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Bildung

"Entwicklungshilfe" für die deutsche Kirche

Die Zahl der katholischen Theologiestudenten sinkt seit Jahren. Die Kirche rekrutiert ihre Priester zunehmend aus dem Ausland. Zugleich wächst die Sorge um die Zukunft des Fachs.

Gefaltete Priesterhände (Foto: dpa)

Priestermangel in Hessen

Zwei ganz normale junge Männer: muskulös mit kahl rasierten Schädeln. Rein äußerlich könnte man meinen, sie seien Stammkunden im Fitness-Studio und abends gern in Clubs unterwegs. Doch der Weg von Wojciech Kaszczyc und Radoslaw Lydkowski ist ein anderer. Sie möchten Priester werden - aber nicht in ihrem Heimatland Polen, sondern in Deutschland.

Die beiden haben sich im Priesterseminar in Polen kennen gelernt. Radoslaw ist heute 28 Jahre alt und hat es seinem 26-jährigen Mitbruder Wojciech zu verdanken, dass er nun im Bistum Limburg studiert. Dabei hätte Wojchiech selbst nie damit gerechnet, eines Tages im Ausland zu leben. "Ein deutscher Priester kam in unser Seminar in Polen und erzählte uns, dass es im Bistum Limburg Priestermangel gibt." Nach einer intensiven Woche des Nachdenkens entschloss sich Wojciech, der deutschen Kirche zu helfen. Radoslaw kam mit.

Dringend gesucht: junge Priester

Wojciech Kaszczyc und Radoslaw Lydkowski (Foto: DW/Bianca von der Au)

Die Priesteranwärter Wojciech Kaszczyc und Radoslaw Lydkowski

Das Bistum Limburg nutzt die Partnerschaft mit der katholischen Kirche in Polen gezielt, um Nachwuchspriester nach Deutschland zu holen. Auch in den Priesterseminaren anderer Bistümer sitzen mittlerweile immer häufiger Studenten aus anderen Ländern, etwa Indien oder Brasilien. Der Grund: Die katholische Kirche hat ein massives Nachwuchsproblem. Immer weniger junge Männer in Deutschland entscheiden sich für ein Theologiestudium, um Priester zu werden oder auch eine wissenschaftliche Laufbahn an den 20 Fakultäten und 34 theologischen Instituten in Deutschland zu machen.

In den vergangenen 15 Jahren hat sich die Zahl der Studierenden, die ein komplettes Theologiestudium absolvieren, halbiert. Derzeit sind es nur noch rund 2200, wie eine aktuelle Studie des Frankfurter Theologen und Sozialwissenschaftlers Bernhard Emunds zeigt. Das hat Auswirkungen auf die Wissenschaft: In den vergangenen fünf Jahren sind 20 Prozent der Stellen etwa für Assistenten oder Akademische Räte abgebaut worden. Manche Lehrstühle können nicht mehr besetzt werden.

Sorge um die Theologie in Deutschland

Eucharistie-Feier (Foto: dpa)

Priester und Ministranten bei der Eucharistie im Frankfurter Dom

"Wenn der Abbau weiter so voranschreitet, dann muss man sich große Sorgen machen, dass ein regelrechter wissenschaftlicher Einbruch der katholischen Theologie stattfindet", warnt Emunds. Was für das Vollstudium gilt, sieht beim Teilstudium, nämlich der Ausbildung der Religionslehrer, anders aus. Hier gibt es einen deutlichen Anstieg der Studentenzahlen. Emunds schlägt deshalb vor, die Kirche solle stärker als bisher in die Lehrerausbildung investieren.

Von der Anwerbung ausländischer Priesteramtskandidaten hält er dagegen nicht so viel. "Um eine deutsche Gemeinde leiten zu können, braucht man eine hohe Vertrautheit mit dem Lebensstil in Deutschland, mit den Wünschen und Ängsten der Menschen hier und genau das ist oft schwierig, wenn Priester aus einer anderen Kultur kommen."

Polen leben den Glauben anders

Kapelle der Hochschule St. Georgen (Foto: DW/Bianca von der Au)

Kapelle der Hochschule St. Georgen

Auch Radoslaw und Wojciech fühlten sich zunächst fremd in der deutschen katholischen Kirche. Während  ihres Pfarrpraktikums stellten sie fest, dass sich das Gemeindeleben im Bistum Limburg von dem in Polen deutlich unterscheidet. Für sie sei es neu gewesen, dass Laien so intensiv in der Gemeinde mitarbeiten und die Kirchenräte unterstützen dürfen. Auch seien in Polen viel mehr Menschen gläubige Kirchengänger, meint Wojciech. "Es gibt eine Glaubenskrise in der modernen Welt", so der Student. "Wenn man in einer guten finanziellen Lage ist, glaubt man, Gott nicht mehr zu brauchen.“

Während ihrer Ausbildung wohnen und studieren die Polen im Priesterseminar der Hochschule St. Georgen in Frankfurt am Main, gemeinsam mit insgesamt 43 Seminaristen aus verschiedenen deutschen Bistümern. Mit ihnen leben und lernen hier auch Priesteranwärter aus Osteuropa und afrikanischen Ländern.

Priesterseminar ist kein Studentenheim

Priesterseminar der Hochschule St. Georgen (Foto: DW/Bianca von der Au)

Die Polen wohnen und studieren im Priesterseminar von St. Georgen

Der weitläufigen Campus beheimatet neben dem Priesterseminar eine Bibliothek und eine Mensa - und ist abgeschirmt durch eine Steinmauer. Die künftigen Priester leben hier in winzigen Einzelzimmern mit einem schmalen Bett, Stuhl und Schreibtisch - und doch sind sie nicht abgeschnitten von der Außenwelt, betont Radoslaw. "Das ist kein Studentenheim. Wir wohnen und essen zwar zusammen, haben aber auch unsere Aufgaben vom Seminar." Dazu gehört neben dem Theologiestudium auch das Engagement in einem sozialen Projekt. Radoslaw arbeitet in einem Kinderheim in Offenbach.

Die Priesterausbildung macht ihm Spaß. Trotzdem kommen ihm manchmal Zweifel, ob er wirklich für diesen Beruf auf Ehe und Familie verzichten will. "Je nach Stimmung habe ich Sehnsucht nach Nähe und Partnerschaft", gibt der Student zu. "Dann überlege ich schon, ob ich tatsächlich dabei bleiben will.“ Aber schließlich kommt er doch immer wieder zu dem Schluss, dass er Priester werden möchte. "Denn das ist wirklich ein schöner Weg", betont Radoslaw.

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