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Kultur

Erinnern an Gleiwitz

Bischöfe aus Polen und Deutschland gedenken gemeinsam des deutschen Überfalls auf Polen vor 75 Jahren - für deutsche Katholiken ein schwieriges Kapitel.

Die deutschen Soldaten steckten in polnischen Uniformen. Ihr Überfall auf den damaligen Reichssender Gleiwitz am Abend des 31. August 1939 lieferte den Vorwand für den Einmarsch in Polen. Der zweite Weltkrieg nahm seinen Lauf. Mehr als 60 Millionen Menschen sollten sterben. Doch Deutschlands große Kirchen blieben stumm. "Die deutschen Bischöfe haben den Krieg nicht begrüßt", konstatiert der Bamberger Historiker Bernd Heim, "man hat aber auch nicht massiv gegen ihn Stellung bezogen." Einen deutlichen Widerstand etwa in Form einer Kanzelverkündigung an die deutschen Katholiken oder einen Aufruf an die deutschen Soldaten habe es nicht gegeben, so

Heim im Gespräch mit der Deutschen Welle

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Wehrmachtssoldaten reissen am 1. September 1939 einen Schlagbaum an der deutsch-polnischen Grenze ein C: AP

Wehrmachtssoldaten reissen am 1. September 1939 einen Schlagbaum an der deutsch-polnischen Grenze ein

Vergebung erbitten und geben

Nach dem Krieg herrscht Grabesruhe zwischen den Kirchen Polens und Deutschlands. Erst ein Hirtenbrief der polnischen Bischöfe aus dem Jahr 1965 beendet das große Schweigen. Das

II. Vatikanische Konzil

ist soeben zu Ende. Polens Bischöfe wenden sich mit einer Vergebungsbitte an ihre deutschen Amtsbrüder – ein wichtiges Signal der Aussöhnung. Das Schreiben endet mit den Worten: "Wir vergeben und bitten um Vergebung". Die Kirchenmänner sprangen damit auch über den eigenen Schatten, sehr zum Ärger der kommunistischen Regierung. Denn die Annäherung der Kirchen verlangte auch nach einer Annäherung der beteiligten Staaten.

Gemeinsames Gedenken in Gleiwitz

Kirchenglocken

In Polen und Deutschland läuten die Kirchenglocken, um an den Kriegsbeginn vor 75 Jahren zu erinnern

Zum Gedenken an die Schrecken des Zweiten Weltkrieges ließen die Kirchen bereits 2009 beiderseits der Grenze die Glocken läuten - am 70. Jahrestag des Überfalls der deutschen Wehrmacht auf Polen. Zahlreiche gemeinsame Gedenk-Gottesdienste wurden veranstaltet. Diesmal ist eine große Gedenkfeier der Deutschen und Polnischen Bischofskonferenz im polnischen Gliwice geplant, dem ehemaligen Gleiwitz. Dabei werden neben den Vorsitzenden der beiden Bischofskonferenzen, Kardinal Reinhard Marx und Erzbischof Stanislaw Gadecki, auch Vertreter der evangelischen Kirche und der jüdischen Gemeinschaft Polens an die Opfer des Krieges erinnern und für den Frieden beten.

Würdigung polnischer Freiheitsgeschichte

Denkmal Warschauer Aufstand

Der Aufstand der Polen in Warschau wurde 1944 von den Nationalsozialisten brutal niedergeschlagen

Auf dem Programm steht auch ein Besuch am Grab des polnischen Priesters Jerzy Popieluzko. Der Geistliche war 1984 wegen seiner Unterstützung der oppositionellen Solidarnosc-Bewegung vom polnischen Staatssicherheitsdienst ermordet worden. Anschließend will Marx das Museum des Warschauer Aufstands besuchen. Der Aufenthalt greift damit verschiedene Gedenktage dieses Jahres auf, die die Geschichte Polens und Europas in Erinnerung rufen: Vor 70 Jahren widersetzte sich das polnische Volk der Unterdrückung durch die Nationalsozialisten während des Warschauer Aufstands, vor 25 Jahren endete der Kommunismus in Polen und seit zehn Jahren ist das Land Mitglied der Europäischen Union.

Leitmotive des Besuchs sind nach einer Mitteilung der Deutschen Bischofskonferenz: "Die Versöhnung von Deutschen und Polen nach einer Geschichte der Gewalt, die gemeinsame Zukunft der Völker in einem geeinten Europa und der Beitrag Deutschlands und Polens für eine friedliche, freiheitliche und solidarische Ordnung in der Welt." Unabhängig von der gemeinsamen Gedenkfeier der Bischofskonferenzen in Gleiwitz wird am ersten September in zahlreichen Kirchengemeinden Polens und Deutschlands an den Kriegsbeginn und die Geschichte beider Länder erinnert. In Deutschland werden dazu auch viele Gottesdienste in polnischer und deutscher Sprache abgehalten.

Für den polnischen Historiker Krzysztof Ruchniewicz, Leiter des Willy Brandt-Zentrums in Breslau, ist das gemeinsame Gedenken der Katholiken in Polen und Deutschland inzwischen eine Selbstverständlichkeit. "Wir haben schon viele Gesten von großer Bedeutung gehabt", sagt Ruchniewicz, "heute brauchen wir etwas anderes!" Wichtiger sei die ganz praktische Gestaltung der Nachbarschaft. Die Bischöfe sollten klären, welche Probleme sie gemeinsam lösen wollten - etwa Armut und Arbeitslosigkeit. "Ich erwarte, dass dazu Worte fallen und man nicht immer nur an die Vergangenheit denkt und erinnert", so der polnische Historiker im DW-Gespräch. "Auch wenn das wichtig ist".

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