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Kultur

Eröffnung der 63. Berlinale: Kunst & Kung-Fu

Zum Auftakt gab's Kampfkunst aus China. Der Film "The Grandmaster" von Regisseur Wong Kar Wai eröffnete den Wettbewerb der 63. Berliner Filmfestspiele. Der neue Film von Wai ist wieder eine opulente Bilderreise.

"Meine Filme sind für mich eine Art Ersatzgedächtnis", hat Wong Kar Wai einmal seine Vision vom Filmemachen charakterisiert. Mit ihnen könne er das tun, was sonst unmöglich ist: in die Vergangenheit zurückreisen. Vielleicht liegt hier ein Schlüssel zum Verständnis des Werks des chinesischen Filmemachers. Es sind auf Leinwand eingebrannte wunderschöne Reisen in fremd anmutende, meist vergangenen Welten. Mit seinen bisherigen Filmen hat Wong Kar Wai ein Werk geschaffen, das ihn zu einem überall anerkannten, großen Filmkünstler gemacht hat - über alle nationalen und künstlerischen Grenzen hinweg.

"The Grandmaster" - außer Konkurrenz

So zögerte Festivalchef Dieter Kosslick nicht, als sich die Möglichkeit ergab, die 63. Berlinale mit Wong Kar Wais neuem Film "The Grandmaster" zu eröffnen. Zum Präsidenten der Berlinale-Jury war Wong schon im vergangenen Herbst berufen worden. Dass sein neuer Film, ein Ausflug ins Martial Arts-Genre, zu den Festspielen fertig werden würde, war damals noch gar nicht sicher. Einen Wong Kar Wai-Film könne man aber immer blind buchen, hieß es hinter den Kulissen des Festivals. Dass "The Grandmaster" nun außer Konkurrenz das Festival eröffnete, sich also nicht um den Goldenen Bären bewerben darf, versteht sich von selbst. Wong Kar Wai kann schließlich nicht über seinen eigenen Film urteilen.

Szene aus Wong Kar Wais Film The Grandmaster (Foto: Berlinale 2013)

Eine weibliche Kung Fu-Meisterin in "The Grandmaster": Zhang Ziyi als Gong Er

Auch die großen Konkurrenzfestivals in Cannes und Venedig würden stolz sein über einen Film dieses Regisseurs. Wong Kar Wai gehört heute zu einem sehr auserlesenen Kreis von Filmemachern, deren Namen für modernes, innovatives Kino stehen und bei Cineasten regelmäßig für Herzklopfen sorgen. Die 63. Berlinale hat also mit Wong Kar Wai, dem Juryvorsitzenden und Regisseur des Eröffnungsfilms, gleich doppelt punkten können.

Dem Kino dienen…

19 Filme haben Wong und seine Jury-Mitstreiter in den nächsten Tagen zu beurteilen und bei einer ersten Pressekonferenz hat der Regisseur schon einmal seine Haltung zum Teilzeitjob in Berlin verdeutlicht: "Wir sind hier, um Filmen zu dienen, nicht um sie zu bewerten. Wir wollen Filme schätzen und anerkennen, die wir inspirierend und berührend finden." Das klingt nach Sanftmut und asiatischer Weisheit, doch am Ende wird auch Wong Kar Wai nicht um eine Entscheidung herum können. 

Wong Kar Wai bei der PK zur Berlinale 2013 (Foto: Reuters/Thomas Peter)

Gibt sich cool: Wong Kar Wai in Berlin

Da hat er durchaus Erfahrung. 2006 in Cannes hat der Regisseur schon einmal der Jury eines großen Festivals vorgestanden. Dass damals ein Film des britischen Regisseurs Ken Loach ausgezeichnet wurde, kann man als Zeichen von Wongs künstlerischer Souveränität interpretieren. Steht der Brite mit seinen Filmen doch ziemlich am anderen Ende des Spektrums modernen Kinos. Ist Loach für ein sozialkritisches, raues Kino mit Herz bekannt, stehen Wongs Filme für opulente Bilderpracht, ausgefeilte Szenerien und ästhetischen Hochgenuss. 

Ruf als Kult-Regisseur

In Cannes hatte der Chinese zwei Jahre zuvor seinen geradezu mythischen Ruf in der Filmwelt festigen können. Damals lief sein Opus "2046" im Wettbewerb und um kaum ein anderes Werk hatte es in den Jahren zuvor so viel Gerüchte gegeben: Wird der Film fertig? In welcher Fassung kommt er ins Kino? Was zeigt uns Wong Kar Wai diesmal? Die Filmwelt diskutierte eifrig, weil man eben wusste, hier ist ein Großmeister am Werk, dessen vorangegangener Film, "In the mood for love" (2000), die Kinofans rund um den Globus in Entzücken versetzt hatte.

Wong Kar Wai weiß sich durchaus auch als Person zu inszenieren. Die schwarze Sonnenbrille setzt er auch in geschlossenen Räumen nicht ab und so trat er dann auch in Berlin am Donnerstag vor die Weltpresse. Zehn lange Filme hat der chinesische Regisseur seit seinem Debüt 1988 ("As Tears go by") gedreht. Und anders als seine bekannte Regiekollegen Zhang Yimou oder Chen Kaige hat er es westlichen Zuschauern mit seinen Werken durchaus leicht gemacht.

Szene aus Wong Kar Wais Film The Grandmaster (Foto: Berlinale 2013)

Mehr als nur Kampfkunst - Tony Leung als Ip Man in "The Grandmaster"

Es waren meist Geschichten von jungen Leuten in der Großstadt, Filme über Verbrechen, Prostitution und Drogen, auch Liebesgeschichten zwischen Männern und Frauen und Männern und Männern. Dabei hatte es sich nie um chronologisch erzählte und konventionell bebilderte Storys gehandelt. Es ist die Welt der Gefühle, der Erinnerungen, der Stimmungen, die diesen Regisseur interessiert. Und das ist durchaus global zu goutieren. Coole Großstadtmenschen, die Verlorenheit des Individuums sowie eine große Melancholie durchziehen Wongs Filme und schafften es so, auch im Westen ihr Publikum zu finden. "Kino der MTV-Generation" urteilte ein Kritiker nach Wongs ersten Filmen.

Ausgefeilte ästhetische Tableaus

Bilder von unfassbarer Schönheit, raffiniert eingesetzte Musikdramaturgie, filmische Elementen wie Zeitlupe, Wong Kar Wais Bilderkosmos ist von einer durchgestylten Ästhetik. Gerade auch in Deutschland hat der Regisseur viele Fans: "Wongs Filme sind ein einziger Bewusstseinsstrom, fragmentarisch erzählt, in losen, assoziativen, aber nuancierten Bildern, die sich gemeinsam mit der genauen Farbdramaturgie, Dialog- und Gedankenfetzen, und mit Musik zu einem dichten und genau rhythmisierten atmosphärischen Teppich zusammenfügen, wie er im gegenwärtigen Kino ohne Beispiel ist", - so heißt es in einer in Deutsch vorliegenden Monografie.

Szene aus Wong Kar Wais Film The Grandmaster (Foto: Berlinale 2013)

Ausgefeilte Bildtableaus

Wie passt nun "The Grandmaster" in dieses Oeuvre? Wong Kar Wai hatte schon einmal, 1994 mit "Ashes of Time", einen Ausflug ins Kampfkunstgenre gewagt. "The Grandmaster" dürfte für westliche Zuschauer nicht ganz so leicht zu entschlüsseln sein wie seine anderen Filme. Wong erzählt vor dem Hintergrund der japanischen Invasion der 30er Jahre die Geschichte zweier Kung Fu-Meister (darunter eine Frau!). Dabei entwickelt der Regisseur ein komplexes Spiel um Familienehre, Geschlechterrollen und nationale Identitäten. Wong Kar Wai, in Shanghai geboren, aber in Hongkong aufgewachsen, sieht sich in der Tradition des Martial Arts-Films der ehemaligen Kronkolonie. Bei diesem Filmkünstler wird allerdings jeder Schlagabtausch zum philosophischen Akt: "Der Film ist kein Kung Fu-Spektakel", so der Regisseur in Berlin, er wolle zeigen, wie Tradition und Philosophie weitergegeben würden. "Ich hoffe, unser Film vermittelt ein neues Bild von dem, was Martial Arts ist. Es ist mehr als Kampfsport, es prägt die Lebensart, kann geistige Größe schenken."

Reise in die Vergangenheit

Zumindest eine Verbindung lässt sich ziehen zwischen Wongs früheren melancholischen Großstadtfilmen und seinem Ausflug ins Martial Arts-Genre. Auch für "The Grandmaster" hat sich der Regisseur wieder auf eine Reise in die Vergangenheit gemacht und auch in diesem Film nimmt er die Zuschauer mit auf eine opulente Bilderreise. Ein würdiger Berlinale-Auftakt!

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