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Ostmitteleuropa

Erfolg oder Flop?

- Der polnische Mineralölkonzern PKN Orlen erwirbt 500 Tankstellen in Deutschland

Warschau, 12.2.2003, POLITYKA, poln.

Wir stürmen die Oder! Die größte polnische Firma auf dem Kraftstoffmarkt, d. h. der Konzern PKN Orlen wird mehrere Tankstellen in Deutschland kaufen. Endlich kam es dazu, dass wir sie aufkaufen und nicht sie uns. Kann man diese Tatsache jedoch als unseren eindeutigen großen Erfolg bezeichnen? Das wird sich erst erweisen müssen.

Im Dezember 2002 wurde ein Vorvertrag geschlossen, in dem beschlossen wurde, dass die Firma PKN Orlen fast 500 Tankstellen in Norddeutschland kaufen wird. Der eigentliche Vertrag soll dann im Februar 2003 unterzeichnet werden. Der Verkäufer ist die Firma British Petroleum Germany (BP), d. h. die deutsche Niederlassung des weltweiten Konzens. Die zum Verkauf stehenden Tankstellen agieren unter drei verschiedenen Marken – Aral, BP und Eggert. (...)

Die deutschen Tankstellen standen zum Verkauf schon seit einigen Monaten. Sie weckten das Interesse mehrerer Firmen, darunter auch des russischen Konzerns Tatneft. Keine dieser Firmen entschied sich jedoch für diese Transaktion. Das Geschäft ist nämlich risikoreich, da die besagten Tankstellen lediglich 2,4 Prozent des gesamten Kraftstoffverkaufs auf dem deutschen Markt ausmachen. Auf der lokalen Ebene sind es lediglich sieben Prozent des gesamten Verkaufs. Aus diesem Grunde wird der neue Käufer keine große Rolle unter den drei Giganten auf dem deutschen Kraftstoffmarkt – d. h. den Firmen BP, Shell und Exxon Mobil - spielen können. Zusätzlich gab es vor kurzem in Deutschland einen dramatischen Preiskrieg, der zu mehreren Insolvenzen und Übernahmen in diesem Sektor führte. (...)

All dies konnte jedoch die polnische Firma Orlen nicht entmutigen, den deutschen Markt, der als der schwierigste in Europa gilt, zu betreten. Der Vorstand der Firma Orlen in Plock schätzte das Angebot des Konzerns BP Germany als attraktiv ein und entschied sich eilig für diese Transaktion. Die Chefs des polnischen Konzerns freuen sich, ein gutes Geschäft gemacht zu haben. Für fast 500 Tankstellen werden sie lediglich 130 Millionen Euro bezahlen müssen. Das heißt, für eine Tankstelle müssen sie nur etwa 300 000 Euro zahlen. Das ist spott billig! In Polen kostet die Errichtung einer neuen Tankstelle zwischen einer Million und zwei Millionen Euro.

"Ohne die Lage und die technische Ausrüstung dieser Tankstellen zu kennen und ohne etwas über ihren technischen Zustand zu wissen, ist es außerordentlich schwierig zu schätzen, ob dieser Preis niedrig oder hoch ist. Ich vermute, dass der Konzern BP nicht die besten Tankstellen zum Verkauf angeboten hat. Er handelte aber unter einem großen Druck und deswegen konnte die Firma Orlen sicherlich einen guten Preis aushandeln", sagt Jacek Wroblewski, Direktor der Polnischen Organisation für Kraftstoffindustrie und -handel.

Der Vizevorsitzende der Verkaufsabteilung des Konzerns Orlen, Slawomir Golonka, wird durch die Äußerungen über die Qualität der erworbenen Tankstellen irritiert. "Wir kaufen nicht Tankstellen, sondern Marktanteile, die wir systematisch vergrößern wollen, um schließlich zehn Prozent der Marktanteile zu erreichen."

Es sagt sich zwar leicht, aber es ist schwierig, dies in die Tat umzusetzen. Die Firma Orlen muss in den nächsten Monaten für ihre eigene Marke werben und die deutschen Kunden davon überzeugen, dass der Kraftstoff der polnischen Firma genauso gut oder sogar besser ist als der von Aral, BP und Eggert. Im Kaufvertrag ist eine Übergangsphase von lediglich einem Jahr vorgesehen, in der die Firma Orlen die alten Marken benutzen darf. Aus diesem Grunde wird auch eine großangelegte und kostspielige Werbekampagne von der Firma Orlen vorbereitet. Sie wird 25 bis 50 Millionen Euro kosten, d. h. 50 000 bis 100 000 Euro pro Tankstelle. (...)

Das ist nicht das einzige Problem, vor dem der Konzern Orlen steht. Wie soll der Kraftstoff zu den Tankstellen transportiert werden? Von Plock nach Norddeutschland ist es weit. Soll man den Kraftstoff mit Tankwagen transportieren und hunderte von Kilometern zurücklegen? Das ist teuer. Der offiziell vorgestellte Plan der Firma Orlen sieht vor, die Tankstellen, die in der Nähe der polnisch-deutschen Grenze liegen, mit Kraftstoff aus Plock direkt zu beliefern. Die meisten gekauften Tankstellen sind jedoch weit im Inneren Deutschlands platziert. In den drei benachbarten Bundesländern, d. h. Mecklenburg–Vorpommern, Berlin und Bandenburg, liegen lediglich 51 der gekauften Tankstellen, aber allein in Nordrhein–Westfallen sind es fast 200. In dem Plan des Konzerns wird aus diesem Grunde vorgesehen, diese Tankstellen durch deutsche Raffinerien zu beliefern und zwar in einer sogenannten Rahmentransaktion, nach der die Firma Orlen den Kraftstoff von einer in der Nähe liegenden deutschen Raffinerie beziehen darf. Dafür ist dann die Gesellschaft BP Poland berechtigt, dieselbe Menge an Kraftstoff in Polen von der Raffinerie Plock abzunehmen.

"Über das Belieferungssystem wurde noch nicht entgültig entschieden. Wir ziehen viele Möglichkeiten in Erwägung, darunter auch den Seetransport von Gdansk (Danzig) aus. Wir werden uns für die kostengünstigste Lösung entscheiden", erklärt Slawomir Golonka.

Das Problem besteht jedoch darin, dass der polnische Kraftstoff teurer ist als der, den man in den deutschen Raffinerien kaufen kann. Dies ist auf die höheren Produktionskosten sowie auf die monopolistische Marge zurückzuführen, die von der Firma Orlen ironisch als "Importparität" bezeichnet wird. Diese Marge lag im vergangenen Jahr zwischen 23 und 93 Zloty (etwa 5,75 bzw. 23,25 Euro) pro Tonne Kraftstoff. Dank dieser Marge verdiente die Firma Orlen zusätzlich etwa eine halbe Milliarde Zloty (ca. 125 Millionen Euro). (...)

Der Konzern Orlen beabsichtigt, den eigenen teuren Kraftstoff jenseits der Oder zu befördern und dann dort mit Hilfe billiger Preise um die deutschen Kunden zu werben. Wie soll man das jedoch bewerkstelligen, wenn aufgrund der Transportkosten der Kraftstoff aus Plock schon in der Nähe von Poznan (Posen) teurer wird als der deutsche Kraftstoff? Die Rahmentransaktionen werden auch nicht zu dem begehrten Verkaufszuwachs führen. Die Chefs von Orlen versichern, dass sich ihre Investitionen in Deutschland schon nach sieben Jahren auszahlen werden. Sie geben jedoch gleichzeitig zu, dass sie jenseits der Oder - außer Geld zu verdienen - auch Erfahrungen auf dem europäischen Kraftstoffmarkt sammeln möchten.

Dieses Projekt birgt auch Risiken in sich, wie übrigens jede wirtschaftliche Transaktion", gibt Slawomir Golonka zu und versichert: "Wir sind gut vorbereitet. Wir verfügen über Analysen von Beratungsunternehmen und Banken, die unsere Chancen auf dem deutschen Markt positiv bewerten"

Die Nachricht über den Kauf deutscher Tankstellen hatte jedoch nur eine kurzfristige Steigerung des Aktienkurses der Firma Orlen zur Folge (...). Jemand hat errechnet, dass sich die Kosten dieses Unternehmens auf vier Milliarden Zloty (etwa eine Milliarde Euro) belaufen werden. Der Vorsitzende der Firma Orlen, Zbigniew Wrobel erklärte stolz, dass es keine Probleme mit dem Geld gäbe, weil es an Geldgebern nicht mangele, die bereit seien, entsprechende Beträge zu leihen. (...)

Slawomir Golonka versucht zu überzeugen, dass die Investitionspolitik der Firma Orlen klar und logisch sei. Der Konzern müsse sich entwickeln und nach neuen Absatzmärkten und neuen Formen der Aktivität suchen. Dies werde sowohl von den Aktionären als auch von den Beschäftigten erwartet, an denen es einen Überschuss gäbe. Die Firma wolle sich lieber in neuen Projekten engagieren, um eine Verringerung der Beschäftigtenzahl zu vermeiden. (....)

Wenn Slawomir Golonka alle Vorteile aufzählt, die sich in der nächsten Zeit aus der Transaktion ergeben, könnte man meinen, dass die Firma Orlen diese Tankstellen vom Konzern BP zum Nulltarif erwarb. Kann man darüber hinaus von einem Erfolg des Konzerns Orlen schon am Anfang seiner Tätigkeit in Deutschland sprechen?

"Für diesen Erfolg werden die polnischen Kunden bezahlen müssen, behauptet Andrzej Szczesniak, ein Experte aus der Kraftstoffbranche und fügt hinzu: "Die monopolistische Marge, die die Firma Orlen auf dem polnischen Markt kassiert, wird es erlauben, die Zuzahlungen zu den deutschen Tankstellen zu verkraften. Die Firma gewinnt jedoch gleichzeitig dadurch die Möglichkeit, für sich positive Entscheidungen sowohl auf der juristischen als auch auf der politischen Ebene zu erzwingen, da sie sich auf das Engagement "der ersten polnischen Firma, die im großen Still auf dem internationalen Markt agiert, berufen kann". (...) (Sta)

  • Datum 20.02.2003
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