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Fußball

Entwicklungshelfer für Spitzenfußball

Für die FIFA beim Confederations Cup im Einsatz: Fußball-Lehrer Holger Osieck, der 1990 als Assistent Franz Beckenbauers auf der deutschen Trainerbank saß, analysiert jetzt die Spiele in Südafrika.

Portrait des Fifa-Spielbeobachters Holger Osieck. Foto: U. Reimann

Als Vereinstrainer hat Holger Osieck 2007 mit den Urawa Red Diamonds die asiatische Champions League gewonnen. Das war für ihn, der auch beim VfL Bochum sowie in der Türkei, Kanada und Frankreich gearbeitet hat, als Vereinstrainer zweifellos der größte Erfolg. Was folgte, war im März 2008 die Entlassung und seine Rückkehr aus Japan in seine Wahlheimat Zürich. Der Fußball-Lehrer aus Duisburg, der 2004 für Aufsehen sorgte, als er Jürgen Klinsmann als Assistenztrainer der Deutschen Nationalmannschaft eine Absage erteilte, wollte nach seinen zahlreichen Auslandsengagements wieder zu sich selbst finden und einmal richtig durchschnaufen, wie er in der Rückschau sagt.

Assistent des "Kaisers"

Der immer bescheiden auftretende Westfale, der 1990 in Rom an der Seite von Franz Beckenbauer als Trainer verantwortlich war für den WM-Sieg der Deutschen Nationalmannschaft im Endspiel gegen Argentinien, konnte sich aber nicht lange ausruhen. Bei der Europameisterschaft 2008 in Österreich und der Schweiz war er Mitglied der Technischen Kommission der UEFA, anschließend folgten zahlreiche Auslandsreisen für die FIFA, in deren Auftrag er vor Trainern in aller Welt Vorträge über das Niveau des internationalen Fußballs und die Entwicklung der Spieler hält.

Fifa-Spielbeobachter Kwok Ka Ming und Holger Osiek auf der Tribüne beim Confederations Cup in Südafrika. Foto: U. Reimann

Eingespieltes Team: Kwok Ka Ming (li.) und und Holger Osieck

Er sitzt auf der Pressetribüne inmitten der Journalisten und würde mit Kugelschreiber und Schreibblock glatt als Reporter durchgehen. Doch sein markantes Gesicht und das freundliche Lächeln sind ein Garant dafür, dass Holger Osieck schnell erkannt wird. Der mittlerweile 60jährige Fußball-Lehrer aus Duisburg ist in den letzten Jahren als Spielbeobachter der FIFA bei fast allen großen Turnieren dabei gewesen, bis zum Finale beim Confederations Cup wird er zusammen mit seinem Kollegen Kwok Ka Ming aus Hongkong sieben Spiele analysieren.

"Uhren gehen hier anders"

Seit rund 40 Jahren gibt es die Technische Studien-Gruppe der FIFA. Namhafte Trainer aus aller Welt beobachten die Spiele bei internationalen Turnieren und zeigen neue Trends auf. In Südafrika fassen unter anderen Abedi Pele aus Ghana, Frankreichs Gerard Houllier und Costa Ricas Nationalmannschaftstrainer Rodrigo Kenton in ihren Berichten neue Entwicklungen in technischer-taktischer Hinsicht zusammen. Bei der WM 1966 in England gab es erstmalig eine Trainergruppe, die Spiele und Training der Nationalmannschaften während eines Turniers beobachteten. "In Südafrika bin ich zum ersten Mal. Es sind hier einige interessante Eindrücke, hier gehen die Uhren zum Teil noch anders", sagt Osieck nach der ersten Turnierwoche, in der zum Beispiel die Spanier gegen Neuseeland und die Brasilianer gegen die USA beobachtet hat. Die Erkenntnisse aus seiner Spielanalyse werden in einem technischen Report zusammengefasst. Dieser ist besonders für Trainer in Fußball-Entwicklungsländern eine Hilfestellung für ihre eigene Arbeit.

Nur Rennen und Kämpfen ist zu wenig

Spanier bejubeln Treffer beim Confederations Cup. Foto: AP

Spanier begeistern nicht nur Osiek: "Erfolgreich und unterhaltsam"

"Die Spitze gibt ja immer vor, wohin sich die Entwicklung bewegt. Wir wollen die Trainer darauf hinweisen, wie lange es braucht, und was es bedarf, um Spieler auszubilden, bis sie auf dem Niveau der Spanier oder Brasilianer spielen können", beschreibt Osieck seine Aufgabe.

Über die Entwicklung der US-Fußballer ist Osieck enttäuscht. Auf der Tribüne hat er die Niederlage gegen Brasilien beobachtet. Nur Rennen und Kämpfen ohne Spielidee, das sei gar nichts, kritisiert Osieck. Ganz anders hingegen der Auftritt der Spanier. "Es ist immer wieder herzerfrischend, wenn man diese Qualität von Fußball sieht. Da ist alles dabei: Erfolgreiches Spiel und Unterhaltung. Das will man im Grunde genommen auch sehen", schwärmt Osieck.

Vuvuselas nein, aber

Was viele nicht mehr hören wollen, ist der ohrenbetäubende Lärm der Vuvuselas. Das traditionelle Blasinstrument der afrikanischen Fans macht Unterhaltungen auf der Tribüne unmöglich. Konzentrierte Spielanalysen fallen Osieck da nicht immer leicht: "Als neutraler Beobachter und Spielanalytiker muss ich das nicht unbedingt haben. Auf der anderen Seite muss man Verständnis zeigen. Das ist eben das, was die Leute mitbringen, was ihre Mentalität ausmacht. Es gehört einfach dazu", zeigt der Fußball-Lehrer Verständnis für das sonore Blaskonzert.

Geschlossene Gesellschaft

Osieck mit konzentriertem Blick auf der Tribüne. Foto: U. Reimann

Wechsel zurück auf die Trainerbank nicht ausgeschlossen

Im kommenden Jahr wird Holger Osieck auf jeden Fall wieder für die FIFA während der WM in Südafrika Spiele beobachten. Das ist beschlossene Sache und darauf freut er sich nach seinen bisherigen Erfahrungen in den vier WM-Stadien in Rustenburg, Pretoria, Johannesburg und Bloemfontein. Ein Engagement als Trainer im Ausland kann sich der fast 61jährige aber immer noch vorstellen, nur Spaß müsse es machen. Eine unterklassige Nationalmannschaft, die keine spielerischen Möglichkeiten hat und nur auf 0:0 spielt, wäre nichts für den Fußball-Lehrer. Eine Rückkehr in den deutschen Profifußball schließt Osieck aus: "Ich bin sehr lange von Deutschland weg. Dann ist es natürlich immer wieder schwierig, den Anschluss zu finden, weil sich in Deutschland mittlerweile eine bestimmte Trainergesellschaft gebildet hat, die mehr oder weniger in sich geschlossen ist."

Autor: Ulrich Reimann

Redaktion: Stefan Nestler

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