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Tennis

Entsetzen nach der Hymnen-Panne

Der Trip auf die Trauminsel Hawaii wird für das deutsche Fed-Cup-Team zum Albtraum. Doch Verletzungspech und Wetterchaos sind nichts gegenüber dem Hymnen-Skandal der Gastgeber. Entsprechend fallen die Reaktionen aus.

Andrea Petkovic spielt eine Vorhand im FedCup-Spiel gegen Alison Riske aus den USA auf Hawaii (Foto: USA Today Sports)

Petkovic spielt gegen die US-Amerikanerin Riske - doch ist die Deutsche alles andere als gut drauf

Der Vollständigkeit halber: Die deutschen Tennis-Damen haben nach einer 0:4-Niederlage gegen Rekordsieger USA den Einzug in das Halbfinale im Fed Cup verpasst und müssen um den Verbleib in der Weltgruppe bangen. Andrea Petkovic verlor am Sonntag in Lahaina gegen Coco Vandeweghe in drei Sätzen. Damit geriet die Auswahl von Teamchefin Barbara Rittner auf Hawaii uneinholbar mit 0:3 in Rückstand. Im anschließenden Doppel mussten die angeschlagene Laura Siegemund und Carina Witthöft sogar noch aufgeben. Tags zuvor hatte sich Petkovic Alison Riske geschlagen geben müssen und Julia Görges konnte die wegen Regens abgebrochene Partie gegen Vandeweghe wegen einer Knieverletzung nicht fortsetzen. Deutschland spielt nun Ende April in der Relegation gegen den Abstieg aus der Weltgruppe der besten acht Nationen. Doch das Sportliche geriet in den Hintergrund.

Grund ist eine nicht für möglich gehaltene Panne der Gastgeber bei der Eröffnungszeremonie des Fed-Cup-Duells: Der Stadionsprecher hatte gerade mit den üblichen Freundlichkeiten beide Teams auf dem Center Court in Lahaina begrüßt. Nur wenige Sekunden nachdem er die Zuschauer mit den Worten "Bitte erheben Sie sich für die Nationalhymnen" zum Aufstehen aufgefordert hatte, begann der Solist zu singen. Nach den ersten vier Worten schauten sich die Spielerinnen und Teambetreuer ungläubig an. Görges fing an zu weinen, Co-Trainer Dirk Dier schlug fassungslos die Hände vors Gesicht.

Denn der Sänger hatte bei der Nationalhymne nicht die übliche dritte, sondern die erste Strophe des Deutschlandliedes geschmettert, die mit den Worten "Deutschland, Deutschland über Alles" beginnt - und die in der Zeit des Nationalsozialismus mit dem heute verbotenen NS-Kampflied "Horst-Wessel-Lied" gesungen wurde. Mannschaft und Zuschauer stimmten "Einigkeit und Recht und Freiheit" an, was aber gegen die Lautsprecher-verstärkte Stimme keine Chance hatte.

 (Foto: picture-alliance/dpa/W. Müller)

Petkovic (r.) zeigt beim Absingen der Nationalhymne auf die deutschen Fans, die "Einigkeit und Recht und Freiheit" singen

"Traurig und schockierend"

Während Görges sofort die Tränen in die Augen schossen, dachte Petkovic - wie sie später sagte - für einen kurzen Moment daran, das Stadion zu verlassen. Und Teamchefin Rittner überlegte, dem Sänger das Mikrofon zu entreißen. Lange debattierten die deutschen Tennis-Damen über den "traurigen und schockierenden Moment", wie es Rittner formulierte. Noch Stunden nach dem Vorfall schimpfte sie drastisch: "Das war ein absoluter Scheiß-Tag."

"Das ist mit Abstand das Schlimmste, was mir jemals passiert ist in meinem Leben. Das war das absolut Letzte, das absolut Allerletzte", sagte Petkovic kurz nach dem Skandal. "Das war der Inbegriff der Ignoranz. Wir sind in 2017, wir sind im 21. Jahrhundert. Und dann kann und darf so etwas nicht mehr passieren." Einmal in Rage, fuhr die 29-Jährige unmissverständlich fort: "Ich habe mich noch nie in meinem Leben so respektlos behandelt gefühlt. Wenn wir irgendwo in Timbuktu spielen oder weiß der Geier wo, okay, aber in Amerika? Dass so etwas passiert, ist echt bezeichnend und eine absolute Unverschämtheit, eine Frechheit in meinen Augen."

"Mit Abstand und etwas mehr Rationalität", erläuterte Petkovic später: "Es ist nicht das Schlimmste, das mir im Leben je passiert ist. Aber es ist das Schlimmste, das mir in meinem Fed-Cup-Leben passiert ist." Besonnen aber in seinen Worten unmissverständlich sagte auch der Präsident des Deutschen Tennis Bundes (DTB) Ulrich Klaus: "Die Tatsache, dass im Jahr 2017 eine falsche Hymne gespielt wird, die man mit viel Grausamkeit aus der lange zurückliegenden Vergangenheit assoziiert, war für die Spielerinnen, die Betreuer, die anwesenden Funktionäre sowie die deutschen Fans gleichermaßen verstörend wie schockierend."

Entschuldigung der USTA

Wie es zu dem verhängnisvollen Fehler kommen konnte, war den Verantwortlichen des ausrichtenden US-amerikanischen Tennisverbandes (USTA) zunächst unerklärlich. Der USTA zeigte sich peinlich berührt und entschuldigte sich "aufrichtig" bei der deutschen Mannschaft und deren Fans. "Es war in keinster Weise respektlos gemeint. Dieser Fehler wird sich nicht wiederholen", hieß es in einer eilig verbreiteten Pressemitteilung der USTA. Verbandspräsidentin Katrina Adams hatte sich bei Rittner sofort persönlich entschuldigt. Adams kündigte eine "lückenlose Aufklärung" des "schlimmen Vorfalls" an. Absicht wollte niemand den Gastgebern unterstellen.

Klaus berichtete im Interview mit dem Deutschlandfunk, dass er die Verantwortlichen des Turniers nach einer Schrecksekunde direkt auf den Fehler aufmerksam gemacht habe. "Ich muss ehrlich sagen: Ich war erst einmal sprachlos." Er selbst habe im persönlichen Gespräch bemerkt, dass den Verantwortlichen die Hymnen-Panne "hochpeinlich" gewesen sei, sagte der DTB-Präsident in der Sendung "Sport am Sonntag". Klaus geht von einem Missgeschick aus: "Die Amerikaner wussten nicht, was der Sänger da gesungen hat."

Die Frage der Ursache

Der Präsident des Deutschen Tennis-Bundes (DTB) Ulrich Klaus im Porträt (Foto: picture-alliance/dpa/A. Dedert)

DTB-Präsident Ulrich Klaus: "Ersteinmal sprachlos"

Auf Nachfrage der DW sagte Felix Grewe, Pressesprecher des Deutschen Tennis Bundes, dass auch der Verband nicht erklären könne, wie es zu der Panne der Amerikaner kommen konnte. "Grundsätzlich gibt es bei Davis- und Fed-Cup-Veranstaltungen Organisationsteams, die sämtliche Abläufe in der Regel bis ins Detail planen. Fehler sind jedoch leider menschlich und können nie gänzlich ausgeschlossen werden", so Grewe.

Auch ohne die genauen Gründe für die falsche Hymne zu kennen, saß der Stachel bei Klaus und den deutschen Tennis-Damen am Wochenende tief. Allerdings, so betonte der DTB-Präsident, glaube er nicht, dass der Eklat Einfluss auf die sportliche Leistung der deutschen Fed-Cup-Spielerinnen gehabt habe.

ck/jw (dpa, sid, DLF)