Er betete hebräisch und schrieb arabisch | Spurensuche | DW | 15.12.2017
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Spurensuche

Er betete hebräisch und schrieb arabisch

Moses Maimonides – Christian Feldmann erinnert in seinem Beitrag der katholischen Kirche an den mittelalterlichen Gelehrten, der mit seiner Philosophie eine Brücke zwischen Judentum, Christentum und Islam schlug.

Bronzestatue Mann Turban (Harvey Barrison via Wikimedia Commons)

Statue von Moses Maimonides in seinem Geburtsort, dem spanischen Cordoba.

Um das Jahr 1230 veranstalteten strenggläubige Talmudgelehrte in Paris eine Bücherverbrennung: Sie warfen das Buch eines Kollegen ins Feuer, den berühmten „Moreh Nebuchim“ des Moses Maimonides. Der Autor, mit vollem Namen Rabbi Moshe ben Maimon, war zu diesem Zeitpunkt schon mehr als 20 Jahre tot. Aber immer noch schieden sich an ihm die Geister. Jüdische Fundamentalisten waren entrüstet über die Nonchalance, mit der er eine vergeistigte Religion propagiert und zwischen zwei Formen der Gottesverehrung unterschieden hatte: wörtlich verstandener Bibelglaube für die einfachen Leute und eine Art höherer Weisheit für die philosophisch Gebildeten.

Von seinen besorgten Gegnern spricht freilich keiner mehr – während Moses Maimonides heute noch als der bedeutendste jüdische Intellektuelle des Mittelalters gilt. Und als zeitloses Vorbild eines weltanschaulichen Dialogs ohne Berührungsängste. So souverän schlug er eine Brücke zwischen dem uralten Glauben der Juden und der griechisch-arabischen Wissenschaft und Philosophie.

Cordoba – wo Juden, Christen und Muslime friedlich zusammenlebten

Moshe ben Maimon wurde 1138 als Sohn eines Rabbiners im spanischen Cordoba geboren, wo Juden, Christen und Muslime friedlich zusammenlebten. Doch als der kleine Moses zehn Jahre alt war, eroberten die fanatischen muslimischen Almohaden seine Heimatstadt. Die Familie Maimon musste fliehen und ließ sich in Ägypten nieder. Moses wurde Arzt und avancierte zum Leibarzt des Sultans.

Als Talmudgelehrter wurde er zur internationalen Autorität. Sein 14-bändiger „Mischne Tora“ – „Wiederholung des Gesetzes“ – präsentiert die in Jahrhunderten gesammelte Weisheit in einer kompakten Übersicht. Maimonides will zeigen, dass hinter den 1.000 Vorschriften und Ritualen immer die Sehnsucht nach Gottes Nähe steckt – und das Bemühen um die Heiligung der Welt.

Das könnte auch ein Leitartikler oder Prediger unserer Tage sagen: Die Schätze der Tradition darf man nicht vergraben, man muss sie mit den drängenden Fragen der Gegenwart konfrontieren. Maimonides sah deshalb in konkurrierenden Weltanschauungen keine Bedrohung, sondern ganz im Gegenteil eine Bereicherung. Auf dem Weg zum immer größeren Gott gab es auch von den arabischen Philosophen wie Alfarabi, Avicenna und Ibn Tufail und vom „Heiden“ Aristoteles etwas zu lernen.

Mit seinem Hauptwerk „Moreh Nebuchim“ – „Führer der Unschlüssigen“ – wollte Moses Maimonides beweisen, dass die augenscheinlichen Widersprüche zwischen Vernunft und Glauben, philosophischer Weltsicht und Bibellektüre gar keine sind. Indem er einen tieferen philosophischen Sinn hinter Bibeltexten und Talmudweisheiten entdeckt, öffnet er das Judentum für die ganze Menschheit.

Vertrauen auf einen guten Gott

Das Vertrauen auf einen guten Gott, der Respekt vor dem Mitmenschen, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, die Verantwortung für die Welt – alles biblische Werte und nicht auf das Volk Israel beschränkt, dem lediglich eine Zeugen- und Vorreiterfunktion für das ganze Menschengeschlecht zukommt. Künftig wird die Beachtung äußerlicher Kult- oder Reinheitsvorschriften immer weniger zählen und die innere Hinwendung zu Gott immer wichtiger werden.

Wenn es um die letzten Geheimnisse geht, formuliert Maimonides stets sehr dezent. Er will Gott nicht vorschreiben, wie er zu sein hat. Die Religionen können sich Gott nur nähern, ihn nie ganz erreichen. Auch das jüdische Gesetz ist nur vorläufig. Die frommen Fundis schrien entsetzt auf, als Maimonides verkündete, Mose und Jesus und Muhammad hätten im Grunde dasselbe gewollt: die Menschen darauf vorzubereiten, dem einen Gott wie eine einzige Familie zu dienen. Wenn das Reich des Messias gekommen sei, dann werde es nicht mehr um Wahrheit und Irrtum gehen, sondern um Gnade und Erfüllung.

Vor wenigen Tagen – man weiß es nicht genau, am 12. oder 13. Dezember – jährte sich sein Todestag; er starb in Fustat, das heute zu Kairo gehört.

 

Christian Feldmann, Buch- und Rundfunkautor, wurde 1950 in Regensburg geboren, wo er Theologie (u. a. bei Joseph Ratzinger) und Soziologie studierte. Zunächst arbeitete er als freier Journalist und Korrespondent, u. a. für die Süddeutsche Zeitung und arbeitete am „Credo“-Projekt des Bayerischen Fernsehens mit. In letzter Zeit befasst er sich mit religionswissenschaftlichen und zeitgeschichtlichen Themen. Zudem hat er bisher 51 Bücher publiziert. Dabei portraitiert er besonders gern klassische Heilige und fromme Querköpfe aus Christentum und Judentum. Feldmann lebt und arbeitet in Regensburg.