Enttäuscht vom Nachbarn Deutschland | Deutschland | DW | 18.12.2017
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Ein Jahr nach dem Terror-Anschlag von Berlin

Enttäuscht vom Nachbarn Deutschland

Die polnische Familie des ermordeten LKW-Fahrers Lukasz Urban hat mehr von der Bundesregierung erwartet. Urban war das erste Opfer des Weihnachtsmarkt-Anschlags in Berlin. Frank Hofmann traf die Angehörigen in Polen.

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Opfer fühlen sich im Stich gelassen

Janina Urban hat den Wohnzimmertisch gedeckt: Ein Teller voll mit Weihnachtsplätzchen und noch einer mit Berliner Pfannkuchen mit roter Marmelade darin und Zuckerguss oben drauf. Ihr Sohn Lukasz Urban war das erste Terror-Opfer des Anschlages auf den Berliner Weihnachtsmarkt am 19. Dezember 2016. Der lebensfrohe polnische Fernfahrer, den der Attentäter Anis Amri laut Ermittlern erschoss, um dessen Sattelschlepper zu stehlen. Damit tötete Amri dann auf dem Breitscheidplatz weitere elf Menschen, mehr als 70 wurden verletzt. Eine monströse Tat, die seither Janina Urban und ihren Mann Henryk jeden Tag beschäftigt.

Ein Jahr nach dem Terror-Anschlag am Breitscheidplatz in Berlin (DW/M. Majerski)

Mutter Janina Urban ist in tiefer Trauer: Zehn Jahre vor dem Mord an Fernfahrer Lukasz Urban ist sein Bruder verstorben

Sie leben im Parterre ihres Hauses, im Stockwerk darüber ihr Enkel mit Schwiegertochter Suzana Urban, der Witwe. Ihr Mann Lukasz Urban war einen Tag zu früh an seinem Zielort angekommen. Er hatte sich auf eine Nacht im Führerhaus am Berliner Westhafen eingestellt, um Tags darauf seinen Sattelschlepper mit mehreren Tonnen Stahl entladen zu lassen.

Jetzt steht sein gerahmtes Portrait auf der Kommode im Wohnzimmer. Am Tisch sitzen Mutter und Vater Urban. Die Augen von Janina Urban liegen in tiefen Höhlen: Aus ihnen sprechen Trauer und Verbitterung. Es gibt Kaffee.

Ein Jahr nach dem Terror-Anschlag am Breitscheidplatz in Berlin (DW/F. Hofmann)

Das Grab von Lukasz Urban in Banie

Denkmal für die Opfer

Lange haben Mutter und Vater mit sich gerungen, draußen auf dem Hof, ob sie mit uns sprechen. Jetzt möchten sie sich als gute Gastgeber zeigen. "Ich verstehe schon lange gar nichts mehr", sagt Vater Henryk Urban. Zehn Jahre vor dem Anschlag war Lukasz Urbans Bruder verstorben. Jetzt liegen die Geschwister nebeneinander auf dem Friedhof im benachbarten Ort Banie. In die Trauer mischt sich Wut. Vor allem Mutter Janina kann kaum ihre Gefühle gegenüber der deutschen Bundesregierung verbergen - vorneweg Bundeskanzlerin Angela Merkel. Ein persönliches Signal hätten sie sich gewünscht - "ein persönliches Kondolenzschreiben" zum Beispiel.

In der Vorweihnachtswoche wird nun das Denkmal für die Opfer des Anschlags auf den Stufen vor der Berliner Gedächtniskirche gemeinsam mit den Angehörigen eingeweiht. Dann soll dort auch der Name Lukasz Urban auf eine der Treppenstufen auf dem Breitscheidplatz mit einer goldfarbenen Legierung gegossen werden. "Doch was für ein Symbol", sagt Vater Henryk Urban, "soll das sein - ein Name auf einer Treppe?" Die Stadt Berlin hatte gemeinsam mit den Opfer-Angehörigen ein Kuratorium gegründet, das im Einvernehmen das Denkmal an der Gedächtniskirche ausgewählt hat. Doch bei den Eltern des getöteten Fernfahrers mischt sich vieles: die Trauer und die schiere Unmöglichkeit, die persönlichen Folgen dieses Terror-Anschlages in einem Jahr zu verarbeiten.

Ein Jahr nach dem Terror-Anschlag am Breitscheidplatz in Berlin (DW/M. Majerski)

Vater Henryk Urban kommt jeden zweiten Tag mit seiner Frau Janina auf den Friedhof, um die Gräber der beiden Söhne zu pflegen

Zwischen Masuren und Brandenburg

Vom Wohnzimmer der Urbans öffnet das Fenster den Blick auf die Hauptstraße von Roznowo, einem kleinen Straßendorf in flacher Landschaft des polnischen Teils Westpommerns. Die Grenze nach Deutschland entlang der Oder ist in 15 Autominuten erreicht. Es ist ein verkehrsgünstig gelegener Landstrich südlich von Stettin - nicht weit von der polnischen Autobahn Richtung Masuren und der deutschen nach Berlin und Hamburg.

 Straßendorf Roznowo (DW/M.Majerski)

Der Heimatort des getöteten Fernfahrers Lukasz Urban ist ein Straßendorf wie viele in Westpommern südlich von Stettin: Verkehrsgünstig gelegen zwischen deutschen und polnischen Autobahnen

Bis 1945 gehörte der Landstrich zum Deutschen Reich. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und der Deutschen Einheit fragten sich viele Beobachter, wie sich das Verhältnis der Polen rechts und der Deutschen links der Oder entwickeln wird. "Berlin war für Lukasz wie Stettin", sagt Vater Henryk. Zehn Jahre saß der Sohn schon hinterm Lenkrad - und immer wieder fuhr er gerne auf die andere Seite der Grenze.

Die deutsche Hauptstadt und das benachbarte Bundesland Brandenburg waren der Familie sympathisch. "Da gibt es feine Menschen auf der anderen Seite der Grenze", sagt Henryk Urban. Aber die Regierung, die Behörden, offizielle Stellen - die seien "respektlos".

Ein Jahr Trauer

Lukasz Urban wurde von einem islamistisch motivierten Terroristen erschossen, der zwar lange von der deutschen Polizei beobachtet worden war - aber nicht mehr in den Wochen vor dem Anschlag. Von der Firma, "die Lukasz in Berlin hat warten lassen, war nie jemand da, niemand hat sich entschuldigt", sagt Henryk Urban. Wenn der Fernfahrer auf dem Firmengelände von Thyssen-Krupp hätte übernachten können, wäre er heute vielleicht noch am Leben, sagt der Vater. "Zwei Deutsche Fernfahrer haben Sie zuvor auf das Gelände gelassen."

Katholische Andacht in Roznowo (DW/M.Majerski)

Katholische Andacht in der Dorf-Kapelle von Roznowo: Der Pfarrer kommt immer mal wieder aus dem größeren Ort Banie, wo jeden Sonntag Hauptgottesdienst ist

Nach Ansicht von Psychologen verfestigen sich negative Einstellungen, wenn berechtigten Erwartungen zu lange nicht entsprochen wird. Janina Urban ist gläubige Katholikin. "Unser Pfarrer hat mir sehr geholfen", sagt sie. Pfarrer Tadeusz Giedrys hält später eine Andacht zwei Häuser weiter in der Kapelle des Straßendorfes, die bis 1945 eine evangelische Kirche war. "Es gibt viele Tragödien in dieser Familie", sagt er. "Lukasz' Mutter hat ihren zweiten Sohn verloren, es war ein zweiter starker Schlag. Ich habe diesen Nervenzusammenbruch gesehen. Da ist es wichtig, dass man mehr unter Menschen ist."

Vorgezeichnete Berufs-Wahl

Die Kaffee-Tasse ist halbleer, da steht Janina Urban auf und holt eine Foto-Schachtel aus dem Nebenzimmer: Lukasz Urban als Baby, Kind und Jugendlicher, meist mit einem Lächeln, ein Teenager mit längeren, leicht gewellten Haaren. Nur drei Jahre vor seiner Geburt war die Mutter von einem kleinen Ort an der polnisch-weißrussischen Grenze auf der anderen Seite Polens nach Roznowo gezogen. Sie begann, in einem Transportkombinat als Sachbearbeiterin zu arbeiten. Die Branche war für den Sohn vorgezeichnet.

Die deutsche Kanzlerin - Tochter eines evangelischen Pfarrers - hat nicht weit entfernt von den Urbans in Brandenburg ein Haus. Mutter Urban geht es um die Gesten nach dem Anschlag. Von polnischer Seite sei der Präsident zur Beerdigung ihres Sohnes gekommen.

Bis heute sitzt der Schock tief, dass ihr Sohn ganz zu Anfang in den Medien noch selbst als Attentäter gehandelt worden war. Und dann sagt Janina Urban diesen einen Satz: "Ich möchte Frau Merkel sagen, dass sie das Blut meines Sohnes an ihren Händen hat." Monatelang denkt sie schon über diesen Satz nach, darüber, was sie beim Zusammentreffen mit der deutschen Bundeskanzlerin und den Opfer-Angehörigen an diesem Montag sagen wird. Ein brutaler Satz. Doch einer, der die Enttäuschung dieser polnischen Mutter, die ihren Sohn durch den islamistisch motivierten Terror verloren hat, dokumentiert.

Die Opfer-Angehörigen haben Anfang Dezember einen offenen Brief an Angela Merkel geschrieben und beklagt, dass sie nicht frühzeitig die Angehörigen besucht hat. Einerseits - andererseits beklagen sie das Versagen der Behörden im Antiterrorkampf.

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Interview mit Kurt Beck, Opfer-Beauftragter

Opferbeauftragter Kurt Beck

Im März 2017 hat die Bundesregierung den früheren rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck (SPD) zum Beauftragten für die Belange der Opfer-Angehörigen ernannt. Er beklagt "Fehleinschätzungen" der CDU/CSU-SPD-Regierung: Der damalige Bundespräsident Joachim Gauck hatte sich persönlich mit den Angehörigen getroffen, "aber eben nicht die Bundeskanzlerin - das ist von den Betroffenen als deutliches Manko empfunden worden", so Beck.

An das Treffen mit dem deutschen Bundespräsidenten habe sie eine gute Erinnerung, sagt Janina Urban. Auch die Betreuung beim Besuch der Opfer-Angehörigen auf dem Berliner Breitscheidplatz zwei Monate nach dem Anschlag sei sehr einfühlsam gewesen. Der frühere Mecklenburger Pfarrer Joachim Gauck habe sie auf den Geburtstag ihres Sohnes Lukasz angesprochen, seinen 38. Er wäre kurz vor dem Treffen gewesen. Gauck war vorbereitet. "Das hat mich beeindruckt."

Der Cousin ist wütend

Janina Urban hat von der Ermordung ihres Sohnes durch den Anruf ihres Neffen erfahren. Der Cousin Lukasz Urbans war auch sein Chef: Der Spediteur Ariel Zurawski. Der steht am Tag nach dem Gespräch bei Mutter und Vater Urban in einem mit Neonlicht erleuchteten Ein-Zimmer-Büro in Gryfino, der polnischen Grenzstadt an der Oder zum deutschen Brandenburg. Er ist außer sich. In Berlin wird er von dem Rechtsanwalt Stefan Hambura vertreten.

Ein Jahr nach dem Terror-Anschlag am Breitscheidplatz in Berlin (DW/M. Majerski)

Zum Gedenken an Lukasz Urban: Zehn Jahre arbeitete er als Fernfahrer. Er wurde nur 37 Jahre alt.

Ariel Zurawski hofft noch immer auf Schadenersatz aus Deutschland. Auch er trauert um seinen Cousin Lukasz, "meinen besten Fahrer". Über seinen Anwalt in Berlin kämpft er um weitere Entschädigung. Gerüchte machen die Runde, vielleicht habe die Berliner Polizei ja seinen Cousin im Führerhaus erschossen. In Stettin soll die dortige Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen verlängert haben.

Vor allem aber spricht aus Ariel Zurawski Wut. Er hat 10.000 Euro Opferentschädigung erhalten wie andere Angehörige auch - in seinem Fall über einen Sondertopf des Auswärtigen Amtes. Doch sein Schaden liege "um das Zehnfache höher", sagt der Spediteur. Und dann ist da wieder so ein Satz, der vieles erklärt: "Wissen Sie, das ist doch dieser typische Ansatz der Deutschen, also vielleicht nicht aller Deutschen aber vieler, uns Polen gegenüber: Wenn du Pole bist, steht Dir nichts zu. Das ist die Wahrheit!"

Viele Telefonate für den Spediteur

Der Opferbeauftragte Kurt Beck sieht das anders. In mehreren Telefonaten habe er sich für Ariel Zurawski eingesetzt, sagt der frühere Ministerpräsident eine Woche später beim Interview im Bundesjustizministerium. Bis hin zum schwedischen Hersteller des Sattelschleppers, der Zurawskis Leasing-Raten inzwischen ausgesetzt hat.

Ein Jahr nach dem Terror-Anschlag am Breitscheidplatz in Berlin (DW/M. Majerski)

Spediteur Ariel Zurawski: Cousin und Chef des Ermordeten

Beck hat, seit er die Aufgabe im März 2017 übernommen hat, das Leid der Angehörigen so nah erlebt, wie kein anderer hochrangiger Vertreter staatlicher Stellen. "Mehr helfen konnte man überhaupt nicht", sagt er über das Anliegen von Spediteur Ariel Zurawski. Und, sagt Beck: "Ich glaube, dass wir alle in Deutschland zwar immer gesagt haben: So etwas kann bei uns passieren wie in Frankreich. Aber wirklich darauf eingestellt waren wir nicht."

Allerdings - man hätte genau hinschauen können, wie zum Beispiel Frankreich nach den Anschlägen von Paris und Nizza reagiert hat: Staatstrauer, jedes Opfer wurde behandelt als Opfer eines Angriffs auf Frankreich. "In meinem Fall hat sich nichts bewegt, wir warten immer noch auf irgendwelche Aktionen von der deutschen Seite", sagt Spediteur Zurawski.

Sein Cousin Lukasz Urban liegt auf dem Friedhof von Banie. Kein Straßendorf, eher eine Kleinstadt - aber an derselben Hauptverbindungsstraße, über die die Lastwagen zwischen den Autobahnen Richtung Osten oder Westen rasen. Auf dem Friedhof, neben den Gräbern von Lukasz und seinem Bruder, liegt das Grab der Großeltern Urban. Dazwischen ist eine leere Stelle, die mit Kunstrasen überdeckt ist. Auf den vier Ecken stehen Blumentöpfe, damit das Grün nicht wegfliegt. Es ist die Grabstelle, die sich Janina Urban gesichert hat - für sich und ihren Mann.

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