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Politik

Erdrückende Umarmung

Staatsbesuche können eine furchtbar langweilige Angelegenheit sein, aber dieser war es ganz und gar nicht. George Bush in der ostdeutschen Provinz - das war wie ein guter Kinofilm.

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Wie er da so lässig ausstieg aus seiner schwarzen Limousine, der mächtigste Mann der Welt, und sich mir nichts, dir nichts in die mittelalterliche Kulisse von Stralsund einfügte - doch, das hatte was! Zwei Welten trafen aufeinander, zwei Welten verschmolzen unter dem strahlend blauen Ostseehimmel - so kam es rüber.

Die schwarze Sonnenbrille von Gattin Laura war vielleicht ein bisschen zu wuchtig, aber sonst stimmte jedes Detail, jede Geste. Klar, der Mann ist ein geübter Schauspieler, aber dass Bush in sein Drehbuch überhaupt reingeschrieben hatte: Lächeln, lächeln, lächeln, das ist schon bemerkenswert. Und dann die vielen Küsschen, Umarmungen und Lobpreisungen für unsere Bundeskanzlerin - hat der amerikanische Präsident damit nicht das gesamte deutsche Volk geküsst, umarmt und gelobt?

Anbiedernder Überschwang

Aber das deutsche Volk wolle doch gar nicht von Bush umarmt werden, zerlegte ein kenntnisreicher Professor sofort dessen Charme-Offensive. Millionen Deutsche hielten von Bush rein gar nichts wegen des Irak-Kriegs und wegen Guantanamo, da könne der Herr Präsident noch so viel lächeln.

Da ist in der Tat was dran. In Bushs Verhalten schwang eine peinliche Note mit, denn sein überschwänglich herzlicher Auftritt wirkte stellenweise anbiedernd. Waren wir Deutschen für ihn in den letzten Jahren noch bekloppte Pazifisten, regiert von einem unerträglichen Bundeskanzler, so sind wir plötzlich wieder salonfähig. Hoppla, wie kommt das denn?, möchte man fragen. Was hat die Bundeskanzlerin Bush in den Tee geschüttet, dass er sich plötzlich so sehr für uns interessiert?

Verblüffende Schwankungen

Natürlich hängt es immer von den handelnden Personen ab, wie gut zwei Staaten zusammenarbeiten. Aber dass die Schwankungen so extrem sind, ist schon verblüffend. Vom steifen Bankett mit Schröder zum heiteren Barbecue mit Freundin "Ängela“ war der Weg so kurz, dass ein Jeder sich jetzt fragt: Was will Bush von Deutschland - mehr Zustimmung zu seiner Politik? Keine unangenehmen Fragen mehr über Guantanamo oder die CIA?

Freundlichkeit in Ehren, aber eine so innige Umarmung kann erdrückend sein. Bisher nahm Angela Merkel für sich in Anspruch, trotz aller Wertschätzung auch kritisch gegenüber George Bush zu sein. Hoffentlich vergisst sie das nicht, wenn sie ihn demnächst auf seiner Ranch in Texas besuchen darf.