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Kultur

Erdogan-Gedicht von Böhmermann - das schreiben türkische Medien

Das Schmähgedicht von Satiriker Jan Böhmermann über Erdogan dominiert nicht nur die Schlagzeilen in Deutschland, sondern auch in der Türkei. Ein Blick in die Kommentare von "Hürrieyet", "Sabah" und Co.

Die Affäre um ein Satiregedicht von Jan Böhmermann über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan sorgt nicht nur in Deutschland für Schlagzeilen. Auch in der Türkei wird das Thema kommentiert. Erdogan kommt in dem "Schmähkritik" betitelten Gedicht von Böhmermann gar nicht gut weg.

"Solidarität mit Böhmermann"

Nicht nur regierungsnahe Medien kritisieren das Gedicht. Ein Kommentator der konservativen Zeitung "Hürriyet" schreibt zum Beispiel: "Ich habe mir die Sendung auf ZDF angeguckt. Ich muss sagen, dass ich noch nie so eine niveaulose Satire gesehen habe. Ich habe weder gelacht noch gelächelt, sondern es hat bei mir Ekelgefühle ausgelöst."

Allerdings kommt die Reaktion der türkischen Regierung auf "Schmähkritik" auch nicht gut an. Zitat: "Der Vize-Ministerpräsident Numan Kurtulmus ist aber so weit gegangen, dass er diese Tat als 'Verbrechen gegen die Menschlichkeit' bezeichnet hat. Ich möchte hier nicht diskutieren, was Verbrechen gegen die Menschlichkeit bedeutet. Aber ich muss Herr Kurtulmus darauf hinweisen, dass er die Begriffe, die er verwendet, sorgfältig auswählen soll, wenn er ernst genommen werden möchte."

Türkische Tageszeitungen (Foto: dpa)

"Einfach widerlich" und eine "niveaulose Satire" - das Schmähgedicht stößt in der Türkei auf Kritik

Das regierungskritische Internetportal "Diken" will in der deutschen Gesellschaft einen Sinneswandel bemerkt haben, ausgelöst durch die Reaktion des türkischen Präsidenten: "Nachdem Erdogan den Druck erhöht hat, kriegt auch Böhmermann mehr Unterstützung von der deutschen Öffentlichkeit. Kabarettisten, Schauspieler, Journalisten und Politiker solidarisierten sich mit Böhmermann."

"Gedicht einfach widerlich"

Einen anderen Fokus haben die regierungsnahen Medien in der Türkei. Die Zeitung "Star" schreibt in einem Kommentar, das Gedicht sei "einfach widerlich". Sie betont: "Das, was als Satire gesendet wurde, sind nur Porno-Fantasien von jemandem, der alle Nichtdeutschen als Menschen zweiter Klasse ansieht. Der Mann will seine kranken Fantasien an dem türkischen Präsidenten ausleben." Die Zeitung wehrt sich außerdem gegen den in Deutschland erhobenen Vorwurf, die Pressefreiheit sei in der Türkei eingeschränkt: "Ausländische Diplomaten dürfen in Gerichten Selfies mit Angeklagten machen. Aber während des NSU-Prozess werden keine türkischen Journalisten hineingelassen. Dabei geht es um acht getötete Türken."

Die Zeitung "Sabah" betont in einem Kommentar mit der Überschrift "Erdogan für Anfänger": "Die deutschen Medien machen denselben Fehler, den die türkischen Oppositionellen seit Jahren machen: Durch den Öffentlichkeitsdruck wollen sie Erdogan zum Rücktritt zwingen. Aber diese Methode hat niemals funktioniert. Erdogan hat immer von dieser Spannung profitiert. Dieses Theater, das wir uns seit Jahren anschauen, gucken wir uns jetzt auf Deutsch an. Um ehrlich zu sein, das macht genauso viel Spaß wie auf Türkisch."

Bizarrer Auftritt eines türkischen Reporters

Wie groß das Interesse der Türkei an dem Fall ist, zeigen nicht nur die Zeitungskommentare, sondern auch der bizarre Auftritt eines Reporters des regierungsnahen Senders "A Haber".

Ein Bild aus dem Youtube-Video über den ZDF-Besuch (Foto: Youtube)

Ein Bild aus dem Youtube-Video über den ZDF-Besuch

Er versuchte mit laufender Kamera auf das Gelände der ZDF-Zentrale in Mainz zu gelangen. Böhmermanns Sendung "Neo Magazin Royale", in der er das Schmähgedicht veröffentlichte, läuft auf dem Spartensender ZDFneo. Dem Reporter wurde der Zutritt verwehrt. Der Mann wertete das als Beleg für den schlechten Zustand der Pressefreiheit in Deutschland.

Er beschwerte sich in dem mit dramatischer Musik unterlegten Beitrag außerdem darüber, dass Mitarbeiter des ZDF in seiner Gegenwart die Hände in die Taschen gesteckt hätten. Das sei respektlos. Der Reporter hatte in den vergangenen Jahren unter anderem mit einem frei erfundenen Interview mit der CNN-Journalistin Christiane Amanpour über angebliche anti-türkische Tendenzen bei CNN von sich reden gemacht.

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