1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Europa

Enttäuschung vor Präsidentschaftswahlen in Kroatien

Bei den Präsidentschaftswahlen in Kroatien am heutigen Sonntag gilt Amtsinhaber Ivo Josipović als Favorit. Doch sein Land steckt anderthalb Jahre nach dem EU-Beitritt in einer tiefen Krise.

Graffiti in Zagreb auf einem Bankgebäude mit der Aufschrift: Nimm einen Kredit auf, wenn du Mut hast! (Foto: DW)

Graffiti in Zagreb vor einer Bank: "Nimm einen Kredit auf, wenn du Mut hast!"

Mario Miljak macht sich Sorgen um sein Land. Zwar gibt der 35-Jährige offen zu, dass es ihm besser geht "als anderen jungen Menschen im Rest Kroatiens". Denn er lebt in der historischen Stadt Dubrovnik an der Adria, die jedes Jahr neue Touristen-Rekorde verzeichnet. Hier habe jeder Arbeit, sagt Miljak, der als Techniker auf Hochzeiten, Kongressen und anderen Großveranstaltungen arbeitet. Doch die Zukunft des Landes insgesamt sei seiner Ansicht nach eher düster: "Immer mehr junge Menschen gehen weg, weil sie hier keine Perspektive sehen, wir lassen die Schlüsselfiguren der zukünftigen Gesellschaft ziehen." Obwohl er von den etablierten Politikern enttäuscht ist, will Miljak am Sonntag bei der Präsidentschaftswahl seine Stimme abgeben.

Drei etablierte Kandidaten und ein Politik-Neuling

Der jüngste Kandidat, der erst 24-jährige Ivan Vilibor Sinčić, wurde zunächst als absoluter Außenseiter gewertet, hat inzwischen aber viele Sympathiepunkte gesammelt - vor allem unter den jungen Kroaten. In den jüngsten TV-Duellen präsentierte er sich erfolgreich als jemand, der nicht dem politischen Establishment angehört.

Der kroatische Präsident Ivo Josipovic (Foto: Martina Maračić)

Präsident Ivo Josipović hofft auf eine weitere Amtszeit

Am Ende des ersten Aufeinandertreffens der Kandidaten zur Hauptsendezeit sagte er in Richtung der drei Konkurrenten: "Als junger Mensch bin ich erschüttert über die Demagogie, die ich hier zu hören bekam. Sie alle waren Mitglieder der Regierungen und der Parteien, die meine Heimat zerstört haben." Dieses Zitat und das jugendlich-rebellische Foto von Sinčić werden seitdem in den sozialen Netzwerken verbreitet. So auch von Mario Miljak, der auf seiner Facebook-Seite schreibt: "Vielleicht wird er kein Präsident, aber er hat ihnen die Wahrheit gesagt." Bekannt geworden ist Sinčić als Aktivist der Bewegung "Živi zid" (Lebendige Mauer), die sich gegen Zwangsräumungen von Wohnungen einsetzt. Politisch fordert er einen harten Kurs gegenüber der EU und droht sogar mit einem Austritt.

Umfragen zufolge ist Amtsinhaber Ivo Josipović der Favorit bei den Präsidentschaftswahlen. Er steht der sozialdemokratischen Partei SDP nahe, als Präsident musste er aber sein Parteibuch abgeben. Zu seinen Gegenkandidaten gehören die ehemalige kroatische Außenministerin Kolinda Grabar-Kitarović von der rechtskonservativen Partei HDZ und der Arzt Milan Kujundžić, der im vergangenen Jahr die rechtspopulistische Partei Hrvatska Zora ("Kroatische Morgendämmerung") gegründet hat.

Tourismus kann das Land nicht aus der Krise retten

Feiernde Kroaten mit EU-Fahnen (Foto: Getty Images)

Tausende feierten den EU-Beitritt ihres Landes im Sommer 2013 - jetzt ist die Ernüchterung groß

Auf den zukünftigen Präsidenten - oder die Präsidentin - warten große Herausforderungen: Denn Kroatien steckt in einer tiefen wirtschaftlichen Krise. Seit dem EU-Beitritt am 1. Juli 2013 hat sich die Stimmung unter der Bevölkerung eher noch verschlechtert. Erhoffte man sich anfangs noch positive Effekte durch den Beitritt - wie etwa die Möglichkeit für Kleinunternehmer, leichter an Gelder aus EU-Fonds zu kommen - so macht sich inzwischen die Einsicht breit, dass die EU kein Allheilmittel gegen wirtschaftliche Probleme ist. Die Financial Times aus London bezeichnete Kroatien jüngst als das "neue Sorgenkind der Europäischen Union". In dem Artikel wird das kroatische Problem deutlich beschrieben: Das Land hat zwar eine schöne Küste mit vielen idyllischen Inseln, die in den Sommermonaten von vielen Touristen besucht werden. Doch diese drei bis vier Sommermonate vermögen es nicht, dass Land aus der Krise zu retten.

Kroatien verzeichnet im sechsten Jahr in Folge kein Wirtschaftswachstum, die öffentliche Verschuldung ist inzwischen doppelt so hoch wie im Jahr 2008. Im EU-weiten Ranking der wirtschaftlich am schlechtesten aufgestellten Länder steht Kroatien an dritter Stelle, direkt hinter krisengebeutelten Ländern wie Griechenland und Spanien. Nach derzeitigem Stand liegt die Arbeitslosigkeit im Schnitt bei fast 19 Prozent. Besonders schwer haben es Jugendliche: etwa jeder zweite ist arbeitslos.

Braindrain auf Kroatisch

Panorama-Ansicht der Altstadt von Dubrovnik (Foto: dozer)

Mario Miljaks lebt in Dubrovnik: Durch den Tourismus gibt es hier mehr Jobs als in anderen Städten

Unter den jungen Menschen in Kroatien hat sich deshalb die Ansicht durchgesetzt, dass sich in absehbarer Zukunft nichts zum Besseren wenden wird. Fast täglich veröffentlicht die kroatische Presse Artikel über Uni-Absolventen, die davon erzählen, dass die wichtigsten Unterlagen neben ihrem Diplom ihr Reisepass und ein Flugticket in ein anderes Land seien. Viele von ihnen beklagen in diesen Artikeln auch, dass man in Kroatien nur einen Job bekomme, wenn man zur passenden Partei gehöre oder mit dem entsprechenden Entscheidungsträger verwandt sei.

Auch Mario Miljak ist enttäuscht: "Die HDZ hat uns jahrelang beklaut, die SDP ist unfähig, irgendetwas zu ändern, obwohl sie jetzt an der Macht ist. Das ganze politische System ist korrupt." Wählen gehe er trotzdem, das sei wichtig. Einem der Kandidaten werde er seine Stimme geben, allein um die Demokratie aufrechtzuerhalten. Das sieht der Journalist Toni Gabrić aus Zagreb anders. Er betreibt das Online Portal "h-alter" und schreibt in einem Artikel: "Ich breche jetzt alle Regeln des objektiven Journalismus und rufe euch dazu auf, euch am Sonntag eine halbe Stunde Zeit zu nehmen, zum Wahllokal zu gehen und einfach alle vier Namen der Kandidaten durchzustreichen." Denn keiner von ihnen sei geeignet, dieses Amt anzutreten, jeder sei nur auf seinen persönlichen Vorteil bedacht. Der Journalist befürchtet, die Wahl werde ohnehin nichts am schlechten Zustand des Landes ändern.

Die Redaktion empfiehlt