadt zogen, meldete sich das weibliche Oberhaupt der Familie zu Wort. "Lasst uns Freunde sein", sagte damals Mevlüde Genç, in einem ergreifenden Appell. "Wir haben nur ein einziges Leben, und dieses Leben sollten wir in Liebe verbringen". Diesen Aufruf wiederholte die heute 70-Jährige, die immer wieder für Verständigung und Dialog zwischen Deutschen und Türken eintritt, bei der Gedenkstunde.

qu/GD (dpa, afp rtr)