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Globale Zusammenarbeit

Erfolgreicher Kampf gegen Zwangssterilisationen

Drei namibische Frauen haben gegen ihre Zwangssterilisation geklagt. Ihr Sieg vor Gericht ist ein Schritt hin zu einer Neudefinition der Geschlechterrollen in einer von Männern beherrschten Gesellschaft.

Unfruchtbar wider Willen: Staatliche namibische Krankenhäuser sollen HIV-positive Frauen noch im Kreißsaal gezwungen haben, einer Sterilisation zuzustimmen, wenn sie durch Kaiserschnitt entbinden wollten - und das, während sie schon in den Wehen lagen. Die Frauen unterschrieben, denn ein Kaiserschnitt minimiert das Risiko des Babys, sich bei der Geburt mit dem HI-Virus anzustecken. Erst im Nachhinein wurde ihnen klar, dass sie nun keine Kinder mehr bekommen konnten.

Dass nun drei der Opfer vor Gericht gezogen sind, gleicht an sich schon einer Sensation: Seit über zwanzig Jahren hat Namibia ein demokratisches Staatssystem, doch ist die Gesellschaftsstruktur nach wie vor von Stammesdenken, Vorurteilen und Paternalismus geprägt.

Schadensersatz wegen Grundrechtsverletzung

Rosa Namises von der Organisation 'Women’s Solidarity' (Foto: Frauke Röschlau)

Rosa Namises von der Organisation "Women’s Solidarity"

"Wir werden immer noch diskriminiert, obwohl Gleichberechtigung in unserer Verfassung verankert ist", klagt Rosa Namises von "Women's Solidarity". Im Gerichtssaal tragen die Mitglieder ihrer Organisation schwarze T-Shirts, auf die der Slogan "My body, my womb, my right" gedruckt ist: mein Körper, meine Gebärmutter, mein Recht. "Wir haben ein Recht darauf, selbst über unseren Körper zu bestimmen und mit klarem Kopf zu entscheiden, was für uns das Beste ist."

Der Prozess sei so wichtig, um den Staat an die Patientenautonomie zu erinnern. Und tatsächlich sprach das oberste Gericht in der namibischen Hauptstadt Windhoek den Klägerinnen Schadensersatz zu: Das Krankenhaus habe durch "grobe Fahrlässigkeit" ihre Grundrechte verletzt.

So kann das Urteil vorsichtig als erster Schritt auf einem langen Weg hin zu mehr Gleichberechtigung gewertet werden, meint Amon Ngavetene vom namibischen Zentrum für Rechtsbeistand: "Wir sind froh, dass das Gesundheitsministerium jetzt gezwungen ist, seinen Laden auf Vordermann zu bringen." Eine Veränderung der politischen Linie "weg von der Bevormundung" könne zur gesellschaftlichen Umorientierung und langfristig zu einer stärkeren Gleichbehandlung von Mann und Frau beitragen.

Ein Neugeborenes in Afrika (Foto: dapd)

Ein Kaiserschnitt reduziert das Risiko einer HIV-Infektion des Kindes durch die Mutter.

Diskriminierung und Bevormundung statt Gleichberechtigung

Trotz verfassungsrechtlicher Garantie konnte davon bisher keine Rede sein. Das Geschlechterverständnis in Namibia begründet vielmehr einen Teufelskreis: Frauen werden an ihrer Fruchtbarkeit gemessen und als Arbeitskräfte wahrgenommen, die Haus, Hof und Familie zusammenhalten. Längst haben sich in Großstädten moderne Kommunikationsmittel wie Handy, Internet und Fernsehen durchgesetzt - doch der althergebrachte Glaube, dass jede Frau ihrem Mann unterstellt sei, hält sich hartnäckig.

Das gesellschaftliche Männerbild ergänzt diese Vorstellung: Einerseits ist die Einehe in Namibia Gesetz, andererseits beweist ein namibischer Mann seine Virilität traditionell, indem er Kinder mit mehreren Frauen zeugt. Durch wechselnde Sexualpartnerinnen wird er so zum Überträger des HI-Virus. Die Frauen werden ohne ihr Wissen infiziert - und dann zudem gesellschaftlich als "Huren" geächtet.

Mangelnde Bildung erschwert Aufklärung

Herero-Frauen in Namibia (Foto: AP)

Schwierige Gesundheitsvorsorge in einem Staat mit 13 Sprachgruppen

Mangelnde Bildung gestaltet die Patientenberatung in Krankenhäusern und Kliniken schwierig: Viele Frauen brechen die Schule wegen Schwangerschaften im Teenageralter ab. Mehr als die Hälfte der rund zwei Millionen Einwohner des südwestafrikanischen Staates lebt in ländlichen Regionen, "AIDS" ist hier ein Unwort. Die meisten sprechen nur von "der Krankheit" und glauben, dass die der Medizinmann vertreiben könne.

Obwohl in Rundfunk und Fernsehen, in Schulen, auf Postern und in Theaterstücken weitreichend aufgeklärt und informiert wird, bleibt AIDS ein Tabuthema. Viele können sich nicht vorstellen, eines Tages selbst betroffen zu sein.

Etliche Frauen beherrschen nicht einmal die Landessprache Englisch, und moderne medizinische Ausdrücke sind schwer zu übersetzen - sodass dem medizinischen Personal blindes Vertrauen entgegengebracht wird.

Namibische Krankenschwestern sind jedoch unterbezahlt, die Ärzte chronisch überarbeitet. Allein im Staatskrankenhaus von Windhoek muss ein Gynäkologe bis zu 500 Geburten im Monat betreuen

Ein Viertel der Bevölkerung ist HIV-positiv

Die Regierung gibt AIDS-Medikamente aus (Foto:picture-alliance/dpa)

Afrikanische Regierungen geben antiretrovirale Medikamente aus

Nicht zuletzt erschwert Frauenarmut die Lebensbedingungen der Erkrankten: Zwar teilt der Staat kostenfrei Medikamente aus, die das HI-Virus unterdrücken, allerdings haben viele kein Geld für eine angemessene Ernährung oder für die Fahrkarte zur nächsten Klinik.

Jennifer Nghatsi von der Organisation "Women's Health Network" kritisiert daher, dass das Urteil aus Windhoek noch nicht weit genug gehe. Dem Klagepunkt einer Diskriminierung wegen HIV-Infektion wurde nicht stattgegeben - jedoch: "Von den 40 Frauen, die zwangssterilisiert wurden und deren Fälle wir dokumentiert haben, waren alle HIV-positiv. Und als infizierter Mensch hat man in diesem Land schlechte Karten."

Schon jetzt soll ein Viertel der arbeitenden Bevölkerung mit dem HI-Virus angesteckt sein. Die vom Gesundheitsministerium veröffentlichten Zahlen können allerdings nur aus Hochrechnungen abgeleitet werden - weil überhaupt nur jene Frauen von ihrer Ansteckung erfahren, die zur Schwangerschaftsuntersuchung in die Klinik gehen.