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Politik & Gesellschaft

Erfolgsrezept Mission?

Seit Jahren verlieren die katholische und die evangelische Kirche kontinuierlich Mitglieder. Rund 330.000 traten allein im vergangenen Jahr aus. Die evangelische Kirche steuert gegen - mit missionarischen Konzepten.

Betende Hände vor einer Bibel und einer Kerze (Foto: pa/dpa)

Dass sich in beiden großen deutschen Kirchen die Reihen lichten, liegt nicht nur an mangelndem Interesse, sondern auch am demografischen Wandel – es sterben mehr Menschen als geboren werden. Außerdem haben Institutionen in der Gesellschaft generell an Akzeptanz und Einfluss verloren. Das gilt für Volksparteien und Gewerkschaften ebenso wie für den Typus Volkskirche. Darüber hinaus gibt es einen Traditionsbruch: Über Themen des Glaubens wird in Familien kaum noch gesprochen und Glaubensgrundlagen immer weniger vermittelt. Umso mehr stellt sich vor allem die evangelische Kirche die Frage, wie sie die Deutschen, die nicht kirchlich sozialisiert sind, für die Botschaft des Evangeliums begeistern kann.

Der innerkirchlich lange umstrittene Begriff Mission, also Sendung, wird dabei immer häufiger gebraucht. In der Bibel kommt der Begriff nicht vor. Dort aber, am Ende des Evangeliums nach Matthäus, ist der sogenannte Missionsbefehl Jesu dokumentiert: "Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe." Kirche muss also missionarisch sein, verlangt ihr Begründer.

"Container-Begriff" Mission

Pfarrer Hans-Hermann Pompe, Leiter des Zentrums 'Mission in der Region' (Dortmund-Stuttgart-Greifswald) der Evangelischen Kirche in Deutschland (Foto: EKD)

Hans-Hermann Pompe

Tatsächlich habe der christliche Glaube einiges zu bieten, sagt der Theologe und Pfarrer Hans-Hermann Pompe. "Das Erste: Jeder Mensch ist ein von Gott gewolltes und geliebtes Wesen. Das Zweite: Kein Mensch ist verloren in all dem, was ihm das Leben schwer macht. Es gibt einen Gott, der ihm nachgeht und hilft. Und Drittens: Jeder Mensch darf in dieser Schöpfung und unter diesem Himmel Gottes leben und seine Freiheit gestalten." Diese Jahrtausende alten Versprechen der Bibel könnten auch Menschen im dritten Jahrtausend Halt, Hoffnung und damit mehr Lebensqualität schenken, so Pompe, Leiter des "Zentrum für Mission in der Region" in Dortmund. Es wurde 2009 im Rahmen des Reformprozesses der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gegründet und soll Modellprojekte vorantreiben für Menschen, die Kirche nicht erreicht.

Der Begriff Mission war deshalb lange Zeit negativ befrachtet, weil damit Zwangschristianisierung, Ausbeutung und die Zerstörung indigener Kulturen zur Zeit der Kolonialisierung verbunden wurden. Mission sei allerdings ein "Container-Begriff" geworden, betont der Bonner Theologieprofessor Eberhard Hauschildt. "Es gibt einen ganz weiten Begriff, dann bedeutet Mission Kommunikation des Evangeliums. Es gibt einen engeren Begriff, der darauf hinweist, dass die Kirche in all ihren Handlungen gleichzeitig dafür wirbt, zu ihr zu kommen, bei ihr zu sein, für ihre Ansichten und für ihre Botschaft wirbt. Und es gibt einen ganz engen Begriff der Mission, der für eine ganz bestimmte Kommunikationsform des werbenden Gesprächs steht."

Prof. Dr. Eberhard Hauschildt geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift Pastoraltheologie Ferd.-Porsche-Str. 5 53123 Bonn. Foto von Eberhard Hauschildt zugeschickt 11.11.2011

Prof. Eberhard Hauschildt

Empirische Untersuchungen geben inzwischen Hinweise darauf, wie dermaßen sprachlich abstrakte Wortregale mit Inhalt gefüllt werden können. Die Gesellschaft in Deutschland habe sich zu einer Milieu-Gesellschaft entwickelt, zu ganz unterschiedlichen Kulturen, so der Bonner Theologe. "In dieser veränderten Landschaft ist es in der Tat notwendig und wichtig wahrzunehmen, dass das Verhältnis der Menschen zur Kirche auch durch ihre Milieu-Zugehörigkeit ganz stark geprägt ist." Ein wichtiger Schritt sei der, dass die Kirche sich besser einstellen müsse auf die Lebenssituation und das Lebensumfeld der Menschen. Allein mit einer auf das jeweilige Milieu ausgerichteten Gestaltung des Gottesdienstes sei es nicht getan, betont Hauschildt. "Die Zugänge sind noch einmal tiefgreifender, als nur ein bisschen Sprache zu ändern und die Musik auszutauschen, weil die Beziehungsformen der Menschen in den unterschiedlichen Milieus jeweils ganz anders laufen."

Kleine Änderung – große Wirkung

In der evangelischen Dreifaltigkeitskirche in Köln wird die Konfirmation gefeiert, aus diesem Anlass wurden auch zwei der Konfirmanden noch getauft (Foto: pa/Klaus Rose)

Konfirmation in einer Kölner Kirche

Allerdings reicht es manchmal aus, zuvor blockierte Stellschrauben ein wenig zu drehen, um als Kirche effizient zu sein. Volksmissions-Experte Hans-Hermann Pompe berichtet aus seinem reichen Erfahrungsschatz: "Konfirmanden werden in der Regel dazu verpflichtet, am Sonntagsgottesdienst teilzunehmen. Sie kommen dann in einen Gottesdienst, der zu einer Uhrzeit stattfindet, wo sie normalerweise noch im Bett liegen." Auch die Inhalte der Gottesdienste seien ihnen eher fremd und entsprächen nicht ihrem Geschmack. "Es gibt Gemeinden, die sagten: Gut, dann muss die Musik passen, dann muss der Stil passen, dann muss die Verkündigung anders werden, und dann muss möglicherweise auch die Uhrzeit geändert werden. Eine Gemeinde in Oberhausen hat enorm erfolgreiche Konfirmandengottesdienste - sonntags um 18 Uhr. Und das Interessante: Plötzlich kommen auch die Eltern mit."

Über eine solch spezielle Optimierung hinaus sieht Professor Hauschildt weitere Chancen des Handelns, weil Deutschland nicht nur zu einer Milieu-Gesellschaft, sondern auch zu einer Medien-Gesellschaft geworden sei. "Die mediale Repräsentanz der Kirche ist besonders wichtig geworden und zwar in zweierlei Hinsichten, dass sie in den Medien interessante Themen für die Menschen anspricht, die sie zum Weiterdenken und Diskutieren anregen. Es ist auch wichtig, dass die Kirche Personen anbietet, mit denen man sich identifiziert oder an denen man sich reiben kann." Eine zweite Ebene sei die, dass die evangelische Kirche gerade an besonderen Lebenspunkten, wie Konfirmation oder Hochzeit, und in Krisenzeiten, etwa bei Trauerfällen, von einer großen Mehrheit der Mitglieder in Anspruch genommen werde, die in der übrigen Zeit eher Distanz hielten. "Dort die Begleitung gut zu machen, ist wichtig."

Es geht nicht um die Kirche

Während der Generalsynode der Evangelische Kirche Deutschlands (EKD) wird am Mittwoch (09.11.2011) in Magdeburg abgestimmt; die EKD hält am Streikverbot in kirchlichen und diakonischen Einrichtungen fest (Foto: pa/dpa)

Synodentagung 2011 der Evangelischen Kirche

Konsequent, wenngleich sehr spät, hat erstmals 1999 die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland das Thema Mission auf die Schienen gehoben. Weiterführende Weichenstellungen folgten im Sommer 2006. Damals veröffentlichte die EKD ihre Zukunftsvorstellung "Kirche der Freiheit. Perspektiven für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert". Eine Konsequenz daraus: das Gründen unterschiedlicher Zentren übers Land verteilt – Brückenköpfe und zugleich Anlegestellen mitten in der Gesellschaft.

Beim Synodentreffen in der zurückliegenden Woche in Magdeburg war Mission wieder Schwerpunkt. In einer vorläufige Bilanz heißt es, zwischen Landeskirchen und missionarischen Bewegungen seien Brücken gebaut worden; Gemeinden hätten sich für eine Vielzahl von missionarischen Formen geöffnet, etwa Glaubenskurse für Erwachsene. In einem offiziellen Beschluss wird ein gezielteres und klareres Vorgehen in der christlichen Mission gefordert. Ob dadurch langfristig wieder mehr Menschen Freude an und in der Kirche finden, wird sich zeigen. Pfarrer Hans-Hermann Pompe unterstreicht allerdings unmissverständlich: "Beim Thema Mission geht es nicht um Kirche, sondern um Gott."

Autor: Klaus Krämer
Redaktion: Bernd Riegert