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Kultur

Erfolgsgeschichte Jüdisches Museum

Das Haus war schon vor seiner Eröffnung ein Publikumsmagnet. Fast 350.000 Menschen haben den leeren Neubau besucht, mehr als sieben Millionen sind seit der Eröffnung des Jüdischen Museums im September 2001 gekommen.

Außenansicht des Jüdischen Museums Berlin, Libeskind-Bau (Foto: Jüdisches Museum Berlin/ Jens Ziehe)

In aller Regel werden Museen gebaut, weil man in ihnen bereits vorhandene, zumeist bedeutende Sammlungen unterbringen möchte. Beim Jüdischen Museum Berlin war das ganz anders. Da wurde zunächst einmal rund 20 Jahre herzhaft darüber gestritten, ob und wie und mit welchem Umfang und möglichem Inhalt man eine solche Einrichtung haben wolle. Schließlich kam der Senat der Stadt überein, den amerikanischen Architekten Daniel Libeskind mit einem Anbau an das barocke Berliner Stadtmuseum zu beauftragen. Darin sollte ein Jüdisches Museum als Abteilung des Hauses aufgebaut werden. Der Entwurf geriet freilich so außerordentlich originell und symbolisch, dass der hübsche barocke Kollegienbau zum reinen Anhängsel und späteren Eingangsbereich mutierte.

Außenansicht des Jüdischen Museums Berlin (Foto: AP)

Außenansicht des Jüdischen Museums

Mit einem zerbrochenen David-Stern ist Libeskinds zinkverkleideter Zickzackbau verglichen worden, mit einer zu Beton und Glas erstarrten Explosion. Spektakulär ist das Gebäude in jedem Fall, symbolträchtig und, wie Cilly Kugelmann sagt, die Programmdirektorin des Hauses, gewiss eine Metapher für die schwierige, komplizierte Geschichte von Deutschen und Juden, deutschen Juden und den Juden in Deutschland.

Ende der 90er Jahre standen die Menschen denn auch monatelang Schlange, um bei einer der begehrten Führungen durch den leeren Rohbau nackte, von der Geschichte durchdrungene Architektur zu bewundern. Dunkle Treppenschächte, Leerstellen, schiefe Wände. Und sich gabelnde Wege, die nach draußen, in die Freiheit, führen, auf schwankendem Grund in die Fremde, das Exil. Oder in eine Sackgasse, das Verlies des Holocausts.

Raum für Geschichte

Mit dem heute 84-jährigen Michael Blumenthal hat der Berliner Senat 1997 eine außergewöhnliche Persönlichkeit als Direktor des Jüdischen Museums gewonnen. Ohne ihn, davon ist Programmdirektorin Cilly Kugelmann überzeugt, würde es das Museum in seiner jetzigen Form nicht geben. Was nicht nur an seinem Charisma liegt, sondern auch an seiner historischen Rolle.

Blumenthal wurde 1926 in Oranienburg bei Berlin geboren, ist 1939 mit der Familie nach Shanghai geflüchtet und schließlich in die Vereinigten Staaten ausgewandert, wo er in Wirtschaft und Politik eine beachtliche Karriere gemacht hat. Als Träger der Geschichte sei er Ende der 90er Jahre nach Deutschland gekommen, sagt Cilly Kugelmann, und aufgrund seiner Authentizität, seiner Lebensgeschichte und seines Verhandlungsgeschicks habe er es geschafft, das Jüdische Museum zu einem großen eigenständigen Haus und einer Attraktion der deutschen Hauptstadt zu machen.

Ein zum Chanukka-Fest geschmückter neunarmiger Leuchter steht in Berlin vor dem Jüdischen Museum (Foto: pa/dpa)

Chanukka-Leuchter vor dem Eingangsgebäude

"Wer ist ein Jude? Und was bedeutet es, ein Jude zu sein?" fragt die Dauerausstellung des Hauses auf rund 3000 Quadratmetern und führt ihre Besucher dabei kurzweilig durch zwei Jahrtausende deutsch-jüdischer Geschichte. Dabei gibt es unendlich viel zu entdecken und kennen zu lernen: die koschere Küche und den jüdischen Heiratsmarkt, Kinderwelten und literarische Salons, Berufsverbote und clevere Handwerker, Traditionen und Wandel, Kunst und Kultur, Großstadtleben und Entertainment, Faschismus und Nachkriegsgeschichte.

Erzählt wird all das über Exponate, die Leihgeber aus aller Welt zur Verfügung gestellt haben – mit Möbeln, Geschirr, Dokumenten, Briefen und Fotos also - sowie in Film, mit Ton und auf großem Wandbild. Und dazwischen, immer wieder, damit es den Kindern nicht zu viel wird, Angebote speziell für sie. Mal- und Krabbelecken beispielsweise oder kindgerechte Perspektiven auf die Geschichte.

Begegnungen, Austausch und neue Erkenntnisse

Überhaupt sind die museumspädagogischen Angebote für Kinder und Jugendliche zu einem Markenzeichen des Jüdischen Museums geworden. Da wird zu einer Hauserkundung in Siebenmeilenstiefeln geladen, gefragt, was in den Schabbattopf kommt und warum die Wände im Museum schräg sind. Zahlreiche Workshops flankieren jede Sonderausstellung, und die jungen Menschen strömen scharen- und klassenweise ins Haus. Ein Holocaust-Museum erwarten viele von ihnen, tatsächlich aber lernen sie unendlich viel mehr als diesen ungeheuerlichen Zivilisationsbruch kennen. Und die ganze komplexe Geschichte wird ihnen ohne Vorwurf, ohne Anklage und oft mit einem feinen Sinn für Humor präsentiert.

Entwurf von Architekt Daniel Libeskind für die geplante Akademie des Jüdischen Museums Berlin (Foto: Architekt Daniel Libeskind AG, Zürich, Rendering: bromsky)

Akademie des Jüdischen Museums Berlin - Entwurf: Daniel Libeskind

Mit 300.000 Besuchern pro Jahr hat das Jüdische Museum ursprünglich gerechnet, tatsächlich sind es rund 750.000. Und die Tendenz ist steigend. Sie kommen aus allen Teilen der Welt und besuchen Ausstellungen, Workshops, Konzerte, Lesungen und das hauseigene Restaurant. Und vom kommenden Jahr an werden sie auch die Möglichkeit haben, auf der gegenüberliegenden Straßenseite die dann fertig gestellten Akademie des Jüdischen Museums zu besuchen und in Archiv und Bibliothek vertiefende Studien zu betreiben. Daniel Libeskind baut dafür eine ehemalige Blumenhalle um. Nun, im Rahmen der Feierlichkeiten zum zehnten Geburtstag des Jüdischen Museums, muss der Rohbau seine Tauglichkeit erstmals beweisen. Im Rahmen eines festlichen Diners wird Bundeskanzlerin Angela Merkel hier nämlich am 24. Oktober mit dem Preis für Toleranz und Verständigung ausgezeichnet.

Autorin: Silke Bartlick
Redaktion: Sabine Oelze

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