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Deutschland

"Entgleisungen kann man nie ausschließen"

Marco Seliger vom Magazin des Reservistenverbandes loyal lobt die Ausbildung der Bundeswehr für Auslandseinsätze. Allerdings warnt er: "Unsere Soldaten können in einer Bedrohungslage auch mal fehlreagieren."

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Die Hände in den Schoß legen, das wird die Bundeswehr künftig nicht können

DW-WORLD.DE: In Münster stehen 18 Bundeswehrausbilder vor Gericht. Sie sollen eine Geiselnahme in einer Kaserne in Coesfeld nachgestellt haben und dabei insgesamt 163 Rekruten misshandelt haben. Waren die Ausbilder überhaupt dazu befugt, eine Geiselhaft zu üben?

loyal - Magazin für Sicherheitspolitik Marco Seliger

Marco Seliger: Nein. Befugt sind nur die Ausbilder an zwei Standorten, am UN-Ausbildungszentrum in Hammelburg und am Truppenübungsplatz Altmark in der Letzlinger Heide in Sachsen-Anhalt. Dort bildet die Bundeswehr für die Auslandseinsätze aus. Nur dort wird die Station Geiselhaft trainiert unter fachkundiger Anleitung von Soldaten und Psychologen. Soldaten können diese Ausbildung dort abrechen, wenn es ihnen zu viel wird.

Wie viel Härte muss denn in der Ausbildung sein?

Das hängt vom Einsatzort ab. Auf dem Balkan, in Bosnien-Herzegowina oder im Kosovo ist es nicht angebracht, Geiselhaft zu üben, da dort mit solchen Szenarien nicht zu rechnen ist. In Afghanistan sieht das anders aus. Die Ausbildung muss einsatznah sein, hart und fordernd, Geiselhaft kann man aber nie 1:1 üben. Man kann sich der Wirklichkeit nur annähern.

Aber "hart", was heißt das? Muss der Rekrut in seiner Ausbildung mal richtig Angst verspürt haben?

Um eine Geiselhaft oder Entführung annähernd nachvollziehen zu können, sollte ein Soldat durchaus an das Gefühl der Angst herangeführt werden. Angst ist auch ein Schutzschild und sie bewahrt oft vor Kurzschlussreaktionen. Die sind oft die Ursache dafür, dass Geiseln ums Leben kommen.

Sie haben gesagt, die Soldaten können die Übungen jederzeit abbrechen, wenn es ihnen zu viel wird. Also geht die Bundeswehr doch eher sanft um mit ihren Rekruten bei der Ausbildung für das Ausland?

Die Bundeswehr bietet Nato-weit sicher eine der besten Ausbildungen, die sich über Monate hinzieht. Man kann sicher geteilter Meinung sein, ob auch wirklich alles notwendig ist, was da ausbildet wird. Geiselhaft zu trainieren für Soldaten, die nach Bosnien gehen, da sind sicher Fragezeichen erlaubt.

Wie sieht der Vergleich mit den US-Streitkräften aus?

Solch einen Vergleich kann man nicht ziehen. Die Bundeswehr legt mehr Wert auf "interkulturelle Kompetenz", die Soldaten werden auch mit der Kultur und den Bedingungen vor Ort vertraut gemacht. Das ist bei den Amerikanern lange Zeit unterlassen worden. Es wird auch Sanitätsausbildung trainiert oder die Vorsicht vor versteckten Sprengladungen geübt. Oder die Frage, wann darf ich, wann darf ich nicht schießen. All das müssen die Soldaten trainieren. Unsere Soldaten kriechen also nicht auf dem Gefechtsfeld herum und üben martialische Dinge, die man mit der US-Ausbildung in Verbindung bringt. Das ist bei uns nicht der Fall.

Manch ein Kritiker spricht von der Verrohung der Sitten bei der Bundeswehr und erinnert dabei auch an Fotos von Bundeswehr-Soldaten mit Totenschädeln in Afghanistan. Wie empfinden Sie Aufregung darum?

Von einer Verrohung der Sitten kann man sicher nicht sprechen. Was die Totenschädel-Geschichte betrifft, hat sich ein Mitglied des Verteidigungsausschusses mir gegenüber geäußert: 'Wir haben damals in Anbetracht der Veröffentlichung der Bilder überreagiert. Wir wurden getrieben vom Druck, der von den Medien kam.' Es lag dort kein Straftatbestand vor. Sicher es sind Verfehlungen einzelner Soldaten gewesen. Ich weiß nicht, ob die Soldaten Einsatzstress hatten oder sich langweilten. Uns muss aber doch klar sein: Wenn wir junge Leute in einen Einsatz wie Afghanistan schicken, in dem Krieg herrscht - Afghanistan ist nicht Peacekeeping, sondern eine Kriegseinsatz - dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn unsere Soldaten in Kampfhandlungen verwickelt werden und dann auch ihre Waffe verwenden und auf Menschen schießen müssen.

Unsere Soldaten können in einer Bedrohungslage auch mal fehlreagieren. Das kommt in jedem Krieg vor. Inzwischen hat die Bundeswehr Lehren aus den Ereignissen aus dem Totenschädel-Skandal gezogen. Sie entwickelt ein Ausbildungskonzept zur ethischen Kompetenz von Soldaten. Aber niemand kann garantieren, dass Entgleisungen so ausgeschlossen werden können. Das geht einfach nicht.

Der Einsatzstress für deutsche Soldaten steigt. Hat die Bundeswehr die Nachbetreuung verbessert?

Ja, die Bundeswehr hat dazu gelernt nach dem Terroranschlag in Afghanistan an Pfingsten 2003. Damals starben vier Soldaten und mehr als 30 wurden verletzt. Da gab es viele Soldaten, die mit traumatischen Störungen aus Afghanistan zurückkehrten und zum Teil sogar noch heute darunter leiden. Die Bundeswehr tut inzwischen vieles mehr für die psychologische Nachbetreuung, nicht zuletzt dank der Ärzteschaft des Bundeswehrkrankenhauses in Hamburg. Das ist aber nicht genug. Die Zahl der Soldaten mit posttraumatischen Belastungsstörungen wird steigen, da die Einsatzbelastung steigen wird. Darauf ist die Bundeswehr noch nicht eingestellt. Es fehlen Ärzte und in der Truppe selbst herrscht nach wie vor bei vielen die Meinung, man sei nur dann ein starker Soldat wenn man solche menschlichen Probleme mit sich selbst ausmacht.

Der 34-jährige Marco Seliger ist verantwortlicher Redakteur von loyal, dem Magazin des Reservistenverbandes. Er selbst war mehrfach auf Auslandseinsätzen, u.a. in Afghanistan und auf dem Balkan.

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