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Kultur

Englisch schon im Kindergarten?

Immer mehr Eltern wollen ihre Kinder möglichst früh auf die immer globaler werdende Welt vorbereiten und noch vor der Einschulung mit der ersten Fremdsprache beginnen. Doch nur Reiche können sich diesen Luxus leisten.

Drei Kinder basteln (Foto: Kay International Pre School)

Experten raten: So früh wie möglich mit dem Fremdsprachentraining anfangen

"Children, today we want to bake cookies for our Christmas party", sagt Erzieherin Yasmin Awan. Mucksmäuschen still sitzen 15 Kinder zwischen drei und sechs Jahren mit blauen und roten Plastikschürzen bekleidet im Kreis um einen Tisch herum und schauen zu, wie Yasmin einen Halbmond aus dem Teig rollt. "Can we make other shapes, too? Stars?" fragt Bea, vier Jahre alt. "Or snakes?" will Julian, fünf Jahre alt, wissen.

Bea und Julian sind deutsch, wie die meisten der Kinder in der Kay International Pre School in Bonn. Einige wenige Kinder kommen aus Familien, die nur für ein paar Jahre aus dem Ausland in die Stadt am Rhein gekommen sind, zum Beispiel aus Kuwait, der Türkei, Rumänien oder Japan. In Bonn haben die Vereinten Nationen einen Sitz, Entwicklungshilfeorganisationen und einige internatione Konzerne. Die beiden Erzieherinnen, Yasmin Awan und Karen Birkett, sind Englisch-Muttersprachlerinnen. Sie verstehen zwar auch deutsch, sprechen aber ausschließlich Englisch, auch wenn die Kinder selbst auf Deutsch reden.

Ein Feuerwehrauto zum Spielen (Foto: dpa)

Feuerwehr adé - globale Kinder spielen "Fire Department" - zumindest, wenn Erwachsene in Hörweite sind

"Can I have more Teig?" fragt Florian. "Can I have more dough?" korrigiert Yasmin und antwortet gleich: "Yes of course, here is some more dough." Die Kinder lernen Englisch ohne Vokabelheft und Grammatikpauken. Sie lernen, indem sie genau zuhören, erklärt Erzieherin Yasmin, die in Bonn Englisch und Französisch auf Lehramt studiert hat.

Untereinander lieber Deutsch

"Schau mal, meine Schnecke" sagt Bea zu ihrer Tischnachbarin Sandra. "Machst du mir auch so was?" fragt Sandra. Untereinander sprechen die Kinder beim Spielen meistens Deutsch, umso mehr je weiter weg sie die Erzieherinnen wähnen. Yasmin weiß das: "Wenn ich bei jedem Spiel ankäme und die Kinder zum Englisch sprechen auffordern würde, wäre das Spiel kein Spiel mehr sondern Lernen." Wissenschaftler stimmen darin überein, dass Fremdsprachen lernen im Kindergarten ohne Druck stattfinden sollte.

Nachdem alle Plätzchen geformt und anschließend alle Hände gewaschen sind, versammeln sich die Kinder auf einem großen, bunt karierten Teppich. Es ist Zeit für eine Geschichte. Erzieherin Yasmin schaltet eine CD ein. Aufmerksam lauschen die Kinder der sanften männlichen Stimme, die die Geschichte von einem Jungen erzählt, dessen Familie so arm ist, dass sie keine Waschmaschine und keine Weihnachtsgeschenke kaufen kann.

Englisch lernen nur reiche Kinder im Kindergarten

Drei Kinder spielen ein Spiel (Foto: Kay International Pre School)

In der Kay International Pre School in Bonn sollen die Kinder auf Englisch spielen

Die Erzieherin erklärt den Kindern auf Englisch: "Denkt immer daran, manche Familien sind sehr arm und können sich nur wenig kaufen." Diese Vorstellung scheint den Kindern sehr viel fremder zu sein, als die englische Sprache. Die meisten kommen aus gut situierten Familien. Nicht ohne Hintergedanken haben die Gründer des englischen Privatkindergartens, Stephan und Helga Kay, die Nähe zum Bonner Villenviertel gesucht. 475 Euro pro Monat müssen die Eltern auf den Tisch legen, um ihr Kind täglich von 8 bis 13 Uhr in den Kindergarten zu schicken, wer sie bis 15 Uhr abgeben will, zahlt mehr.

Ermäßigungen für Geringverdiener gibt es nicht. Wer sich das nicht leisten kann, kann die Kinder in der angegliederten Sprachschule für 38 Euro im Monat einmal pro Woche für eine Stunde in den Englischunterricht geben. Die meisten der Lehrer in der Sprachschule seien Hausfrauen und Studenten, die auf Honorarbasis bezahlt werden, sagt Stephan Kay. Zum Vergleich: An der Uni Bonn bieten Studenten für zehn Euro Einzelstunden an.

Der Karrierevorsprung ist den Eltern die hohe Gebühr wert

Eine Kindergärtnerin liest vor

Vorlesen auf Englisch steht neben vielen anderen Aktivitäten auf dem Stundenplan

Für einen frühen Karrierevorsprung ihres Nachwuchses greifen die Eltern gern tief in die Tasche. "Im Berufsleben merke ich, dass die Leute, die sehr gut Englisch und Französisch sprechen, viel weiter kommen", sagt Stefan Miara, Mitarbeiter des Geologischen Dienstes in Krefeld, der seine beiden Kinder in den englischen Kindergarten schickt. "Sie sollen die Fremdsprache mit der Muttermilch aufsaugen." Den Kindern weitere Fremdsprachen von globaler Bedeutung beizubringen, wie Chinesisch, plant die Familie aber erstmal nicht.

Englisch lernen, um den Karrierestart der Kleinen schon vor dem Schulbeginn zu sichern, zählt nicht als Argument für eine Aufnahme auf die Bonn International School (BIS), wo Kinder von drei Jahren an bis zum Abschluss, dem international anerkannten International Baccalaureat, auf Englisch lernen. "Nur weil jemandem das deutsche Bildungssystem nicht gefällt, nehmen wir die Kinder hier nicht auf. Die Familie muss international ausgerichtet sein durch binationale Ehen oder durch Ambitionen der Eltern, ins Ausland zu gehen, wo sich die Kinder in einer englischen Schule verständigen müssen", erklärt Simon Davidson, Leiter des Kindergarten- und Grundschulbereichs der BIS. Höchstens ein Viertel jeder Klasse soll deutsch sein, damit die Internationalität der Schule gewahrt bleibt. Die Kinder sollen unterschiedliche Kulturen kennenlernen. Deshalb wird das islamische Zuckerfest genauso gefeiert wie Weihnachten oder Halloween.

Frau beim Kekse backen Weihnachtsgebäck (Foto: unbekannt)

Auch bei den Weihnachtsvorbereitungen sollen die Kinder der Bonn International School Englisch lernen

Deutsch ist nicht verboten

Das Konzept funktioniert ähnlich, wie im englischen Kindergarten. Rund 15 Kinder lernen beim Spielen, Bastel und Toben Englisch. Der größter Unterschied ist: Mütter helfen oft bei Aktivitäten aus. Heute dekoriert Mutter Susanne Hellmann mit den Kleinen Lebkuchenhäuser für die Weihnachtsfeier. Sie wechselt konzeptlos zwischen Deutsch und Englisch hin- und her. Die Kinder ahmen dies nach. "Wer will hier mal den chimney machen" ruft Hellmann in die Runde und schwenkt einen weißen Wattebausch. "Me" ruft Sanjit. "Und ich" meldet sich Moriz zu Wort. Deutsch sei zwar nicht verboten, aber die Kinder sollten schon Englisch lernen, damit sie später im Unterricht folgen könnten, sagt Erzieherin Myrene Weber, die auch in ihrem Heimatland, den Philippinen, als Kindergärtnerin gearbeitet hat.

An der BIS sind die meisten Selbstzahler deutsche Eltern

Auch in der Bonn International School bleiben die Reichen unter sich. Ein Kindergartenjahr kostet rund 10.000 Euro, die Kinder in den Abschlussklassen kommen nicht unter 15.000 Euro jährlich davon. In 70 Prozent der Fälle zahlen die internationalen Arbeitgeber der Eltern die Kosten, sagt Davidson. Viele der Eltern hier arbeiten bei den Vereinten Nationen, im diplomatischen Dienst oder in internationalen Konzernen. Doch unter den deutschen Schülern sind überproportional viele, deren Familien selbst für die vermeintliche Elitebildung aufkommen.

Die Namen der Kinder der Kay International Pre School wurden auf Wunsch des Leiters geändert.

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