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Europa

Erdogan begeistert die Massen

Erstmals seit seiner Wahl zum türkischen Staatschef kam Recep Tayyip Erdogan am Sonntag nach Deutschland. Rund 14.000 Türken feierten ihn in Karlsruhe als die "Quelle ihres Stolzes". Baha Güngör berichtet.

Rote Rosenblätter regnen auf seinen Kopf, als er auf der Bühne erscheint. Den unumstrittenen Superstar der türkischen Politik empfängt ein Lichtermeer aus leuchtenden Mobiltelefonen in der Karlsruher dm-Arena. Die Menschen schwenken türkische Fahnen, die Musik und die Stimmungsmacher sind ohrenbetäubend. Reihenweise fallen vor allem Frauen vor Aufregung in Ohnmacht, die Sanitäter haben alle Hände voll zu tun.

Vor der Parlamentswahl am 7. Juni ist das ein Wahlkampfauftritt Erdogans, ohne dass er seine Verpflichtung zur Neutralität als Staatspräsident verbal verletzt. Die seit 2002 alleinverantwortlich regierende AKP (Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung) erwähnt er mit keinem Wort. Mehrere Minister begleiten Erdogan; sie hatten schon vor ihrem Anführer betont, die Türken in Europa wüssten, "welcher Partei sie ihre Stimme geben werden". Mitten in dem Getümmel nehmen die Anwesenden die Nachricht kaum zur Kenntnis, dass einige Gegner Erdogans sich aus dem Pulk der Gegendemonstration gegenüber der dm-Arena gelöst, sich der Halle genähert hätten und dass es Zusammenstöße gab.

Deutschland Türkei Recep Erdogan in Karlsruhe - Protest

Zahlreiche Menschen protestierten gegen den Besuch des türkischen Staatspräsidenten

Nationalistisches Pathos

Erdogan beginnt seine Rede mit einem Gruß und Dank an die Frauen anlässlich des Muttertages: "Das Paradies ist unter den Füßen der Mütter, nicht unter denen der Männer." Damit löst er neue Begeisterungsstürme vor allem der Frauen aus. Er gibt das politische Ziel klar vor: "Ich vertraue euch, füllt am 7. Juni die Wahlurnen mit euren Stimmzetteln!" Die rund 1,4 Millionen in der Türkei stimmberechtigen Deutschtürken könnten "entscheidend" sein.

Er sagt auch, was er wirklich anstrebt: Eine Mehrheit von 367 der 550 Sitze in der Großen Nationalversammlung, die zur Änderung der Verfassung notwendig sind. Erdogan will das Präsidialsystem in der Türkei errichten. Mit den Worten "ein Hufeisen rettet ein Pferd, ein Pferd rettet einen Kommandanten und damit das Heer, und das rettet dann das Volk" erinnert er an die Eroberungsfeldzüge des Osmanischen Reiches und wird einmal mehr von dem Schlachtruf unterbrochen: "Die Türkei ist stolz auf dich."

Als Präsident halte er sich an seine Neutralitätspflicht, unterstreicht Erdogan. Er ergreife keine Partei, er stehe "auf der Seite des Volkes". Deshalb könne niemand ihm das Recht absprechen, zu sagen, was falsch und was richtig sei. Die "Realitäten" seien: Die stetig steigende Zahl der Flughäfen, die vielen Universitäten in der Türkei sowie die unter ihm als Ministerpräsident von 2002 bis 2014 begonnenen Großprojekte - denen hätten seinen Gegner "nichts entgegenzusetzen", so Erdogan: "Wenn ein Esel stirbt, bleibt von ihm sein Sattel übrig, wenn ein Mensch stirbt, seine Werke." Der konservativ-religiöse Staatschef verlangt vor der immer wieder "Allah-u ekber" skandierenden Menge das Versprechen, "die richtige Partei" zu wählen. Zum Schluss lässt er die Menschen so laut wie möglich ihm nachsprechen: "Eine Nation, eine Fahne, eine Heimat, ein Staat!"

Im Gegensatz zu seinen früheren Reden in deutschen Arenen verzichtet Erdogan diesmal auf Kritik an Deutschland. Viel mehr berichtet er von einem Telefongespräch mit Bundespräsident Joachim Gauck am Samstag. Der habe ihm gesagt, auch er sehe die Vermehrung des Wohlstands in der Türkei.

Deutschland Türkei Besuch Recep Erdogan in Karlsruhe

1,4 Millionen stimmberechtigte Deutschtürken leben in Deutschland

Undurchsichtige Absichten

Die wahren Gründe für sein massives Engagement, das ihn am Abend noch ins belgische Hasselt führt, bleiben sein Geheimnis. Tatsache ist, dass die angestrebte Zahl von 367 oder auch nur 330 Mandaten, die nötig sind, um eine Verfassungsänderung per Referendum durchzusetzen, der AKP noch lange nicht sicher sind. Zur Zeit verfügt die Partei lediglich über 312 Sitze im Parlament in Ankara. Selbst bei dem bisher besten Wahlergebnis vor vier Jahren mit einem Stimmenanteil von 50 Prozent hatte die AKP gerade 327 Mandate gewonnen.

Erdogan und Mitstreiter machen den türkischen Wählern in Deutschland etliche Versprechen. In vier Jahren soll es hier mehrere türkische Wahlkreise geben, die Abgeordnete ins Parlament in Ankara entsenden, versichert Europa-Minister Volkan Bozkir. Als die Türken im August 2014 das erste Mal den Präsidenten direkt wählen durften, lag die Wahlbeteiligung in Deutschland bei acht Prozent. Das soll diesmal mehr werden, weshalb seit vergangenen Freitag die Stimmabgabe an allen 13 Konsulaten der Türkei in Deutschland ebenso möglich ist wie für Urlaubsreisende an Grenzübergängen.

Erdogan verabschiedet sich als "Enkel des Eroberers", womit er Sultan Mehmet II. meint, dem 1453 die Einnahme des damals byzantinischen Konstantinopels gelungen war. Die Herzen der 14.000 Menschen in der Karlsruher Arena braucht er nicht mehr zu erobern, die liegen ihm ohnehin zu Füßen. Inwieweit das für das Wahlvolk insgesamt gilt, wird sich am 7. Juni zeigen. Der Wahlsieg scheint in trockenen Tüchern zu sein, die konkret angestrebten Stimmenanteile noch lange nicht.