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Politik & Gesellschaft

Erinnern an Gräuel im Warschauer Ghetto

Der Literaturkritiker Reich-Ranicki zeichnete im Bundestag ein ergreifendes und beklemmendes Bild der Gewalttaten der Nazis im Warschauer Ghetto. Das Parlament gedachte der Opfer des Nationalsozialismus.

Reich-Ranicki am Rednerpult im Bundestag (Foto:dapd)

Zeitzeuge und Überlebender des Warschauer Ghettos: Marcel Reich-Ranicki

Die seelische und körperliche Belastung ist ihm deutlich anzusehen, auf dem Weg zum Rednerpult des Deutschen Bundestags muss Marcel Reich-Ranicki gestützt werden. Die Rede des 91-jährigen Literaturkritikers in der Gedenkstunde für die Opfer des Holocaust am Freitag (27.01.2012) hinterlässt ungeachtet dessen einen starken und bewegenden Eindruck.

Er spreche als Zeitzeuge, nicht als Historiker, hebt Reich-Ranicki hervor, und erinnert in vielen persönlichen Eindrücken und bitteren Erfahrungen an die Deportation aus dem Warschauer Ghetto in die Vernichtungslager. Als Deutsch-Übersetzer beim so genannten "Judenrat" im Ghetto habe er "das Todesurteil diktiert, dass die SS über die Juden von Warschau gefällt hatte".

Nur ein Ziel: den Tod der Juden

Blick in die Gedenkstunde des Bundestags (Foto:dpa)

27. Januar im Bundestag: Seit 1996 in Deutschland Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus

Das Warschauer Ghetto wurde durch die SS ab dem 22. Juli 1942 schrittweise aufgelöst und die Bewohner in Vernichtungslager geschickt, vor allem in das Konzentrationslager Treblinka. Reich-Ranickis erschütternde Bilanz: "Was die 'Umsiedlung' der Juden genannt wurde, war bloß eine Aussiedlung - die Aussiedlung aus Warschau. Sie hatte nur ein Ziel, sie hatte nur einen Zweck: den Tod."

Reich-Ranicki, der in einer deutsch-polnischen Familie aufwuchs, ist einer der letzten lebenden Zeugen des Warschauer Ghettos. Sein Bruder und seine Eltern wurden von den Nazis ermordet. 

Sorge um latenten Antisemitismus

Reich-Ranicki zwischen Bundespraesident Christian Wulff und dem Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Vosskuhle (Foto:dapd)

Literaturkritiker Reich-Ranicki vor seiner Rede im Berliner Parlament

Bundestagspräsident Norbert Lammert hatte zuvor angesichts der jüngst aufgedeckten Mordserie deutscher Neonazis dazu aufgerufen, sich weiter mutig und engagiert gegen jede Form von Rechtsextremismus und Antisemitismus zu stellen. Der Holocaust mahne dazu, dass alle Menschen frei und ohne Angst leben müssten, so der CDU-Politiker.

Besorgt verwies er auf den Antisemitismusbericht des Bundestags, der zu Wochenbeginn vorgestellt worden war. Demnach sind rund 20 Prozent der Deutschen "latent antisemitisch". "Das ist für Deutschland genau 20 Prozent zu viel", beklagte Lammert.

Der Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus war 1996 vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog proklamiert und auf den 27. Januar festgelegt worden. An diesem Tag war 1945 das Vernichtungslager Auschwitz von sowjetischen Truppen befreit worden.

Autor: Siegfried Scheithauer (dapd, epd, afp)
Redaktion: Dirk Eckert

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