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Europa

Erdbebengefahr in Istanbul

Das verheerende Erdbeben in Haiti führt den Einwohnern der türkischen Metropole die möglichen Folgen eines schweren Erdbebens vor Augen. Baufällige Häuser und schwache Kontrollen könnten eine Tragödie auslösen.

Ein Blick über die Stadt Istanbul, mit der Bosporus-Brücke im Hintergrund (Foto: dpa)

Droht am Bosporus Katastrophe?

Fast 14 Millionen Menschen leben in der Stadt, die Asien mit Europa verbindet. Nach Moskau ist es die zweitgrößte Stadt Europas. Die Metropole liegt auf einer tektonischen Verwerfung, einer Grenzfläche zwischen zwei Platten der Erdkruste. Schon seit langem warnen Experten davor, dass ein starkes Erdbeben die Stadt am Bosporus erschüttern könnte. Im Jahr 1999 wurde das benachbarte Izmit davon betroffen. Nach offiziellen Angaben, starben damals mehr als 18.000 Menschen.

Das Erdbeben in Haiti hat der Öffentlichkeit in Istanbul vor Augen geführt, welche Gefahren der Stadt drohen, wenn sie von einem Erdbeben erschüttert wird. Und die Gefahr ist groß. Und so erinnern die Medien an die Opfer des Erdbebens von 1999. Damals war das Gebiet um das östliche Marmara-Meer betroffen. Das Erdbeben in Izmit war durch zwei tektonische Platten hervorgerufen worden, die sich entlang des Nord-Anatolischen Grabens in entgegengesetzter Richtung bewegen.

Epizentrum im Marmara Meer

Professor Ahmet Ercan, Leiter der Geophysischen Vereinigung in der Türkei geht davon aus, dass sich ein künftiges schweres Erdbeben "im Umkreis von 20 bis 25 Kilometern südlich der Stadt ereignen wird." Das Epizentrum läge damit im Marmara Meer, entlang einer Ost-West-Achse des Grabens. Die Tiefe läge zwischen 7 bis 10 Kilometern, und es könne dabei sogar zu Tsunamis kommen, so der Wissenschaftler.

Beschädigte Häuser in Izmit am 24.08.1999. Menschen auf der Strasse (Foto: dpa)

1999 traf ein schweres Erdbeben die Stadt Izmit am Marmarameer

Ercan schätzt, dass das Beben eine Stärke von 6.3 bis 6.7 auf der Richterskala erreichen wird: "Aber die zerstörerische Kraft könnte in einigen Gebieten der Stadt – wegen der besonderen Geologie dort - bei einem Wert von 7 bis 8 liegen." Die Auswirkungen des Bebens würden aber viel weiter spürbar sein. Der Radius der Zerstörung könnte bis zu 90 Kilometer weit reichen.

Es wäre bei weitem nicht das erste Erdbeben in der türkischen Metropole. Seit dem vierten Jahrhundert gab es 15 schwere Beben in Istanbul, und die städtischen Behörden versuchen seit geraumer Zeit, sich intensiv auf die mögliche Katastrophe vorzubereiten.

Abriß oder Denkmalschutz?

Blick vom Galata-Turm auf die Galata Brücke und die Yeni Moschee, Istanbul, Marmaragebiet, Türkei (Foto: picture alliance)

Schützenswerte Architektur und Wohnungsnot

Dazu gehört als Vorsichtsmaßnahme auch der Abriss alter und einsturzgefährdeter Gebäude. Hasan Atas von der städtischen Behörde weiß, dass es eine Sisyhpos-Arbeit ist: "Es gibt so viele Gesetze und Regeln, die es einem schwer machen zu handeln. Dieses gesamte Gebiet hier ist übersät mit denkmal-geschützten Gebäuden." Im Durchschnitt leben fünf Familien in jedem Haus, und es ist Atas Aufgabe, für alle Betroffenen Alternative Unterkünfte zu finden.

"Aber alles dauert sehr lange und das ganze ist ein riesiges Problem" sagt Atas. Er führt an, dass alleine in drei Stadtteilen rund 600 einsturzgefährdete Gebäude stehen: "Jeden Monat fallen Häuser in sich zusammen, vor allen Dingen, wenn es sehr nass ist oder wenn es schneit. Wenn es hier ein Erdbeben gäbe, dann wäre das für ganz Istanbul eine furchtbare Katastrophe."

Diese Befürchtungen werden durch eine Studie der Vereinten Nationen untermauert, die kürzlich veröffentlicht wurde. Demnach ist die Türkei weltweit das am stärksten gefährdete Land, wenn es um die Frage geht, wie viele Menschen bei einem Erdbeben ums Leben kommen würden. Experten rechnen damit, dass Istanbul vermutlich in den kommen drei Jahrzehnten von einem Erdbeben erschüttert wird. Dabei sind nicht nur alte und marode Gebäude in Gefahr.

Bauqualität wird kaum überprüft

Mit dem Bau neuer Apartmentblocks will man den wachsenden Anforderungen für den Wohnungsbau gerecht werden. Seit über einem Jahrzehnt ziehen pro Jahr im Durchschnitt eine halbe Million Menschen nach Istanbul. Und die brauchen schnell billige Unterkünfte. "In der Türkei sind die Baurverordnungen ähnlich, wie in Europa und Amerika. Das Problem ist, dass sich heutzutage niemand daran hält," erklärt der Architekt Kim Kaptan. "Um die Kosten niedrig zu halten, wird oft nicht genug Eisen verarbeitet und auch zu wenig Beton. Viele der Baustellen werden nicht von Ingenieuren betreut, und die meisten Bauten sind sowieso illegal."

Ein Istanbuler Stadtteil aus der Vogelperspektive. Eng stehende Häuser (Foto: dpa)

Die Menschen sind sich der Gefahr bewußt

Im Zentrum von Istanbul scheinen sich fast alle der drohenden Gefahr bewusst zu sein, so eine Passantin: "Alles ist außer Kontrolle. Es gibt keinerlei Regeln, und niemand beachtet irgendwelche Regeln. Und wenn dann ein Erdbeben kommt, dann sagen alle: Oh … wie furchtbar!"

Andere hoffen, dass sie verschont bleiben: "Ich hoffe, ich bin sicher dort, wo ich lebe", so ein weiterer Passant, "aber ich weiß es nicht. Auch Architekten machen mal Fehler, so dass Gebäude auch von selbst einstürzen können."

Grausige Szenarien

Professor Segal Sengor, der führende Geophysiker an der Technischen Universität von Istanbul, zeichnet ein Katastrophenszenario: "Wenn ein Erdbeben Istanbul erschüttert, wird ein Teil der Gebäude einfach in sich zusammenfallen. Menschen werden verschüttet und in den Ruinen gefangen sein. Nur einige von ihnen werden rauskommen. Unter vielen Straßen gibt es Pipelines, die werden platzen, es wird zu Bränden kommen, die Menschen werden versuchen zu fliehen. Es wird alles voller Trümmer sein. Es wird ein einziges Chaos in Istanbul herrschen."

Die städtischen Behörden beteuern, dass sie bereits Maßnahmen ergriffen haben, um der Stadt und ihren Einwohnern größtmögliche Sicherheit zu gewährleisten. Aber in Istanbul leben fast 14 Millionen Menschen. Sie alle zu schützen, scheint eine Aufgabe zu sein, die einfach nicht bewältigt werden kann. Und Experten gehen davon aus, dass das erwartete Erdbeben jederzeit eintreffen kann – in einigen Jahrzehnten oder schon morgen.

Autor: Dorian Jones / Gudrun Heise
Redaktion: Fabian Schmidt

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