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Amerika

Enttäuschung in Brasilien nach Papstwahl

Mit Franziskus steht zum ersten Mal ein Lateinamerikaner an der Spitze der katholischen Kirche. In Brasilien hält sich die Freude über den neuen Papst aus dem Nachbarland Argentinien dennoch in Grenzen.

Beim Papst hört die lateinamerikanische Bruderliebe auf. Dass in Rom ausgerechnet ein Argentinier zum Pontifex gekürt wurde, ist für viele Brasilianer ein schwerer Schlag. "Wir werden die Kröte schlucken müssen", lautet der knappe Kommentar des ehemaligen brasilianischen Fußball-Coaches Mario Zagallo. "Am besten mit einem lauten Amen."

Argentinische Sticheleien in den sozialen Netzwerken - nach dem Motto "Wir haben den Papst, während ihr Euch mit Pelé zufrieden geben müsst" - haben die Rivalität zwischen den beiden südamerikanischen Nachbarländern nach der Wahl von Jorge Mario Bergoglio zum Pontifex weiter angeheizt. Vielen Brasilianern fällt es schwer, die argentinische Eroberung der Kurie sportlich zu nehmen.

Am Donnerstag versuchte Gilberto Carvaho, Chef des brasilianischen Präsidialamtes, die allgemeine Enttäuschung diplomatisch zu überwinden: "Eine Papstwahl ist keine Meisterschaft", stellte er gegenüber der brasilianischen Tageszeitung "O Globo" klar. Sicherlich würden künftig viele Witze über den argentinischen Papst kursieren. "Doch wir müssen uns mit den Lateinamerikanern freuen", meint der überzeugte Katholik. Denn endlich bekomme der lateinamerikanische Kontinent Anerkennung und könne Einfluss auf das Schicksal der katholischen Kirche nehmen.

Die argentinische Flagge vor dem Petersdom (Foto: Reuters)

Argentinier vor dem Petersdom - die Freude der einen ist die Enttäuschung der anderen

Historische Rivalität

Die Rivalität zwischen den Spanisch sprechenden Argentiniern und den portugiesischsprachigen Brasilianern beruht auf einer langen historischen Tradition. Sie begann 1825 im Krieg um Uruguay, als beide Länder um das Gebiet der damaligen "Colonia do Sacramento" kämpften. Heute messen beide Länder ihre Kräfte in Wirtschaft, Kultur und ganz besonders im Fußball.

So betonen argentinische Touristen in Brasilien gerne ihre europäische Herkunft, während brasilianische Besucher in Buenos Aires davon ausgehen, dass alle Argentinier Portugiesisch sprechen. Argentinier verteidigen "ihren" Tango vehement gegen brasilianischen Samba. Brasilien schickt gegen den argentinischen Dünkel der kulturellen Überlegenheit "seine" Schriftsteller Jorge Amado und Joao Ubaldo Ribeiro gegen argentinische Schwergewichte wie Jorge Luis Borges und Julio Cortázar ins Rennen. Knallharte Konkurrenz herrscht im Bereich Rinderzucht und Fleischverzehr, also zwischen argentinischem "asado" und brasilianischem "churrasco". Beim Thema Fußball verstehen die Südamerikaner gar keinen Spaß: Jede Partie avanciert zu einer Frage der nationalen Ehre.

Kein Wunder, dass in der südbrasilianischen Stadt Toledo die Kür des Erzbischofs von Buenos Aires zum Pontifex deshalb als besonders bittere Niederlage empfunden wurde. Der brasilianische Papstfavorit Odilo Pedro Scherer wirkte hier Ende der 1970er Jahre als Seelsorger und Hochschullehrer. "Wir sind frustriert", beschreibt Bewohnerin Adriana Saladini die Stimmung, "insbesondere, weil der Papst ein Argentinier ist".

Prüfstein Weltjugendtag

Jubelnde Argentinier (Foto: Reuters)

Nach der Papstwahl: Jubel überall in Argentinien

In Wirklichkeit kann sich weder Argentinien noch Brasilien die gepflegte Feindschaft leisten. Denn der Countdown zur lateinamerikanischen Verbrüderung läuft. Vom 23. bis 28. Juli werden über zwei Millionen Menschen beim Weltjugendtag in Rio de Janeiro erwartet – und natürlich auch der neue argentinische Papst Franziskus. Am Zuckerhut wächst angesichts der Flut von Anmeldungen die Angst vor einem Verkehrskollaps.

Die Organisatoren rechnen mit einem Ansturm von Jugendlichen aus den südamerikanischen Nachbarländern, die sich nicht die Gelegenheit entgehen lassen wollen, "ihren" Papst leibhaftig zu erleben. Flüge, Übernachtungsmöglichkeit, Verpflegung und öffentlicher Transport - für Rio de Janeiro, das sich gleichzeitig auf die Fußball-WM und die Olympischen Spiele vorbereitet, wird das erste Glaubensfest mit einem lateinamerikanischen Papst zu einer logistischen Herausforderung.

Das Glaubensfestival avanciert somit zum Prüfstein für die argentinisch-brasilianischen Beziehungen. Ex-Coach Mario Zagallo ist - typisch brasilianisch - zuversichtlich, dass der neue Papst das nachbarschaftliche Verhältnis beflügeln wird: "Die Wahl des neuen Papstes an dem 13. Tag eines Monats im Jahr 2013 ist ein besonderer Zufall", erklärte er gegenüber der brasilianischen Tageszeitung "O Globo". "Für mich ist 13 ist eine Glückszahl, deshalb wird der Papst glücklich sein."

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