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Politik

Erfolg mit Schönheitsfehlern

Die Präsidentschaftswahlen in Afghanistan sind ohne die befürchteten Terroranschläge über die Bühne gegangen. So erhält ein eher kleines Problem große Beachtung - zu unrecht, wie unsere Kommentatorin Karen Fischer meint.

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Es ist schon kurios. Da finden in einem Nachkriegsland die ersten freien Präsidentschaftswahlen statt und gehen weitestgehend ruhig und friedlich vonstatten, so ganz anders als die verschiedenen Horror-Szenarien es vorhergesehen hatten. Doch dann soll alles umsonst sein wegen eines Stifts. Eines Stifts, der den Wähler als Wähler erkenntlich macht, weil ihm damit im Wahllokal der Daumen eingefärbt wird, um mehrfache Stimmabgaben zu verhindern.

Hält die Farbe auf dem Finger oder hält sie nicht? Das war die Frage, die plötzlich ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt wurde. Der Rubbel-Test am Daumennagel als Messlatte für Demokratie. Und als Anlass für politische Ränkespiele. 15 der 18 Präsidentschaftskandidaten - also alle bis auf den Interimspräsidenten Hamid Karsai, der schon vor den Wahlen als Sieger galt, und zwei weitere Kandidaten, die sich am Mittwoch abend (6.10.) von ihrer Kandidatur distanziert hatten und ihre Anhänger dazu aufgerufen hatten, stattdessen für Karsai zu stimmen - diese 15 Kandidaten also gaben bereits wenige Stunden nach Öffnung der Wahllokale eine Erklärung ab, in der sie dafür plädierten, die Wahl sofort abzubrechen. Der Grund: Es gebe aufgrund der Unregelmäßigkeiten keinen legitimen Wahlprozess. Außerdem wolle die Gruppe das Ergebnis der Wahlen nicht anerkennen.

Was aber leider bei der Diskussion um abwaschbare und haltbare Tinte und um Wahlstopp oder Weiterwahl fast vergessen wurde: die Begeisterung, mit der die Afghanen am Samstag (9.10.) zur Wahl gingen. Schon bei Öffnung der Wahllokale hatten sich - zumindest in Kabul - teilweise Schlangen gebildet, und die Wähler warteten geduldig darauf, bis sie an der Reihe waren, sowohl Männer als auch Frauen.

Dabei ist in einem Land wie Afghanistan, in dem die Hälfte der Männer und 80 Prozent der Frauen nicht lesen und schreiben können, und in dem viele Provinzen bis heute nur schwer erreichbar sind, das Projekt Wahlen schon rein logistisch betrachtet eine Herausforderung der Superlative. Deshalb können hier nicht die Standards angesetzt werden, die an westliche, konsolidierte Demokratien gestellt werden müssen. Natürlich gab es Unregelmäßigkeiten und Probleme, was übrigens auch in westlichen Ländern vorkommt. Und natürlich können bei den nächsten Wahlen viele Dinge verbessert werden, vor allem was die Vorbereitung der Wähler betrifft.

Aber gleich das ganze Unterfangen der ersten freien Wahlen in Abrede zu stellen - und zwar dann, wenn es dazu eigentlich zu spät ist, nämlich während der Wahlen - das hieße auch: den Afghanen die Lust an der politischen Partizipation zu rauben. Das wird wohl auch im Westen so gesehen, wie die ersten Reaktionen von dort zeigen. Die entscheidende Frage bleibt also, ob auch die afghanischen Politiker, die jetzt noch eine - völlig unrealistische - Wiederholung der Wahl fordern, sich eines besseren besinnen und sich auf das Abenteuer Demokratie in Afghanistan einlassen werden.

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