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Europa

Ensaf Haidar ist stark für ihren Mann

Das Europäische Parlament ehrt den saudischen Blogger Raif Badawi mit dem renommierten Sacharow-Preis. Weil Badawi in Saudi-Arabien in Haft sitzt, ist seine Frau nach Straßburg gekommen. Bernd Riegert berichtet.

Die elegante Frau im ärmellosen schwarzen Kleid wirkt zierlich neben dem kräftig gebauten Parlamentspräsidenten im Anzug. Ensaf Haidar (39) sitzt auf dem wuchtigen blauen Sessel im Plenarsaal neben Martin Schulz. Der lobt eindringlich den "mutigen Kampf" der Frau des saudischen Bloggers Raif Badawi, der in Saudi-Arabien inhaftiert ist und deshalb den Sacharow-Preis für geistige Freiheit im Europäischen Parlament nicht selbst entgegennehmen kann. "Raif ist kein Verbrecher, sondern ein freier Geist!", sagt Ensaf Haidar mit klarer und dennoch dünner Stimme an die Adresse der saudischen Behörden gewandt. Die Europaabgeordneten applaudieren lange.

Das Europaparlament verleiht den Sacharow-Preis an Raif Badawi (Foto: dpa/picture alliance)

Preisverleihung: Ensaf Haidar mit einem Bild ihres Mannes Raif Badawi und EU-Parlamentspräsident Martin Schulz

"Lassen Sie Badawi frei!"

Ihr Präsident, Martin Schulz, fordert Salman, den König von Saudi-Arabien, persönlich auf, "Raif Badawai zu begnadigen und so schnell wie möglich zu seiner Familie zurückkehren zu lassen". Auch Ensaf Haidar klatscht und lächelt ein wenig. Die Solidarität tut ihr gut. Nur einmal im Monat darf sie mir ihrem Mann telefonieren, der gerade in Isolationshaft genommen wurde und in den Hungerstreik getreten ist.

"Mein Mann fragt mich dann immer, ob die Kinder ihn noch nicht vergessen haben", erzählt die dreifache Mutter Martin Schulz vor ihrem gemeinsamen Auftritt im Plenum. "Nein, antworte ich dann, die Kinder haben dich nicht vergessen." Seit 2012 sitzt Raif Badawi wegen seines kritischen Internetforums in Haft. Zunächst war er wegen Abfalls vom Islam zur Todesstrafe verurteilt worden. Die Strafe wurde später in zehn Jahre Haft und 1000 Peitschenhiebe umgewandelt. 50 hat er bislang bekommen.

"Wir sind Raif"

"Das ist bestialisch", empört sich die Vorsitzende der Grünen-Fraktion im Europäischen Parlament, Rebecca Harms, im Gespräch mit der Deutschen Welle. "Die EU-Staaten müssen ihre Beziehungen nutzen und auf die Saudis stärker einwirken, um zu erreichen, dass diese bestialische Strafe nicht weiter vollzogen wird", fordert Harms.

Ensaf Haidar ist drei Tage in Straßburg durch alle Fraktionen unterwegs, gibt Interviews, wirbt für die Sache ihres Mannes. Die Öffentlichkeit ist ihre einzige Waffe. Sie lebt von staatlicher Unterstützung, hat jetzt ein Buch geschrieben, das ihr Leben mitfinanzieren soll. "Wir müssen dafür sorgen, dass Raif Badawi und viele andere in Saudi-Arabien nicht vergessen werden. Auch dazu dient natürlich der Sacharow-Preis für geistige Freiheit", sagt Martin Schulz vor Journalisten. Da lächelt Ensaf Haidar wieder ein wenig. "Es ist der 15. Preis, den ich diesem Jahr für Raif entgegennehme."

Das Europaparlament verleiht den Sacharow-Preis an Raif Badawi - Ensaf Haidar (Foto: DW/Riegert)

Ensaf Haidar hat Hoffnung, dass ihr Mann freikommt

Weil sie in Saudi-Arabien massiv bedroht wurde, musste Ensaf Haidar mit ihren drei Kindern nach Kanada auswandern. Von dort aus reist sie nun um die Welt, um die Freilassung ihres Mannes zu erreichen. Unter Anspielung auf die Reaktionen auf die Terroranschläge in Paris sagt Ensaf Haidar: "Ich bin Raif. Wir sind Raif." Die Abgeordneten bittet sie um eine Schweigeminute für die Terroropfer, bevor sie spricht. Die Parlamentarier und die Zuschauer auf den Tribunen erheben sich. "Das wäre der größte Wunsch meines Mannes gewesen, wenn er hier sein könnte", sagt sie.

Raif Badawi ist präsent im Plenarsaal. Seine Frau trägt ein großes schwarz-weißes Foto vor sich her, hält es den Fernsehkameras entgegen. "Mein Mann träumt von einer besseren Welt, die Andersdenkende akzeptiert." Das Joch der Theokratie in der arabischen Welt müsse abgeworfen werden, fordert Ensaf Haidar fast leise mit ruhiger Stimme. Während ihrer Rede steht das Foto auf einer blauen Säule neben ihr.

Massive Kritik an Saudi-Arabien

"Raif Badawi verdankt seine Stärke auch der Stärke seiner Frau. Das war schon so, bevor er inhaftiert wurde", meint Rebecca Harms von den Grünen. "Ensaf Haidar ist sehr beeindruckend." Der Präsident des Europäischen Parlaments ist ebenfalls schwer beeindruckt und sichtlich gerührt vom Auftritt der Preisempfängerin. In ihrem und im Namen des ganzen Parlaments fordert er von Saudi-Arabien, weitere saudische Dissidenten freizulassen und die Frauen im Königreich den Männern gleichzustellen.

"Man muss sich nur einmal vorstellen, dass so ein Land im Menschenrechtsausschuss der Vereinten Nationen sitzt", gibt Martin Schulz zu bedenken. "Europa ist zum Dialog über Menschenrechte mit Saudi-Arabien jederzeit bereit." Keine Terrorbekämpfung, kein Waffengeschäft und kein Ölhandel sollte es davon abhalten, für Menschenrechte einzutreten.

Das Europaparlament verleiht den Sacharow-Preis an Raif Badawi - Plakat (Foto: DW/Riegert)

In Haft in Saudi-Arabien und doch allgegenwärtig im Parlament: Raif Badawi, geformt aus arabischen Schriftzeichen

Der außenpolitische Experte der konservativen Fraktion im Parlament, Michael Gahler, klatscht da natürlich auch Beifall. Das Verhalten der Saudis sei inakzeptabel. "Ich kann mir die Welt ja nicht aussuchen oder schön malen", schränkt Gahler im Gespräch mit der DW ein. Man brauche die Saudis eben auch, wenn man zum Beispiel in Syrien zu einer Lösung kommen wolle.

"Wenn ich mir die Region anschaue, dann gibt es da US-amerikanische und russische Interessen. Das sind die ganz Großen. Dann gibt es die Türken und die Iraner und eben die Saudis. Wenn diese Interessen dazu führen, dass in einem Land wie Syrien seit über vier Jahren Bürgerkrieg herrscht, dann ist das eine Situation, auch mit den Auswirkungen auf Europa, die nicht akzeptiert werden kann."

"Denken legt Lügen offen"

Ihr Mann Raif sei kein Politiker nur ein Denker, der sich nicht einschüchtern lasse, sagt Ensaf Haidar. Die saudischen Mächtigen fürchteten offenbar, "dass Denken ihre Lügen offen legen könnten". Aus den Händen von Parlamentspräsident Schulz nimmt Ensaf Haidar die blaue Urkunde des Sacharow-Preises entgegen. Hoffentlich bald, so wünscht sich Schulz, werde der eigentliche Preisträger Raif Badawi frei sein und nach Kanada ausreisen können. "Ich hoffe, dass wir ihn dann persönlich auch hier begrüßen können." Ensaf Haidar lächelt tapfer und klatscht. Das ist auch ihre Hoffnung.

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