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Asien

Erfolg lässt Chinas Selbstbewusstsein wachsen

China hat die globale Finanz- und Wirtschaftskrise deutlich besser überstanden als Europa und die USA. Die politischen Gewichte verschieben sich weiter Richtung Peking. Und China lässt nun öfter seine Muskeln spielen.

Chinas Pavillon auf der Expo in Shanghai am Abend(Foto: Picture-Alliance)

Chinas Pavillon auf der größten EXPO aller Zeiten in Shanghai

Unter China-Experten kursiert seit einiger Zeit der Spruch: "Es gibt nur eines, was schneller wächst als die chinesische Wirtschaft - nämlich das chinesische Selbstbewusstsein."

Der Hafen von Piräus aus der Luft (Foto: ap)

Wird bereits von China gemanagt: Der Hafen von Piräus

Dieses Selbstbewusstein wird durch allerlei Rekorde befeuert. Eine kleine Auswahl: In diesem Sommer hat China in Shanghai die größte Weltausstellung aller Zeiten mit einem Besucherrekord von 73 Millionen Menschen organisiert.

China hat mittlerweile das größte Hochgeschwindigkeitsbahnnetz der Welt. Die auf den Schienen dahin rasenden schnellsten Züge der Welt baut es selbst. Und weltweit rechnet kein Supercomputer schneller als der "Tianhe 1A" in der nordchinesischen Hafenstadt Tianjin.

Der deutsche Exportboom hängt an Chinas Aufschwung

In der Finanz- und Wirtschaftskrise haben sich Chinas Einfluss und Bedeutung noch verstärkt: Die EU und die USA mussten 2009 Rückgänge ihrer Volkswirtschaften um drei bis vier Prozent verkraften. Chinas Wirtschaft hingegen legte um neun Prozent zu. Dass die deutsche Exportwirtschaft in diesem Jahr wieder auf Hochtouren läuft, hat auch damit zu tun, dass zum Beispiel Mercedes und BMW Sonderschichten für die Belieferung des chinesischen Marktes fahren.

Menschen demonstrieren auf der Straße. Sie tragen ein riesiger Plakat vor sich her (Foto: ap)

Gegen Japan durfte man in China demonstrieren

Zugleich sind Pekings Devisenschatullen mit rund zweieinhalb Billionen Dollar prall gefüllt. China wird deshalb nicht mehr nur als Absatzmarkt umworben, sondern auch als Investor. Auch in Europa hat sich China in den vergangenen Monaten als Retter in der Not präsentiert: Griechenland bejubelte Chinas Regierungschef Wen Jiabao, als der Anfang Oktober in Athen ankündigte, auch weiterhin griechische Staatsanleihen zu kaufen.

Aber auch in den anderen europäischen Krisenstaaten Irland, Portugal und Spanien investiert Peking in Staatsanleihen, die sonst kaum jemand haben will. Als der chinesische Ministerpräsident das ebenfalls krisengeschüttelte Italien besuchte, ließ Silvio Berlusconi sogar das Kolosseum rot anstrahlen.

Heilsbringer aus Fernost?

Wie Heilsbringer werden die Chinesen empfangen, vor allem an der Peripherie Europas. Jeder will möglichst stark vom chinesischen Investitionsregen profitieren. Denn die Chinesen kaufen nicht nur Staatsanleihen. Sie investieren in Brücken, Flughäfen, Infrastruktur, Industrie.

In Chinas Engagement speziell in Südosteuropa sieht Eberhard Sandschneider, China-Experte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, eine strategische Positionierung. "Manchmal sind gerade arme Länder, die sich von der Masse chinesischer Investitionssummen leichter beeindrucken lassen als andere Staaten, dankbare Einstiegsobjekte für solch eine Politik."

China investiert aber auch Milliarden in den Ausbau seiner "soft power": Es gründet weltweit Konfuzius-Institute, baut seine internationalen Medien aus. Die Welt soll beruhigt werden: Chinas Aufstieg wird ein friedlicher sein.

Das andere Gesicht Pekings

Im September aber zeigte Peking sein anderes, weniger freundliches Gesicht. Der Anlass: Japan hatte ein chinesisches Fischerboot in einem zwischen beiden Staaten umstrittenen Seegebiet festgesetzt. Zuvor hatte es japanische Boote der Küstenwache gerammt. Ein Video im Internet zeigt die Begegnung auf hoher See.

Natürlich war mit lautem Protest aus Peking zu rechnen. Aber zur Verblüffung der Weltöffentlichkeit - und zur Beunruhigung der Nachbarn - steigerte sich China in einen Rausch von Drohungen. Und beließ es nicht bei Worten: Regierungskontakte wurden ausgesetzt, der Jugendaustausch abgesagt.

Porträt von Liu Xiaobo (Foto: ap)

Statt in Oslo im chinesischen Gefängnis: Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo

Zwar ließ Japan den chinesischen Kapitän frei. Aber auch davon ließ sich Peking nicht besänftigen: Eine Entschuldigung wurde gefordert. Vor allem aber: Japan wurde rund zwei Monate mit einem Stopp des Exports von so genannten Seltenen Erden gestraft.

Seltene Erden sind für viele High-Tech-Produkte unverzichtbare Spezialmetalle. China hält mit einem Weltmarktanteil von 95 Prozent an der Förderung de facto ein Monopol. Peking hatte offiziell dementiert, den Export Seltener Erden nach Japan zu behindern.

Der Ökonom Hu Xingdou von der Pekinger "University of Science and Technology" aber ist durchaus der Meinung, der High-Tech-Rohstoff ließe sich als strategisches Instrument einsetzen: "China könnte sich dazu entschließen, Seltene Erden nur noch an solche Länder zu verkaufen, die sich wohl verhalten – und die anderen vom Export ausschließen."

Chinas Wirtschaft im Dienst der Politik

Wie stark die Wirtschaft in den Dienst politischer Ziele gestellt wird, verdeutlicht eine im Herbst veröffentlichte Studie zweier Volkswirte von der Universität Göttingen: Andreas Fuchs und Nils-Hendrik Klann haben darin die Reaktionen Chinas auf offizielle Empfänge des Dalai Lama ausgewertet. Das Ergebnis: In der Folge reduzieren sich die Exporte des empfangenden Landes nach China um durchschnittlich acht Prozent.

Ein Polizist sperrt mit einem Absperrband eine Straße ab(Foto: ap)

Chinas Reaktion auf den Friedensnobelpreis: Hausarrest für Liu Xiaobos Frau

Vielleicht wird man bald auch einen "Liu-Xiaobo-Effekt" beobachten können. Der chinesische Literaturwissenschaftler, Autor und Dissident wurde Anfang Oktober zum diesjährigen Friedensnobelpreisträger gekürt - sehr zum Verdruss Pekings, das im Vorfeld mit beträchtlichem diplomatischen Druck versucht hatte, diese Auszeichnung zu verhindern.

Denn Liu war Ende 2009 zu elf Jahren Haft verurteilt worden. Der Kämpfer für ein demokratisches China hatte die "Charta 08" mit initiiert – ein Dokument, das unter anderem Gewaltenteilung und ein Mehrparteiensystem fordert. Für das offizielle China aber ist der Friedensnobelpreisträger 2010 weiterhin ein gewöhnlicher Krimineller.

Im Vorfeld der Preisverleihung am 10. Dezember hat China seinen Druck erhöht: Alle 65 in Oslo stationierten Botschafter haben einen Brief von der chinesischen Botschaft in Oslo erhalten. Darin werden sie aufgefordert, "an keinen Aktivitäten teilzunehmen, die gegen China gerichtet sind". 19 Staaten haben ihre Teilnahme mittlerweile abgesagt; darunter befinden sich China Russland, Kasachstan, Kuba, Marokko und Irak. Geir Lundestad, Leiter des Osloer Nobelkomitees konstatiert: "Wir stellen fest, dass sich die Chinesen in diesem Jahr sehr engagiert haben. Sie wollten, dass so wenige wie möglich der Einladung folgen."

Die Staaten der Europäischen Union – ansonsten häufig von China geschickt gegeneinander ausgespielt - haben wenigstens hier Einigkeit demonstriert: Deren Vertreter sind vollständig erschienen.

Autor: Matthias von Hein
Redaktion: Jochen Vock / Marco Müller