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Ostmitteleuropa

Entscheidungen über Leben und Tod

- Ungewollte Schwangerschaften in Ungarn und ihre oft verheerenden Folgen

Budapest, 18.10.2004, BUDAPESTER ZEITUNG, deutsch

"Csecsemõgyilkosság" bedeutet auf Deutsch "Baby-Mord" – ein Thema, das in

Ungarn ein erschreckend großes Problem ist. In der letzten Zeit häufen sich Fälle, in denen ein neugeborenes Kind tot aufgefunden wurde. Nun ist das Strafmaß verschärft worden, wonach gegen Mord an Kleinkindern inzwischen ebenso hart und härter vorgegangen werden kann wie gegen Mord an Erwachsenen. Daneben sollen Babyklappen die Mütter davon abhalten, ihrem Kind Leid anzutun. (...)

Nach inoffiziellen Angaben werden im Jahr fast 25 Babys sofort nach der Geburt umgebracht, und die Tendenz geht nur langsam zurück.

Um dagegen strenger vorgehen zu können, wurde das entsprechende Gesetz in Ungarn kürzlich insofern geändert, als dass gegen Tötungsdelikte von Kleinkindern nun ebenso hart und teilweise härter vorgegangen werden kann wie gegen Mord an Erwachsenen. Zwei dieser strafrechtlichen Fahndungen laufen bereits. Die beschuldigten Mütter müssen nun mit einem Leben hinter Gittern rechnen. Noch vor ein paar Jahren lag das Strafhöchstmaß für Baby-Mord bei zwei Jahren Freiheitsentzug. (...)

Die Babyklappen sind in etlichen Krankenhäusern im ganzen Land eingerichtet worden, nachdem es bereits 1996 zu einer Häufung von Kindstötungen gekommen war. Mütter können hier bis heute anonym ihre ungewollten Kinder abgeben und kommen so hoffentlich erst gar nicht auf den verzweifelten Gedanken, diese zu töten. Die Idee mag zwar innovativ wirken, geht aber zurück in die Zeit des Mittelalters, als die Kirche sich um jene Kinder kümmerte, die auf den Kirchenstufen abgelegt oder in dafür vorgesehenen Klappen geschoben worden waren.

Insgesamt sind die Babyklappen in Ungarn sehr gut angenommen worden. Das Krankenhaus Schöpf-Mérei auf der Ráday utca war das erste Krankenhaus in Ungarn, das diesen "Service" angeboten hat. In den vergangenen acht Jahren hat die Einrichtung insgesamt 17 Babys gerettet und führt damit landesweit die Liste an. Die Klappe befindet sich zwischen zwei Türen in der Nähe der Krankenhausrezeption. Nachdem die Mutter ihr Kind abgeliefert hat, muss sie eine Klingel betätigen, damit das Personal sich sofort um das Baby kümmern kann.

Zita Budavári ist Vorsitzende der Nichtregierungsorganisation Wiegenstiftung (Bölcsõ Alapítvány). Sie erzählt, dass Frauen in den ersten Stunden des Schocks nach einer geheimen und ungewollten Geburt oft nicht fähig seien, eine rationale Entscheidung darüber zu treffen, ob sie ihr Kind behalten wollen oder nicht. Für die meisten Frauen beginnt der Schock aber schon während der Schwangerschaft und endet manchmal mit dem Suizid: Nach Angaben des Internetportals www.babaszoba.hu (Babyraum) begehen jährlich 200 Frauen in Ungarn wegen einer ungewollten Schwangerschaft Selbstmord.

Ungarn hat sich seit der politischen Wende zwar im Bereich der demographischen Statistiken den westlichen Ländern angenähert, bei den Abtreibungen bewegt sich das Land im Gegensatz zu anderen mittelosteuropäischen Ländern von der westlichen Tendenz weg. Während in den meisten Ländern die Abbruchrate seit 1990 leicht abgenommen hat, ist in Ungarn ein Anstieg von fast 20 Prozent zu verzeichnen. Nach der Statistik-Website www.nationmaster.com ist Ungarn im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung unter den aufgelisteten 100 Staaten das Land mit der dritthöchsten Abtreibungsrate. Auf 1.000 Ungarn kommen 7,66 Abbrüche. Bei den Amerikanern sind es 4,17, in Kanada 2,19.

In den ersten drei Monaten 2004 wurden 30.290 Babys in Ungarn geboren – das sind 361 weniger als im Vorjahreszeitraum und die geringste Anzahl seit dem Zweiten Weltkrieg. (fp)

  • Datum 19.10.2004
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