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Deutschland

Erfolgsmodell Pflegeversicherung

In Deutschland werden oft ihre Schwächen betont, im Ausland wird sie häufig gelobt: die Pflegeversicherung. Vor 20 Jahren wurde sie eingeführt und inzwischen hat sie in einigen Ländern Nachahmer gefunden.

Es ist ein Idealbild, dass alte, kranke Menschen weiter in vertrauter Umgebung wohnen können und zu Hause gepflegt werden. Vor 20 Jahren ist in Deutschland eine Versicherung eingeführt worden, die diese häusliche Pflege stärken sollte: die Pflegeversicherung. Sie ist eine Pflichtversicherung, Arbeitnehmer und Arbeitgeber zahlen in sie ein. Bezahlt werden damit Pflegeheimplätze, ambulante Pflegedienste und - das ist weltweit nach wie vor einzigartig - pflegende Angehörige.

Vorbild für andere Länder

Pflegeheimbewohner bei einer Adventsfeier (Foto: Jens Büttner)

Die Mehrheit der Pflegebedürftigen bleibt zu Hause, nur ein Drittel geht in Heime

Japan und Südkorea haben ähnliche Modelle für die Pflege im Alter eingeführt, auch Spanien und Luxemburg haben sich an Deutschland orientiert. In der Türkei wird seit einigen Jahren darüber diskutiert. Doch Stephan von Bandemer vom

Institut Arbeit und Technik

in Gelsenkirchen betont: "Deutschland ist das einzige Land, das eine Pflegeversicherung hat, die gewährleistet, dass die Altenpflege vernünftig finanziert wird."

Anfang der 1990er Jahre wurde die Pflege in Deutschland noch teils von Krankenkassen und teils von Betroffenen bezahlt. Falls das Geld nicht reichte, gab es Sozialhilfe von den Kommunen. Weil schon damals abzusehen war, dass es künftig mehr Ältere und damit mehr Pflegebedürftige geben wird, musste eine neue Lösung her, die 1994 beschlossen wurde.

"Das System der Pflegeversicherung ist grundsätzlich gut", so die Leiterin der Beratungsfirma

Age Consult

, Claire Désenfant. Denn Pflege sei eben nicht gleich medizinische Versorgung, wie sie in den Krankenhäusern geleistet und von den Krankenkassen bezahlt wird. Die Pflege habe viele soziale Komponenten: Die pflegebedürftigen Menschen müssten nicht nur gewaschen werden, sie müssten in ihrer Teilhabe am gesellschaftlichen Leben unterstützt und begleitet werden. Mit dem Extra-Geldtopf Pflegeversicherung werde man diesen besonderen Anforderungen gerecht, so Désenfant im DW-Gespräch.

Doch es gibt auch Kritik: Betroffene beschweren sich immer wieder, dass nicht nachvollziehbar ist, wie die Pflegebedürftigkeit eines betroffenen Menschen festgelegt wird. Davon hängt die Höhe der Zuwendung ab. Vor allem Demenzkranke sind benachteiligt. Einige Kritiker befürchten zudem, dass das System bald kollabiert, weil es auf den Beiträgen von Arbeitnehmern und Arbeitgebern basiert und es wegen der schrumpfenden Bevölkerung künftig weniger Beitragszahler geben wird. Dazu gibt es immer wieder Berichte über misshandelte Pflegeheim-Bewohner, überfordertes Personal und

über gering bezahlte Pfleger und Pflegerinnen in Privathaushalten

.

Pflege ist oft Familiensache - auch finanziell

Stephan von Bandemer vom Institut Arbeit und Technik (Foto: Privat)

Bandemer: Die Altenpfleger-Ausbildung in Deutschland ist besonders gut

In manchen Ländern, wie etwa in Polen, gibt es gar keine ambulante Pflege. "Wenn Menschen dort pflegebedürftig sind, werden sie in der Regel von der Familie versorgt", sagt Martina Hasseler von der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften in Wolfsburg. Das sei in vielen Ländern so, zum Beispiel auch in Italien oder Griechenland.

Anders als in Deutschland wird in vielen Ländern die Pflege über Steuern finanziert. Bei aller Kritik an dem deutschen Beitrags-System: Es garantiert zumindest, dass die in die Pflegeversicherung eingezahlten Mittel auch für die Pflege ausgegeben werden. Bei steuerfinanzierten Systemen ist das nicht so.

Das bedeutet jedoch nicht, dass steuerfinanzierte Pflege schlecht sein muss: In Schweden, wo die Kommunen die Pflege - steuerfinanziert - organisieren, existiert laut einer

Studie des Wissenschaftlichen Instituts des Verbandes der privaten Krankenversicherung (WIP-PKV)

ein "vergleichsweise umfassendes Angebot an stationärer und ambulanter Pflege". Für die ambulante Pflege gibt es beispielsweise Gemeindekrankenschwestern, die sich um die Älteren kümmern. Die Schweden geben viel für den Pflegebereich aus: 3,5 Prozent vom Brutto-Inlandsprodukt (BIP) waren es laut der Studie im Jahr 2007, in Deutschland nur 0,9 Prozent.

Pflegegeld für die Angehörigen

In Deutschland erhalten pflegende Angehörigen zwischen 235 und 700 Euro pro Monat von den Pflegekassen - je nach Grad der Pflegebedürftigkeit. Von den rund 2,5 Millionen Pflegebedürftigen wurde nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im Jahr 2011 rund die Hälfte zu Hause von ihren Angehörigen versorgt.

Ein andere Besonderheit ist die Altenpfleger-Ausbildung. "Die Bundesregierung möchte sie in einer generalistischen Pflege-Ausbildung aufgehen lassen. International wird das mit Kopfschütteln beobachtet", sagt Claire Désenfant. Zumal die Ausbildung besonders praxisnah sei, erklärt Stephan von Bandemer. In fast allen anderen Ländern sei sie akademisch. "Das hat zur Folge, dass die Leute zwar hoch qualifiziert, aber in der praktischen Tätigkeit, der Grundpflege, eigentlich nicht einsetzbar sind", so der Volkswirt im DW-Gespräch. Diese Arbeiten - also zum Beispiel das Waschen oder Anziehen der Pflegebedürftigen - erledigten dann häufig deutlich schlechter qualifizierte Hilfskräfte.

Pflegeversicherung ist in die Jahre gekommen

Ein Heimbewohner geht mit seinem Rollator durch die automatische Eingangstür. (Foto: Jens Büttner)

Pflegeheim in Parchim: Reform soll mehr Geld bringen

Obwohl die Deutschen für ihr Pflege-System in einigen Punkten beneidet werden, ist es reformbedürftig. Einen Entwurf dafür hat das Gesundheitsministerium vorgelegt. Unter anderem soll sich die Situation von Demenzkranken verbessern. Auch soll es für die Pflegebedürftigen insgesamt mehr Geld geben. Ob die Pflegeversicherung das aushält, ist umstritten. Es gibt deswegen einige Appelle, privat für die Pflege vorzusorgen.

Für die Pflege-Expertin Claire Désenfant ist das aber eher eine Frage der Verteilung. "Ich denke schon, dass Geld da wäre, wenn an anderer Stelle gespart würde", sagt sie. Die Frage sei schlicht, wie viel die Pflege der Älteren einer Gesellschaft wert sei.

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