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Bildung

Englischlernen für die Kleinsten

Ohne Englisch keine Karriere - in der globalisierten Welt werden Fremdsprachen immer wichtiger. Deutsche Eltern führen ihre Kinder deshalb so früh wie möglich an die Sprache heran. Allerdings mit zweifelhaftem Erfolg.

Vier Frauen sitzen im Kreis und wippen zur Musik. Die Kleinkinder auf ihren Knien sehen dabei verdutzt in die Luft, krabbeln über den orangefarbenen Teppich oder wippen mit zu den Kinderliedern, die aus dem CD-Player dudeln, natürlich auf Englisch. Überhaupt wird jedes Wort, jedes Lob, jeder Halbsatz in dem Frankfurter Kurs auf Englisch gesagt. Von den Müttern und der Kursleiterin. Die kleinen Schülerinnen und Schüler können selbst noch gar nicht sprechen. Aber sie hören neben der deutschen Sprache schon seit einigen Monaten Englisch, regelmäßig einmal in der Woche beim "Baby's Best Start"-Kurs.

Zum Beispiel Mirali. Seit acht Monaten besucht die Einjährige den Englisch-Kurs. Ihre Mutter Miriam Bardowicks möchte, dass die Kleine nicht nur mit der deutschen Sprache aufwächst. "Was die Zweisprachigkeit angeht, ist es auf jeden Fall gut ist, dass ein Kind viel Englisch hört, wenn es später Englisch lernen soll." Die Wissenschaft gibt der Mutter recht: Die Grundlagen für Grammatik, Betonung und Aussprache werden schon in einem so frühen Alter gelegt. Miriam Bardowicks glaubt daher, dass ihre Tochter viel aus dem Baby-Englischkurs mitnimmt.

Hoffnung ehrgeiziger Eltern gedämpft

Sprachwissenschaftlerin Petra Schulz bezweifelt das. Sie hält die Wirkung solch früher Englischkurse für überschätzt. Zumindest, wenn Englisch nur einmal in der Woche für maximal eine Stunde gesprochen wird, im Alltag der Kinder aber keine Rolle spielt. "Diese Frühförderung hält dem Vergleich mit einem Kind, das von Geburt an zweisprachig aufwächst, nicht Stand." Daher seien die Hoffnungen, die viele Eltern mit der fremdsprachlichen Frühförderung verbinden, sehr überzogen. Die Frankfurter Professorin, die am Institut für Psycholinguistik "Deutsch als Zweitsprache" lehrt, kennt keine Studie, die den positiven Effekt eines Baby-Englischkurses belegen würde.

Bild sunny the cat Marry Anne Philippakis liest den Kinder die Geschichte von Sunny the Cat aus dem Bilderbuch vor. Bild: Bianca Von der Au 03/2012 VERWENDUNG NUR FÜR DEN ARTIKEL Englisch lernen ab 3 Monaten

Vorlesen auf Englisch

Dennoch kommen Woche für Woche Eltern mit ihren Babys und Kleinkindern zu Mary Anne Philippakis. Zusätzlich zur Englisch-Stunde einmal die Woche bekommen die Mütter eine CD mit, die sie ihren Babys zu Hause vorspielen sollen. Während des Kurses singt Mary Anne Philippakis den Kleinkindern etwas vor oder erzählt ihnen die Geschichte von "Sunny the Cat". Sie hält das Bilderbuch aufgeschlagen auf ihrem Schoß und zeigt auf einzelne Symbole. Dazu spricht sie die englischen Worte aus: "Sonne. Katze. Baum". Seit einem Jahr macht sie das nun schon in ihrem eigenen Lerncenter in Frankfurt. Zuvor hat sie in Kitas und bei sich zu Hause eine Hand voll Kinder unterrichtet. Die Nachfrage ist ständig gewachsen.

Trotz Skepsis der Wissenschaft - Nachfrage wächst

"Ich habe mit 15 Kindern angefangen", erzählt Philippakis. "Mittlerweile sind rund 150 Kinder in meinen Kursen." Über das große Interesse der Eltern am frühen Zweitspracherwerb ihrer Kinder ist die gebürtige Amerikanerin nicht erstaunt. Viele Eltern wollten ihren Kindern eben Startchancen geben, meint die ehemalige Unternehmensberaterin. "Je früher man mit einer Fremdsprache anfängt, desto einfacher ist es für das Kind." In deutschen Schulen werde die erste Fremdsprache recht spät gelehrt, kritisiert die Amerikanerin, die selbst drei Kinder hat. "Und dann muss es ganz schnell gehen, dass die Kinder die Sprache bis zum Ende der Schulzeit beherrschen."

Bild Übungsraum Babys In dem Übungsraum hören die Kleinkinder englische Lieder und spielen hier. Links ist Mary Anne Philippakis mit Puppe Annie und links im Bild Miriam Bardowicks mit ihrer Tochter Mirali (14 Monate). Seit ca einem halben Jahr besuchen sie den Frühenglischkurs. Bild: Bianca Von der Au 03/2012 VERWENDUNG NUR FÜR DEN ARTIKEL Englisch lernen ab 3 Monaten

Auf Englisch brabbeln

Genau dieser Vorsprung wird vielen Eltern in Deutschland immer wichtiger. Ihre Kinder sollen in der globalisierten Welt erfolgreich sein -und dazu müssen sie Fremdsprachen beherrschen. Die Angst, dass die eigenen Kinder später zu den Bildungsverlierern gehören und keine Aussichten auf einen gut bezahlten Job haben, ist groß. Also wird von klein auf trainiert und gefördert. Wie in den USA, Großbritannien oder China boomen auch in Deutschland die privaten Lehrinstitute. Doch diese Karriere-Hoffnungen muss Spracherwerbsforscherin Petra Schulz enttäuschen. "Es ist ein weiter Weg von einem Kurs 'Frühenglisch für Babys' bis zum bilingualen Kindergarten, dem bilingualen Abitur und dem Managerjob in einer englischsprachigen Firma."

Rhythmusgefühl durch Sprache

Doch davon lassen sich die Mütter des "Baby's Best Start"-Kurses nicht schrecken. Fremdsprachen gehören für sie zum Alltag. Viele sind mit Migranten verheiratet oder haben selbst einen Migrationshintergrund. Gut 80 Prozent der Kinder in ihren Kursen hätten einen internationalen Hintergrund, berichtet Philippakis. Ayumie-Sophie Jungs Vater etwa ist Deutscher und ihre Mutter Japanerin. Zu Hause wächst das 18 Monate alte Mädchen zweisprachig auf. Englisch soll sie noch lernen, weil ihre Mutter als Pianistin in der ganzen Welt unterwegs ist und daher weiß, wie wichtig gute Englischkenntnisse sind. Sie möchte, dass ihre Tochter von klein auf ein Gefühl für die Sprache bekommt.

Bild Kartoffelmann - Ayumie-Sophie steckt der Plastikpuppe die Plastikaugen ins Gesicht, dabei sollen sich die englischen Begriffe für Körperteile bei den Kindern festsetzen Bild: Bianca Von der Au 03/2012 VERWENDUNG NUR FÜR DEN ARTIKEL Englisch lernen ab 3 Monaten

Pianistenkind Ayumie-Sophie

"Sprache ist wie Musik", meint Ayumie-Sophie Jungs Mutter. "Meine Tochter bekommt ein Rhythmusgefühl." Auch die Kombination von Melodie und Rhythmus sei Sprache und das tue dem kleinen Mädchen einfach gut. Da würde Sprachentwicklungsforscherin Petra Schulz nicht widersprechen. Ihr Fazit zum "Englisch-Kurs" für Babys lautet: "Es schadet nicht, aber es nützt auch nichts." Zumindest dann nicht, wenn die Fremdsprache im Alltag der Kinder keine Relevanz hat.

Autorin: Bianca von der Au
Redaktion: Sabine Damaschke

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