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Kultur

Erfolgreicher Zugang zu heiligen Texten

Bibliolog nennt sich eine junge pädagogische Entwicklung. Zu einer Bibelstelle sollen Teilnehmer ihre Meinungen und Empfindungen ausdrücken. Diese Form bietet auch für Nicht-Gläubige einen einfachen Zugang zu Texten.

Das Wort Bibliolog kommt aus dem Griechischen und setzt sich aus den Worten Biblios, also Buch oder Bibel und Logos, also Wort zusammen. Es gilt als eine Neuentwicklung des Bibliodramas. Eine Passage der Bibel soll von denen, die sie hören, nicht mehr dramatisch entwickelt und spielend dargestellt werden. Das dauert bei einem Bibliodrama oft Tage. Beim Bibliolog sollen die Teilnehmer in etwa ein bis zwei Stunden etwas zum jeweiligen Text sagen also ihr eigenes Logos mitteilen, ihre Meinungen und vor allem ihre Empfindungen ausdrücken. Es ist eine Methode, die vor allem in christlichen Gruppen, im schulischen Religionsunterricht und manchmal sogar in Gottesdiensten angewendet wird. Der Ursprung des Bibliologs aber ist jüdisch. Im Grunde steckt dahinter die Methode des Midrasch, der rabbinischen Textauslegung im Dialog.

Einfache Methode ohne Vorbedingungen

Stuhlkreis mit etwa 15 leeren Stühlen

Der Stuhlkreis - eine beliebte und bewährte Formation

Die Vorbereitungen zum Bibliolog sind einfach. Einen Stuhlkreis in einem ruhigen Raum stellen, die Bibelstelle markieren, vielleicht noch für etwas frische Luft sorgen. Die Berliner Jüdin Iris Weiss hat sich in mehrjährigen Seminaren zur Bibliolog-Trainerin ausbilden lassen. Zum Bibliolog kommen kann jeder. Einzige Voraussetzung ist die Begeisterung für den Text und die Bereitschaft, sich in die Rollen des jeweiligen Textes hineinzubegeben. Dazu muss man weder religiös oder gläubig noch besonders vorgebildet sein. Den Bibliolog gibt es seit 25 Jahren. Diese Form wurde in den USA von dem säkularen Juden und Psychodramatiker Peter Pitzele und seiner Frau Susan entwickelt. Pitzele vertrat damals seinen Mentor an einem Seminar für konservative Rabbinerinnen und Rabbiner. Es ging um die Seelsorgeausbildung im letzten Semester. Dort entdeckte Pitzele den Bibliolog sozusagen aus Zufall. Er wusste, dass er mit Texten umgehen kann und Rollenspiele beherrschte, kannte sich zudem aus im Umgang mit Konflikten: "Er bat die Studenten Stellen aus der Thora raus zu suchen, wo der Prophet Mose Konflikte hat", erklärt Iris Weiss. Peter Pitzele hat sie dann in Rollen hinein gewiesen und sie haben in diesen Rollen geantwortet. Und am Ende dieser Stunde sagte dann einer der Studenten: "Whow, that was midrasch!"

Moderne Form des Midrasch

Bibliolog: Blühende Buchstaben (hebräische Schriftzeichen). Sie stehen für schwarzes Feuer und weißes Feuer. Foto: Thomas Klatt. Juni 2013

Hebräische Schriftzeichen - Symbol für schwarzes und weißes Feuer

Bibliolog ist also im Grunde Midrasch, die traditionelle Form der rabbinischen Textauslegung. Zentral sind die Begriffe des schwarzen und weißen Feuers.

Gemeint ist damit, dass in der Thora-Rolle die schwarzen Buchstaben nur lesbar sind, wenn sie auf einem weißen Hintergrund stehen. Gemeint ist damit, dass es darum geht, zu entdecken und zu erfahren, was zwischen den Zeilen steht. Im rabbinischen Midrasch wurde traditionell das diskutiert, was im Text, also im schwarzen Feuer nicht zu lesen ist und eben nur im weißen Feuer, in den Lücken zu finden ist.

Auch wenn Iris Weiss den interreligiösen Charakter ihrer Angebote hervorhebt, so will sie doch ganz bewusst als Jüdin den Bibliolog anbieten. So versucht sie ganz bewusst auf hebräische Wörter einzugehen und anders als die meisten christlichen Bibliologen immer wieder Material aus dem Midrasch einzubeziehen. Die jüdische Tradition gehe davon aus, dass die Texte in jeder Generation neu ausgelegt werden müssen, erklärt Iris Weiss: "Das bedeutet in die Lücken zu gehen, und dafür steht das weiße Feuer, für die Lücken, für das noch nicht Gedachte, für das Verborgene."

Texterlebnis in der Gruppe

Die Praxis sieht so aus: Eine kleine Gruppe sitzt im Stuhlkreis. Iris Weiss liest einen der schillernden und zu Herzen gehenden Texte des Alten Testaments vor und bittet die Teilnehmenden, sich in die unterschiedlichen Rollen der handelnden Personen hineinzuversetzen. Sie geht zu denjenigen, die etwas sagen wollen und wiederholt deren Aussagen, damit es alle gut hören können. Die Gedanken der biblischen Protagonisten, ihre Gefühlslage, die jeweiligen Beweggründe des Handelns, die unterschiedlichen Entscheidungen, die wegweisend für ihr weiteres Leben sind – all das schildern die Teilnehmenden beinahe authentisch. Über den Text der Thora hinausgehend liefert der Midrasch mehr Informationen über das Seelenleben der im Text handelnden Personen.

Eine Bibel aus dem 15. Jahrhundert im Gutenberg-Museum in Mainz, aufgenommen am 12.09.2005. Foto: Mauri Rautkari +++(c) dpa - Report+++ dpa 7919017

Starke Texte - Bibel aus dem 15. Jahrhundert im Mainzer Gutenberg Museum

Zum Bibliolog kommen vor allem Frauen. Oft sind Pfarrerinnen und Religionslehrerinnen darunter, die diese Art der Textauslegung in ihre tägliche Arbeit mit einfließen lassen können. Aber es kommen auch überdurchschnittlich viele Teilnehmende aus jüdischen Familien, sagt Bibliolog-Ausbilderin Iris Weiss. Besonders ziehe sie das gemeinschaftliche Erleben des Textes in der Gruppe an, resümieren sie, als der Bibliolog nach eineinhalb Stunden zu Ende geht. Und eine der Teilnehmerinnen gesteht: "Es kommen so viele Facetten zum Tragen, denn ich erfahre ja den Text. Ich lese ihn nicht nur, sondern ich erlebe den Text."

Bibliolog hat heilsame Wirkung

Obwohl es im Grunde eine ur-jüdische Erfindung und Methode ist, wurde der Bibliolog in den jüdischen Gemeinden in Deutschland noch gar nicht so recht angenommen, bedauert Iris Weiss. Vielleicht gibt es in jüdischen Gruppen deshalb eine große Scheu davor, weil der Bibliolog in christlichen Gruppen und Gottesdiensten begeistert angewandt wird, vermutet die Bibliolog-Leiterin. Sie hofft aber, dass auch die hiesigen Rabbiner sich mit dieser modernen Form des Midrasch anfreunden können. Denn Bibliolog belebt nicht nur Geist und Sinne, sondern scheint manchmal geradezu therapeutische Wirkungen zu entfalten. Das hat bereits der Bibliolog-Erfinder selbst erfahren: Als Peter Pitzele ein Wochenendseminar in einer Synagoge abhielt, machte die ganze Zeit auch ein 16-jähriger Junge lebhaft und wortreich mit, erzählt Iris Weiss: "Und am Ende des Seminars kamen Leute zu Pitzele und sagten: Wie haben Sie das nur gemacht, dass er mitgemacht hat? Dieser junge Mann ist Autist und hat die ganzen 16 Jahre seines Lebens noch nie außerhalb von zu Hause ein Wort gesprochen."