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Kultur

Entpuppt und überführt

Eine alte Frau wird tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Ihre Pflegerin behauptet, sie regelmäßig betreut zu haben. Doch die Staatsanwaltschaft vermutet einen Fall von Vernachlässigung. Den Fall klärt - eine Fliege.

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Insekten? Igitt! Aber sie können bei Kriminalfällen helfen

Mark Benecke ist forensischer Entomologe - sprich: ein Insektenkundler der Gerichtsmedizin. Er weiß, welche Spuren Leichensiedler auf den Toten hinterlassen. Neuerdings nutzt er dieses Wissen auch um zu beurteilen, ob ein pflegebedürftiger Mensch vernachlässigt wurde. Und dieses Wissen macht ihn sogar international zu einem gefragten Experten.

Merkwürdige Spuren

Im Fall der toten Frau aus einem Kölner Mietshaus beginnt er mit der Ermittlungsarbeit und untersucht die Leiche. "Man kann erkennen, dass vom Fuß rötliche Kriechspuren weggehen, die sind zum Teil gerade und zum Teil gekrümmt", erläutert Benecke. "Da weiß ich also, dass durch die ausgetretene Leichenflüssigkeit irgendetwas durchgekrochen sein muss - wahrscheinlich Maden." Vor der Puppenruhe wandern die Maden von der Leiche herunter. Sie bringen sich vor anderen Aasfressern in Sicherheit. Daher die Spuren.

Etwas ist aber merkwürdig an der toten Frau: Ihr Auge blieb völlig intakt, obwohl der Rest der Leiche stark ausgetrocknet ist. Sie sieht fast schon aus wie eine Mumie. "Das kann aber nicht sein, weil Schmeißfliegen, die immer als erste Insekten bei einer Leiche auftauchen, normalerweise ihre Eier in den Augen ablegen und da auch zuerst fressen", erklärt der Gerichtsmediziner. Mit ihren Mundhaken hätten die Larven unermüdlich Gewebsfetzen aus dem Auge schaben und vor dem Fressen mit enzymhaltigem Schleim vorverdauen müssen. Doch nichts deutet auf einen solchen Fressmarathon hin.

Wer war's?

Und noch etwas findet Benecke bemerkenswert: "Der Kopf ist wie vertrocknet, mumifiziert, der Oberkörper aber relativ gut intakt." Aber eine Linie läuft etwas über dem Bauchnabel von links nach rechts wie eine Hosenlinie. Ab dieser Linie sehen die Beine und der Genitalbereich stärker zersetzt aus als der Rest des Körpers. "Das könnte für uns dann ein Hinweis darauf sein, dass da irgendetwas war, bevor die Frau gestorben ist, was die Zersetzung beschleunigt hat", meint der Insektenkundler.

In der Küche der Verstorbenen findet der junge Wissenschaftler tote Fliegen. Sie liegen rücklings auf der Fensterbank. Schmeißfliegen schimmern häufig metallisch-blau oder gold-grün. Doch diese hier scheinen schwarz. Benecke sammelt die Fliegen ein, um sie unter dem Mikroskop zu identifizieren. Es stellt sich heraus, dass alle Tiere Stallfliegen sind. Ein Blick ins Lehrbuch verrät, dass diese Insektenart nicht an Leichen frisst. "Das erklärt auch, warum die Augen der Frau noch intakt sind, da war nie eine Schmeißfliege dran", sagt der Kriminalist.

Die Fliegenart ist der Schlüssel zur Aufklärung

Die Stallfliege legt ihre Eier nur in den Kot und Urin, der am Unterleib der vernachlässigten Frau gehaftet haben muss. Denn ohne die Hilfe ihrer Pflegerin vergaß die greise Frau, auf die Toilette zu gehen. Nachdem die Larven den ganzen Entwicklungszyklus durchlaufen hatten, sprengten sie ihre Puppenhüllen. Geschlechtsreife Stallfliegen begannen zu schlüpfen. Nach dem Tod der Frau versiegte jedoch ihre Nahrungsquelle. Ohne Kot und Urin starben die Fliegen, ohne dass sie ihre Fortpflanzung hätten sichern können.

Mit Hilfe von so genannten Entwicklungskurven kann Benecke sagen, vor wie vielen Tagen die Stallfliegen die Frau befallen haben müssen. "Nach meiner Tabelle dauert es 21 Tage bis die Stallfliege sich vom Ei bis zur schlüpfenden Puppe entwickelt", erläutert der Kriminalbiologe. Bei den Insekten, die Benecke untersucht hat, handelte es sich nicht um frisch geschlüpfte Puppen, sondern um ein paar Tage alte Tiere. Demnach hatte sich die Pflegerin seit mehr als drei Wochen nicht mehr um die alte Frau gekümmert. Und "Kommissar Fliege" hat einen weiteren Fall erfolgreich abgeschlossen.

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