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Deutschlandtour

Erfurt – Leben auf der Krämerbrücke

Tausende Touristen strömen täglich über das Wahrzeichen Erfurts, die einzige vollständig bebaute Brücke Mitteleuropas. Und dennoch sind die alten schiefen Fachwerkhäuser auch als Wohnungen beliebt.

Blick von der Ägidienkirche zum Domberg; 01.03.2012-02.03.2012, Krämerbrücke in Erfurt; Copyright: DW

Blick von der Ägidienkirche zum Domberg

Ein paar Tauben picken zwischen den Pflastersteinen. Am Vormittag ist es noch ruhig auf der 1325 erbauten Brücke über den Fluss Gera. Weit genug vom Lärm der Autos entfernt, kann man Klopfgeräusche vernehmen. Die Tür zur Werkstatt des Puppenbauers steht offen. Auf der Werkbank bekommt ein grob vorbereiteter Holzkopf langsam menschliche Züge. Martin Gobsch ist Puppenmacher, seit 2010 hat er eine kleine Schauwerkstatt auf der Krämerbrücke. Sein Konzept hatte den Vermieter überzeugt.

Wer ist die Schönste im ganzen Land

Schaufenster des Puppenmachers (Foto: DW)

Schaufenster des Puppenmachers

Theatrium Mundi, mechanisches Theater steht über seinem Schaufenster. Hinter der Scheibe sieht man das strenge Gesicht einer großen Holzpuppe, die mit einem Vorhang eine Installation verbirgt. Immer wenn eine Münze durch den Schlitz im Fensterrahmen gesteckt wird, beginnt ein Glockenspiel und der Vorhang öffnet sich. Gespielt wird Schneewittchen. In der Hauptsaison bis zu 100 mal am Tag. Wer ist die Schönste im ganzen Land?

Nach der Wende konnte sich die Stadt Erfurt gar nicht retten vor lauter Anfragen für die Krämerbrücke. McDonalds wollte ein Haus, eine Drogeriekette und Beate Uhse auch, erzählt die Historikerin und Stadtführerin Sabine Hahnel. Glücklicherweise hat die Stadt Erfurt sich nicht kaufen lassen, sondern die Stiftung Krämerbrücke gegründet. Die kümmert sich seit 1996 um die angemessene Nutzung des Kulturdenkmals. Und das sind immerhin 32 Häuser samt den Ladengeschäften, die die Krämerbrücke säumen.

Immer wieder abgebrannt und aufgebaut

Krämerbrücke am Morgen (Foto: DW)

Krämerbrücke am Morgen

Die Brücke hat schon viele Händler kommen und gehen sehen. Sie war Teil der Via Regia, einer mittelalterlichen Handelsstraße, die den Rhein mit Schlesien verband und bis nach Russland führte. Hier in Erfurt mussten die Wagen an einer flachen Stelle, der Furt, die Gera überqueren. Die reichen Kaufleute ließen ihre Fuhrwerke durchs Wasser steuern und nahmen selber den Fußweg. Über eine hölzerne Brücke mit Kramläden, schon Anfang des 12. Jahrhunderts erstmals erwähnt. Kram, das waren damals vor allem exotische Gewürze und teure Tücher. Und weil sie so populär war, aber immer wieder abbrannte, wurde 200 Jahre später eine steinerne Brücke gebaut.

Obwohl die ursprünglich 62 Häuser auf die Hälfte zusammengelegt wurden, bieten die Wohnungen auf der 80 Meter langen Krämerbrücke nicht viel Platz und wenig Komfort. Was zählt, ist das Lebensgefühl. Es ist ein bisschen so, wie auf dem Dorf.

Krämerbrücke in Erfurt (Foto: Lemitz)

Krämerbrücke in Erfurt von außen

Hier kenne jeder jeden. Schön sei es, aber besser, wenn man doppelt verglaste Fenster habe, sagt eine Bewohnerin, die schon seit zehn Jahren auf der Brücke zu Hause ist. Seit einigen Wochen kann sie auch während der Hauptsaison wieder ruhig schlafen. Davor, mit den einfach verglasten alten Fenstern, hat sie alles gehört. Jeden Streit der Nachbarn und jede Versöhnung. Und natürlich auch die Rollkoffer der Touristen auf dem Kopfsteinpflaster.

Zum Mittag gibt es Suppe

Es ist die Mischung, welche die Krämerbrücke für Anwohner und Besucher so reizvoll macht. Sie verbindet das Atelier für einen Linkshänderladen mit einer Kinderbuchhandlung, den Chokolatier mit einem Antiquitätengeschäft. Und statt McDonalds gibt es auf der Brücke ein kleines Restaurant. Und da gibt es keine Thüringer Rostbratwurst sondern frisch zubereitete Kreationen wie die Pilzsuppe mit Cranberries. Lecker und preiswert. Dabei gelten für Brückenbewohner andere Preise, sagt der Puppenmacher Martin Gobsch und schmunzelt.

Puppenmacher Martin Gobsch (Foto: DW)

Puppenmacher Martin Gobsch

Es ist Nachmittag, die Frühjahrssonne hat sich von der Brücke verabschiedet. Lärmende Kinder ziehen vorbei, Erfurter Grundschüler bei einem Stadtquiz. Und obwohl sie den Märchen längst entwachsen scheinen, versammeln sie sich vor dem Theatrium Mundi am Ende der Brücke. Und noch einmal läuft die Geschichte um Schönheit, Neid und Erlösung. Schneewittchen.

Kurz danach schließt der Puppenmacher seinen Laden. Er arbeitet gerne hier. Aber bald, so hofft er, hat auch er eine Wohnung. Auf der Krämerbrücke in Erfurt.