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Politik

Erdogan ist als Vermittler untauglich

Mit seinem Wutausbruch in Davos gegen Israel hat der türkische Regierungschef Erdogan seiner Mission geschadet: Als Vermittler zwischen Palästinensern und Israel ist er damit diskreditiert, kommentiert Baha Güngör.

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Was sich Recep Tayyip Erdogan beim Weltwirtschaftsforum geleistet hat, zerstört die auf ihn gesetzten Hoffnungen als Friedensvermittler im Nahen Osten. Auf dem Podium saßen neben Erdogan der israelische Präsident Shimon Peres, UN-Generalsekretär Ban Ki Moon sowie der Generalsekretär der Arabischen Liga, Amr Mussa. Thema der Diskussion – unter der Moderation des "Washington Post"-Kolumnisten David Ignatius – war der Gaza-Krieg. Besondere Aufmerksamkeit genoss Erdogan deshalb, weil die Türkei seit 1952 NATO-Mitglied ist, seit Jahrzehnten der Wertegemeinschaft Europäische Union beitreten will und in jüngster Zeit als Vermittler zwischen Syrien und Israel hohe Anerkennung verdient hat.

Überhitztes Gemüt

Baha Güngör (Quelle: DW)

DW-Experte Baha Güngör

Die Hauptverantwortung für den Eklat trägt der Moderator, indem er Mussa und Erdogan nur zwölf, Peres aber 25 Minuten Redezeit zubilligte. Peres' emotional und teilweise lautstark vorgetragenen Rechtfertigungsversuche für den brutalen Krieg seines Landes gegen die Palästinenser – ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung, noch auf die internationalen Hilfsorganisationen oder auf die UN vor Ort – hatten Erdogans Gemüt überhitzt.

Seine Reaktion mag grundsätzlich angebracht und auch berechtigt gewesen sein. Peres hatte ihm mit dem Hinweis, was die Türkei gemacht hätte, wenn Raketen in Istanbul einschlagen würden, das Recht auf Gegenargumentation geliefert. Doch Erdogan vergriff sich im Ton und schoss über das Ziel hinaus. Seine Erregung steigerte sich mit den Versuchen des Moderators, ihm das Wort zu nehmen, damit der Termin für das Abendessen eingehalten werden kann.

Ein Wahlkampfmanöver?

Erdogan muss sich den Vorwurf gefallen lassen, ob er nicht doch eine Gelegenheit zum türkischen Populismus genutzt hat, um den ohnehin sicheren überwältigenden Sieg bei den landesweiten Kommunalwahlen am 29. März für seine religiös-konservative AKP zu festigen. Die spontane Demonstration von mehr als 5.000 Anhängern bei seiner Rückkehr nach Istanbul mit türkischen und palästinensischen Fahnen zeigt, dass seine Art bei den Landsleuten gut ankommt.

Doch mit der Verteilung von verbalen Kopfstößen gegen Peres und gegen den Moderator sowie seinem angekündigten Verzicht auf die Teilnahme an den nächsten Weltwirtschaftsforen in Davos ist Erdogan als ernstzunehmender Vermittler im Nahen Osten ins Abseits gelaufen. Sicher ist Erdogan auch sehr verärgert darüber, dass der israelische Ministerpräsident Ehud Olmert einen Tag vor dem Beginn der Offensive gegen die Palästinenser in Ankara auf seine Frage, ob Israel Gaza angreifen werde, mit einem klaren "Nein" beantwortet und ihn damit glatt belogen hatte.

Schaden für die Türkei

Dennoch hätte Erdogan weitaus diplomatischer handeln müssen. Er ist der Regierungschef eines für den regionalen Frieden sehr wichtigen großen Landes und ein zuverlässiger Vertreter des Westens. Mit den Allüren des Mittelstürmers einer Istanbuler Bezirksmannschaft, der Erdogan ja vor vielen Jahren war, kann er sich auf der Weltbühne keine Auszeichnungen als Friedensstifter und -vermittler verdienen. Seine Versuche nach dem Eklat, seine Freundschaft zu Israel und zum jüdischen Volk zu bekräftigen, können den seinem eigenen Ansehen und der Türkei zugefügten Schaden nicht mehr begrenzen.

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